Architektur

Blattgold im Berliner Milljöh

Jean-Pierre Andreae machte aus zwei Altbauwohnungen in Prenzlauer Berg eine extravagante Maisonette

König Ludwig II. wohnt jetzt in Prenzlauer Berg. Während der bayerische Monarch auf seinem extra erbauten Märchen-Schloss Neuschwanstein nur 172 Tage seines Lebens verbrachte, verweilt er in seinem neuen Berliner Zuhause nun schon seit gut 14 Jahren. Obwohl er lediglich ein Zimmer zur Verfügung hat, und zwar, nun ja, nicht gerade ein standesgemäßes. Sein Domizil ist: eine Toilette. Aber was für eine!

Blattgold an der Decke und auf dem WC-Deckel, königsblau gestrichene Wände, eine extravagante Lampe in Palmenform, die dank Gold, Kristall und Schnörkelspiegel genauso viel Bling-Bling versprüht, wie es Ludwig eben zusteht. Deshalb thront er – natürlich in einem schwer barocken Rahmen – als Bild an der Wand über der Tür. Für Sitzpinkler gut zu sehen. „Das ist mein König-Ludwig-Gedächtnis-Klo“, sagt Jean-Pierre Andreae, der sich mit ihm die herrschaftliche Toilette teilen darf. Im Rest der Wohnung, in der sich der 51-Jährige seinen Wohntraum verwirklichte, residiert er alleine. Aber nicht unbedingt weniger opulent.

Innenhof mit Froschkönig

Gut, Neuschwanstein ist es nicht gerade. Sondern ein topsanierter Gründerzeitaltbau im Winsviertel. 105 Quadratmeter auf zwei Ebenen, unten Küche, Wohnbereich und besagtes Gäste-WC, oben Schlafen, Arbeitszimmer und ein großes, ebenfalls sehr feudales Badezimmer. Dazu eine herrliche Südterrasse im Innenhof, die dank vieler großer Pflanzen rundum fast einen kleinen Garten mitten in der Großstadt abgibt. „Im Sommer ist das wirklich noch ein Zimmer mehr, gewissermaßen mein Grüner Salon“, sagt Andreae, der den windgeschützten Sonnenplatz nutzt, wann immer er die Zeit dafür findet. Auch abends bewirtet er häufig Freunde auf der Terrasse oder genießt einfach die Ruhe, die durch das Plätschern seines Froschkönig-Brunnens untermalt wird.

Spätestens in so einem Moment der Entspannung, weiß Jean-Pierre Andreae, dass er alles richtig gemacht hat. Er kaufte die Eigentumswohnung im Jahr 2000, zu einem Zeitpunkt, als die Immobilienpreise in der Hauptstadt noch im Keller waren, weil die Leute, wenn überhaupt, Dachgeschosse wollten. Die Maisonette im Hofgebäude war leicht und vergleichsweise günstig zu bekommen – zumal es auch eine ordentliche Portion Fantasie (und einen geduldigen Architekten) brauchte, um aus den beiden dunklen, kleinteiligen Zweizimmer-Wohnungen, wie sie in der ehemaligen Arbeitergegend Prenzlauer Berg hundertfach vorkamen, eine tolle Singlewohnung zu gestalten.

„Heute könnte ich mir das nicht mehr leisten – noch nicht mal als Miete“, sagt Andreae. Soweit der wirtschaftliche Aspekt. Viel wertvoller sind ihm aber bis heute die damals möglichen Gestaltungsfreiheiten, die aufgrund der starken Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt zum jetzigen Zeitpunkt wahrscheinlich kein Bauträger mehr mitmachen würde: Ein offener Kamin sollte her, das war die Grundbedingung für den Kauf, und zwar richtig offen, also ohne Glasscheibe, wie in einem Schloss eben, „sonst kann ich mir gleich eine DVD mit Feuer einlegen“, sagt Andreae. Dann eine alte Säule, 500 Kilogramm schwer, zu nichts Nutze, aber ein unglaublich elegantes Element im Eingangsbereich.

