Geschichte

Denkmalschutz spielt eine große Rolle

Die Genossenschaften wollen historische Bausubstanz und Architektur erhalten und moderne Wohnstandards schaffen

Wohnungsbaugenossenschaften haben gerade in Berlin eine lange Tradition. Einige blicken bereits auf eine über 100-jährige Geschichte zurück. Daher verfügen manche von ihnen auch über teilweise sehr alte Gebäudebestände, die heute unter Denkmalschutz stehen. Diese historische Bausubstanz und ihre Architektur zu erhalten und sie trotzdem auf einen modernen Wohnstandard zu bringen – das stellt für die Genossenschaften daher eine besonders anspruchsvolle Aufgabe dar. Dass Kompromisse zwischen den Belangen des Denkmalschutzes und der Notwendigkeit möglich sind, um zeitgemäßes Wohnen für die Mitglieder zu bieten, beweist das Beispiel des Lindenhofs in Schöneberg.

Die Anlage gehört zum Bestand der „Genossenschaftliches Wohnen Berlin-Süd“ (GeWoSüd) und zeigt, wie sich Erfolgsgeschichte schreiben lässt. „Wir verfügen über 2570 Wohnungen an zwölf Standorten in ganz Berlin, wovon etwa die Hälfte denkmalgeschützt ist“, sagt Norbert Reinelt, Architekt und Vorstandsvorsitzender der GeWoSüd. „Das betrifft vor allem die Lindenhof-Siedlung, die seit 1989 unter Schutz steht.“ Das Besondere an dem Groß-Ensemble ist dabei die Ablesbarkeit von mehreren Jahrzehnten Berliner Architektur- und Baugeschichte. „Im Lindenhof finden sich drei verschiedene Gebäudetypen, die aus den 20er-, 30er- und 50er-Jahren stammen“, meint Reinelt. „Für jeden dieser Teile haben wir beim Sanieren einen eigenen Mix von intelligenten Maßnahmen entwickelt.“

Ursprünglich als Gartenstadt geplant, entstanden die ältesten Gebäude der Siedlung ab 1919 unter dem damaligen Schöneberger Baustadtrat Martin Wagner. In den 30er-Jahren kamen dann zwei weitere Bauteile als viergeschossige Wohnhäuser hinzu. „Während des Zweiten Weltkriegs wurden etwa 80 Prozent der Siedlung zerstört oder beschädigt“, betont Reinelt. „Die entstandenen Lücken der Gartenstadtsiedlung schlossen in den 50er-Jahren dann Neubauten in der Fassadensprache dieser Zeit.“

Daher lassen sich die Kriegsfolgen noch heute beim Gang durch den Lindenhof an den Häuserzeilen erkennen. „Beim Sanieren haben wir diese unterschiedlichen Baustile mit durchgehenden, neuen Dächern aus Biberschwanzziegeln verbunden und diese gleichzeitig in Absprache mit dem Denkmalschutz zu Wohnungen ausgebaut“, sagt Reinelt. „Die dadurch entstandenen zusätzlichen Wohnungen dienen jetzt auch als ein Mittel, die denkmalgerechte Sanierung zu refinanzieren.“ Um schon im Vorfeld zu wissen, wie das Dach samt Gauben nicht nur auf Plänen, sondern in der Wirklichkeit wirkt, ließ die GeWoSüd extra ein originalgetreues Modell im Maßstab Eins-zu-Eins in einer alten Lok-Halle aufbauen. Das Beispiel überzeugte auch Skeptiker. Gleichzeitig erneuerte die Genossenschaft die komplette Haustechnik von den Rohren bis zu den elektrischen Leitungen, installierte Blockheizkraftwerke und Bäder. Hinzu kam moderne Wärmedämmung, die je nach Haustyp unterschiedlich stark ausfiel. „Auch wollten wir die historische Ansicht der Kastendoppelfenster erhalten“, meint Reinelt. „So haben wir die originalen Außenflügel beibehalten und die inneren durch Fenster mit hohem Wärme- und Schallschutz ersetzt.“

So verringert sich der Energieverbrauch der Häuser jetzt teilweise um zwei Drittel. Für die Gebäude späterer Jahrzehnte entwickelten die Planer entsprechend angepasste Lösungen. „Entscheidend ist der verantwortungsvolle Umgang mit dem bauhistorischen Erbe“, betont der Vorstandsvorsitzende. „Besonders wichtig ist dabei der Umgang mit den Mitgliedern der Genossenschaft.“

Denn Genossenschaften arbeiten zwar wirtschaftlich, aber nicht, um möglichst hohe Gewinne mit den Wohnungen zu erzielen, sondern um den Bestand solide für die Mitglieder zu finanzieren. „Vor der Sanierung haben wir jede Wohnung besucht und die Pläne mit den Mitgliedern besprochen“, sagt Reinelt. „Mit ihrem Einverständnis haben wir dann die Arbeiten begonnen.“

Für die Phase des Umbaus stellte die GeWoSüd eigene Umsetzwohnungen bereit und bot von sich aus Mietminderungen an, wenn zum Beispiel ein Gerüst den Blick aus dem Fenster verdeckte. Die Höhe der Nettokaltmiete liegt seitdem zwischen fünf für die modernisierten Bestands- und acht Euro für die Neubauwohnungen in den Dächern. „Wir wollen unsere Mitglieder ja behalten und nicht durch eine Modernisierung samt steigender Mietpreise vertreiben“, meint Reinelt.

Im Gegenteil: Die Genossenschaft hat sich in den vergangenen Jahren auch einiges für die Betreuung der Mitglieder einfallen lassen: Sie betreibt Waschhäuser, beschäftigt zwei Sozialarbeiter, bietet Hof-Feste zum Fördern der Nachbarschaft und sogar eine „Arbeitsgemeinschaft Bienen“ rief die GeWoSüd ins Leben. „Das alles können nur Genossenschaften leisten“, ist Reinelt überzeugt.