Versicherung

Hausversicherer erhöhen die Prämien

Der Gebäudebestand ist hoffnungslos überaltert. Das hat Konsequenzen für die Eigentümer

Ein lauter Knall weckte das Ehepaar Hasenknecht* mitten in der Nacht. Ehe sie so recht wussten, was los war, stand das Obergeschoss ihres 60 Jahre alten Einfamilienhauses bei Paderborn auch schon in Flammen. Die Hasenknechts konnten gerade noch ihre beiden schlafenden Kinder retten, bevor sich der Brand weiter ausbreitete – und das Haus schwer beschädigte. Ein Kurzschluss in der Elektroleitung des betagten Gebäudes hatte das Feuer ausgelöst.

Nachdem der erste Schock überwunden war, meldete das Ehepaar den Schaden seiner Versicherung. Die reagierte prompt: Schon am nächsten Tag schickte sie einen Mitarbeiter vorbei, der den Schaden begutachtete. Die von ihm beauftragte Firma erstellte einen Kostenvoranschlag und begann schon wenig später mit den Abbruch- und Aufräumarbeiten. Karl Hasenknecht indes hatte ein ungutes Gefühl – und ein von ihm beauftragter Gutachter gab ihm recht: Die von der Versicherung eingeschaltete Firma hatte den Schaden viel zu gering eingeschätzt. Er war mehr als doppelt so hoch wie veranschlagt. Seitdem streitet sich Hasenknecht mit seinem Versicherer, kommuniziert wird über die Anwälte.

Notlage wird ausgenutzt

Viele Deutsche teilen das Schicksal der Hasenknechts. Bei Schadensfällen in der Sparte Wohngebäude stellen sich die Versicherer immer häufiger quer. Sie nutzen die Notlage des Kunden aus, um ihn zu überrumpeln und die Schäden schnell, aber nur oberflächlich reparieren zu lassen. Pochen Verbraucher hingegen auf ihre Rechte, kommt es zum Streit. Wer öfter einen Schaden meldet, läuft zudem Gefahr, dass ihn die Versicherung rauswirft. Und auch Immobilienbesitzern, die von Schäden bisher verschont geblieben sind, drohen steigende Prämien und eingeschränkter Schutz – vor allem, wenn ihre Häuser älter als 30 Jahre sind.

Jahrzehntelang galt die Wohngebäudeversicherung als verbraucherfreundliches Produkt. Die Anbieter schielten in dieser Sparte nicht auf die großen Gewinne. Sie wollten darüber vor allem Kunden gewinnen, denen sie dann noch deutlich margenträchtigere Lebens-, Renten- oder Unfallversicherungen verkaufen konnten. Doch das funktioniert immer seltener. Die Gewinne in den anderen Sparten brechen weg, und das Geschäft mit Wohngebäude-Policen ist eh für kaum einen Anbieter rentabel. Laut dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft ist deren branchenweites Ergebnis seit 13 Jahren negativ. Der Lobbyverband schlägt deswegen immer lauter Alarm.

Rentabel kann das Geschäft aber nur werden, wenn die Assekuranz die Prämien stark erhöht, weniger Schäden reguliert oder aber Versicherungsnehmer mit hohen Risiken bestraft oder gar hinauswirft. Der Versicherte kann sich dagegen kaum wehren. Denn Prämienerhöhungen sind der Assekuranz auch innerhalb der Vertragslaufzeit erlaubt, wenn sie nachweisen kann, dass die Reparatur- und Instandsetzungskosten für beschädigte Gebäude gestiegen sind. Als Richtgröße dienen der Baupreis- und der Tariflohnindex für das Baugewerbe, den das Statistische Bundesamt vierteljährlich veröffentlicht.

Zudem haben die meisten Versicherten eine Klausel in ihrem Vertrag, derzufolge der Anbieter die Prämie erhöhen darf, wenn dessen Kosten stärker gestiegen sind als die Einnahmen. Dies prüft ein unabhängiger Treuhänder. Derzeit müssen Verbraucher bei Neuvertragsabschluss mit Jahresprämien von 200 bis 300 Euro rechnen.