Als neuer Eigentümer plante er zudem Grundrissänderungen an allen Ecken und Enden, Wände raus, halbhohe geschwungene rein, er wollte großzügige Zimmer und ein schönes Entree statt eines langen Flurs. Und die ganzen Ausstattungsstandards strich er sofort: Fertigparkett, Buchenholztreppe, weiße Fliesen mit blauer Bordüre im Bad – damit kann Andreae nichts anfangen. Er hatte Glück, dass er in dem Architekten Wolf-Dieter Borchert, der damals den gesamten Altbau kernsanierte, einen Ansprechpartner fand, dem diese Sonderwünsche Spaß machten. 08/15 kann schließlich jeder! Aus der Zusammenarbeit entstand sogar eine Freundschaft, die bis heute hält.

Neben der Säule im Eingangsbereich stellte vor allem die auf alt getrimmte Eisentreppe die Statiker vor eine gewisse Herausforderung – eine Tragwerksverstärkung im Kellergeschoss musste extra dafür her. Dagegen waren das historische Fischgrät-Parkett und das Romeobalkon-Gitter für das französische Fenster im Obergeschoss, die Andreae von Händlern historischer Bauteile anschleppte, geradezu ein Klacks. Möbel musste er hingegen nirgends erstehen: Jean-Pierre Andreae wuchs in Bayern auf einem Gutshof auf. Auf dessen Speicher stapelten sich nicht mehr gebrauchte, zum teil total kaputte Tische, Stühle und Kommoden, die nach der erfolgten Restaurierung zu herrlichen Antiquitäten wurden.

„Als Jugendlicher fand ich diese alten Sachen furchtbar. Aber schon in meiner ersten Studentenbude lernte ich sie schätzen, weil sie Geschichte und Charakter haben – und einfach schön sind“, erzählt Andreae. Obendrein sind die Erbstücke auch noch ungeheuer praktisch. Der Esstisch mit edler Nussbaum-Furnier und gedrechselten Beinen lässt sich mit zwei Handgriffen zu einer Tafel für 14 Personen ausziehen. Und mit ein paar Leoparden-Print-Kissen wird auch ein altehrwürdiges Bett zu einem witzigen Sofa.

Überhaupt liebt Andreae durchaus den Bruch der Tradition: Moderne Bilder und Kunstwerke finden sich in seiner Maisonette fast überall – sie wirken für sich und geben den Antiquitäten, Kristalllüstern, Perserteppichen und schweren Gardinen dennoch ihre Bühne. Am allermeisten lebte Andreae seine individuellen Gestaltungsideen dann im Masterbad aus: Historisch anmutende Tapeten von Arte, liebevoll in mehreren Mustern und Bordüren und prächtigen Farben zusammengestellt, zieren die Wände des Raumes, in dem auch Grünpflanzen und Möbel zwischen Wanne und Bidet ihren Platz haben. Die alte „Kochmaschine“ – ein Holzofen, der an dieser Stelle in dem Altbau eingebaut war – hat Jean-Pierre Andreae kurzerhand zum Waschtisch umfunktioniert.

Führung für nette Kunden

Geschichte ist ihm schließlich ein Anliegen. Nicht nur in seinen eigenen vier Wänden, auch beruflich. Vor drei Jahren hängte der Diplomdolmetscher seinen Job in der PR-Branche an den Nagel, um sich voll und ganz seiner Passion zu widmen: Er macht exklusive Stadtführungen durch Berlin. Keine Reisegruppen, sondern meist gut situierte Einzelreisende oder Ehepaare, die in den Fünf-Sterne-Hotels der Stadt wohnen und einen Premiumguide wünschen. Manchmal laufen sogar Securities mit. Neben den Klassikern wie Regierungsviertel und Mauerwegen macht Andreae auch gerne Touren mit Titeln wie „Mythos Prenzlauer Berg – vom Arbeiterbezirk über Szeneviertel zur gentrifizierten Wohlstandsoase“. Sehr, sehr nette Kunden dürfen dann sogar mal bei ihm zu Hause reingucken, um eine typische Berliner Privatwohnung zu sehen – und sind meist sehr überrascht über das kleine Schlösschen im Berliner Milljöh. „Die Krise des Ornaments findet hier nicht statt“, sagt Jean-Pierre Andreae lachend über seine extravagant gestaltete Bleibe. Warum auch? Ludwig II. und er müssen sich schließlich wohlfühlen!