Wohnen

Ein Refugium im alten SO 36

Martin Schmitz und Patricia Schindler haben sich in Kreuzberg ein Loft mit 90 Quadratmetern Fläche gegönnt

Martin Schmitz sitzt auf seinem Lieblingsstuhl in der Sonne und blickt aus dem großen, bodentiefen Fenster hinaus auf die Luckauer Straße. Draußen, mitten in Kreuzberg, tobt das Leben, doch hier drinnen, hinter dreifach verglasten Scheiben, ist wenig davon zu hören. So kann er den Trubel der Innenstadt in Ruhe genießen.

Martin Schmitz wohnt im dritten Stock und ist Besitzer eines Lofts direkt an der Grenze zwischen Kreuzberg und Mitte. Blickt er hinunter auf die Straße, so schaut er direkt auf die doppelreihigen Mauergedenksteine, die quer über die Fahrbahn verlaufen. „Wo ich heute wohne, war früher der Todesstreifen“, sagt Schmitz. Es ist ein Ort, der nicht nur eine historische Bedeutung hat und der immer wieder an frühere Zeiten erinnert, sondern der auch für Schmitz eine ganz persönliche Relevanz besitzt.

Im wilden Kreuzberg

Schmitz kennt die Gegend noch aus den 80er-Jahren, als dies der hinterste Winkel von Kreuzberg war, SO 36 – ein Kürzel, das bis heute als Synonym für die alternative Szene Berlins steht. Diesen einst wilden Kreuzberger Teil verbindet man mit Hausbesetzern, Straßenschlachten, Berliner Nachtleben, Multikulti – und inzwischen auch mit allen Begleiterscheinungen der Gentrifizierung. Die Bezeichnung „SO 36“ geht auf den ehemaligen Postzustellbezirk gleichen Namens zurück, zu dem bis 1945 auch Teile der Bezirke Mitte und Treptow gehörten. Erst mit der Einführung fünfstelliger Postleitzahlen im Jahr 1993 fand sich die Zahl 36 nicht mehr in der Anschrift Ortsansässiger.

Martin Schmitz weiß um die Vergangenheit – und fühlt sich genau deswegen besonders wohl in dieser Ecke Berlins, im ehemals letzten Winkel, der heute mitten in der Innenstadt liegt. „Nie hätte ich damals gedacht, dass ich eines Tages hier wohnen würde“, sagt er. Lebte er früher in Schöneberg, pendelte häufig beruflich zwischen Berlin und Kassel, so fühlt er sich heute, hier an der Schnittstelle zwischen Kreuzberg und Mitte angekommen.

Mit seiner Frau Patricia Schindler bewohnt Martin Schmitz das etwa 90 Quadratmeter große Loft, das eine interessante Aufteilung hat: Eine große rundliche Wand beherbergt viele Bücher – Martin Schmitz ist Inhaber eines Verlags, der seinen Namen trägt –, dahinter befindet sich ein kleines Schlafzimmer. Die große Küche und das Wohnzimmer sind in einem Raum zusammengefasst.

Es fällt auf: Alles ist in Weiß gehalten. Und es gibt kaum Bilder an den Wänden. Grund dafür ist Schmitz’ frühere Tätigkeit als Galerist, bei der er es mit einer Fülle von Bildern zu tun hatte. Heute mag er seine Wände darum eher ruhig und pur.

Insgesamt besticht die Wohnung durch einen ganz ungewöhnlichen Schnitt: Sowohl an der Fensterseite als auch an der Innenwand gibt es einen Knick. Man kann sagen: Mit seinem besonderen Grundriss spiegelt sich in diesem Loft die gesamte ungewöhnliche Wohnsituation an dieser Straßenecke, denn der Baukörper folgt dem abknickenden Straßenverlauf.

Loggien sind nach Süden zum Platz vor dem Haus und nach Westen hin angeordnet. Mit seiner frontalen Ansicht nach Süden bildet das Gebäude einen markanten Schnittpunkt von Dresdener Straße und Waldemarstraße. Die Dresdener Straße gehört zu den ältesten und längsten Straßen Berlins, doch hat sie inzwischen deutlich an Bedeutung eingebüßt. Ursprünglich war die Dresdener ein Teil der Heerstraße, die aus Süden kommend bereits im 16. Jahrhundert von Mittenwalde über Rixdorf nach Berlin führte und 100 Jahre später sogar bis nach Dresden. All dies macht den Ort zu etwas Besonderem.