Die Risiken lauern im alternden Bestand an Wohngebäuden in Deutschland. Der ist für die Assekuranz eine Gefahr, weil die Isolierung der Elektroleitungen spröde und brüchig sein kann. Auch ist die Belastbarkeit der Elektrik nicht auf die Menge an Geräten ausgelegt, die heute in Haushalten betrieben werden. So drohen Stromschläge, Kabelbrände oder eben ein Kurzschluss wie bei den Hasenknechts. Noch häufiger sind Schäden an Wasserleitungen. Von den 46 Milliarden Euro, die Versicherer zwischen 2002 und 2013 auszahlten, entfiel knapp die Hälfte auf Leitungswasserschäden. Laut einer Studie von Rockwell Consulting weisen ältere Gebäude doppelt so häufig Schäden auf wie Neubauten. Und immerhin rund 43 Prozent des Wohngebäudebestands in Deutschlands wurden zwischen 1949 und 1978 gebaut – eine tickende Zeitbombe.

„Rohrbrüche innerhalb des Gebäudes werden natürlich umso wahrscheinlicher, je älter das Gebäude ist, es sei denn, die Leitungen werden komplett saniert, was aber eher selten der Fall ist. Auch Sturmschäden können häufiger vorkommen, wenn die Dächer älter werden, Stabilität einbüßen und nicht rechtzeitig neu gedeckt werden“, sagt Michael Franke vom Analysehaus Franke und Bornberg.

Die R+V Versicherung und die Versicherungskammer Bayern haben ihre Prämien für Altverträge um bis zu 20 Prozent erhöht, bei der VGH gab es in den vergangenen Jahren Beitragssteigerungen von bis zu acht Prozent. Ähnliches gilt für die Alte Leipziger, hier wurden die Verträge in den vergangenen vier Jahren um bis zu zehn und zuletzt um sieben Prozent angehoben. Neben der gestiegenen Zahl der Unwetter nennen die Anbieter als Auslöser schon jetzt die Leitungsschäden vor allem in älteren Gebäuden. Dieser Trend wird sich wohl fortsetzen.

Besitzer von älteren Gebäuden haben damit schlechte Karten. Ihnen droht ein höherer Selbstbehalt oder sogar der Rausschmiss. In der Wohngebäudeversicherung haben Anbieter und Kunde nach jedem Schadensfall und unabhängig von der vereinbarten Vertragslaufzeit ein außerordentliches Kündigungsrecht. Verbraucherschützer raten deswegen, nicht jeden Schaden der Versicherung zu melden. „Einem hohen Anteil derer, die einen Großschaden haben, wird danach gekündigt“, sagt Rechtsanwalt Alfred Lomberg . Gerade Kreditnehmer, deren Bank für die Baufinanzierung eine Wohngebäudeversicherung verlangt, kann das in heikle Situationen bringen.

Anwälte beklagen, die chronisch defizitäre Lage der Wohngebäudeversicherer führe zu einer schlampigeren Schadensregulierung. Lomberg dazu: „Vor allem in den letzten Jahren kommt es immer häufiger vor, dass die Anbieter den Versicherten überrumpeln, um möglichst kostengünstig zu sanieren.“

Schaden ist doppelt so hoch

Laut Lomberg wird oft oberflächlich saniert, etwa nach einem Wasserschaden. „Es wird nur schnell drübergestrichen, obgleich das Dämmmaterial ebenfalls feucht geworden ist. Das fängt an zu schimmeln . Die Folgeschäden, auf denen dann der Verbraucher sitzt, sind erheblich“, so Lomberg. Kunden sollten daher immer einen unabhängigen Sachverständigen einschalten. Allerdings müsse sich der Verbraucher darauf gefasst machen, dass „um die tatsächlich zu zahlende Entschädigung gekämpft werden muss“.

Auch Familie Hasenknecht ist noch lange nicht an ihrem Ziel. Der Schaden beläuft sich wohl auf mehr als 60.000 Euro. Die Firma der Versicherung hatte anfangs 34.000 Euro veranschlagt.

*Namen geändert