Zwei gegenüberliegende Eckgebäude mit 20 und 40 Eigentumswohnungen wurden bis zum Jahr 2010 zu beiden Seiten der Dresdener Straße in Kreuzberg errichtet. Die Skelettbauten mit Stützen erzeugen zum einen den gewünschten Charakter des Loftwohnens, zum anderen erlauben sie unterschiedlichste Grundrissvarianten, die wiederum unterschiedliche Nutzer ansprechen und sich bei Bedarf an geänderte Lebensumstände anpassen lassen.

So könnte auch die Wohnung von Martin Schmitz etwa durch weitere Wände durchaus in ihrem Grundriss verändert werden. Dabei spielen auch die dunklen Fensterrahmen, welche einen schönen Kontrast zum hellen Eichenboden bilden, eine entscheidende Rolle: Die Holzrahmen sind so angeordnet, dass hier Wände angeschlossen werden können. Bewusst ist das Gebäude durch die riesigen Fenster transparent gehalten. Diesem Umstand verdankt die Wohnung des Ehepaars Schmitz/Schindler ihre enorme Helligkeit. Wie die meisten im Haus haben auch die beiden einen großen Balkon, der über eine kleine abgesonderte und überdachte Ecke verfügt. Dort, ein wenig abgeschieden, genießen die beiden zurzeit ganz besonders gern die Frühlingsluft.

Paneele als Sichtschutz

In ihrer Wohnung im dritten Stock fühlen sich der Verleger und seine Frau seit bereits vier Jahren wohl. „Ich habe hier das Gefühl, nicht über der Stadt zu wohnen, sondern geerdet zu sein, sozusagen mittendrin“, sagt Schmitz. Er habe sowohl den Blick nach oben in den Berliner Himmel, könne hier aber auch die Erdverbundenheit spüren. Und seine Frau ergänzt: „Bereits in dieser Höhe kann man über die Dächer der umliegenden flachen Gebäude hinwegsehen. Ein Blick in die Weite ist ebenfalls uneingeschränkt möglich.“

Neben den Glasflächen bestehen die Fassaden außen am Haus aus weiß und anthrazit eingefärbten Betonfertigteilen. Das Besondere: Auf Höhe der Geschossdecken – bündig mit den Balkonen und Loggien – sind Gesimsbänder montiert. In diesen werden leichte Schiebeelemente mit Textilbespannung als Sonnen- und Sichtschutz in Laufschienen geführt. Jeder Hausbewohner kann seine Paneele individuell verschieben.

Martin Schmitz steht auf, bewegt eines dieser Paneele zur Seite und erklärt dabei das Konzept, welches hinter diesem ungewöhnlichen Sonnen- und Sichtschutz steckt. Diese speziellen Sonnenschutzpaneele haben nur zehn Prozent Lichtdurchlässigkeit. Hierdurch lässt sich die Stimmung in der Wohnung steuern und die Fassade ein wenig optisch verändern.

Doch so nüchtern die Außenfassade des Hauses auch ist, so spiegelt sich im Inneren der Wohnung ein wenig das frühere, alternative Leben des Paares – ein spannender Gegensatz. So stammen die Einrichtungsgegenstände, etwa die Schalensitze, teilweise tatsächlich noch aus den 1970er-Jahren.

Zentrales Objekt in der Wohnung ist jedoch ein Sofa mit der Blickrichtung gen Fenster. Hier genießt Martin Schmitz nicht nur die durch die großen Fenster fallende Sonne, sondern führt auch viele seiner geschäftlichen Gespräche mit anderen Akteuren der Buch- und Verlagsbranche.

Eigentlich bevorzugt er aber seinen Lieblingssessel direkt am Fenster, mit Blick auf die Luckauer Straße. Dort kann Martin Schmitz seiner Kreativität am besten ihren Lauf lassen, etwa wenn er über ein neues Buchprojekt nachdenkt. Und ein kleines bisschen fühlt es sich für ihn dann an wie damals in den 70er- und 80er-Jahren, als dies noch der hinterste Winkel Berlins war.