Technologie

Das Haus der Zukunft

Technisch hochgerüstet oder schlicht aus Holz? Experten streiten über Energieeffizienz

Ein Haus zu bauen ist ein sehr altes Bedürfnis. Seit etwa 10.000 Jahren werden dafür Steine geschichtet und Balken gehobelt, Reet gestapelt und Lehm gestampft. Der immer gleiche Prozess hat sich erst in den vergangenen Jahrhunderten allmählich zu verändern begonnen. In kurzen Abständen folgten das industrielle Zeitalter und die Moderne, die Postmoderne und schließlich die Umweltbewegung aufeinander. Aus dem simplen Bedürfnis wurde ein vielschichtiges Problem.

Heutzutage ist der Hausbau ein komplexes Vorhaben. Immer neue Faktoren wollen berücksichtigt sein, vor allem aufgrund des technologischen Fortschritts. Für Neubau wie für Renovierung gilt es, Hunderte von Fragen zu beantworten – nur dann hat die für viele Bauherren und Käufer größte Investition ihres Lebens die Chance, den Anforderungen der Zukunft gerecht zu werden und somit auch langfristig ihren Wert zu erhalten.

Experimente mit 3-D-Druckern

Dabei ist schon die Auswahl der geeigneten Materialien für Bau oder Renovierung eine schier unlösbar erscheinende Aufgabe: Allein die Materialbibliothek des Architekturbüros Foster and Partners in London enthält 19.000 verschiedene Muster: Metalle, Folien, Bleche, transparenten Beton, verschiedene Hölzer in unzähligen Bearbeitungen. Die Architekten bei Foster experimentieren schon seit Längerem mit glasfaserverstärktem Balsaholz und mit Methoden, ein Haus aus dem 3-D-Drucker zu errichten.

Dem vielfältigen Angebot des technisch Machbaren steht eine ebenso umfassende Anzahl an zu klärenden Nachhaltigkeitsfragen gegenüber. Möchte ich ein Haus, dessen Fassade Smog absorbiert? Oder doch lieber eine Oberfläche, die mithilfe von Algen Energie produziert? Will ich mit Solar- oder Geothermie heizen, oder halte ich Brennstoffzellen für die aussichtsreichere Technologie?

Auch beim Thema Wärmedämmung ist die Auswahl groß: Soll es Styropor sein, Porenbeton oder organische Materialien wie Wolle, Papier oder Stroh? Noch nie, so scheint es, waren beim Bauen so viele Faktoren gegeneinander abzuwägen wie heute. Das Haus der Zukunft zu bauen ist ein Abenteuer im Spannungsfeld von Kunst, Wissenschaft, Erfindung, Tradition und Technik. So kombiniert Architekt Manfred Hegger, Präsidiumsmitglied bei der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen, bei seinen Werken häufig gleich eine ganze Reihe von Technologien miteinander. Bei seinen Aktiv-Häusern, die nicht nur Energie einsparen, sondern einen Überschuss produzieren, bepflastert er fast die gesamte Hülle mit Fotovoltaik-Tafeln, setzt zusätzlich Geothermie ein, verwendet kontrollierte Lüftung mit Wärmerückgewinnung und nutzt auch noch sogenannte Phase-Change-Materials – Stoffe, die Wärmeenergie besonders effizient speichern und wieder abgeben können.

„Schon mit heutiger Technik“, so Hegger, „kann sich ein Einfamilienhaus bestens selbst mit Energie versorgen. Das funktioniert, weil im Vergleich zur Wohnfläche viel Gebäudehülle zur Verfügung steht, die für die Energiegewinnung genutzt werden kann. Dach und Wände sind ideale Flächen zum Einfangen von Sonnenenergie.“

Andere Experten raten vor allem, die Wechselwirkung zwischen Mensch und Maschine zu bedenken. Mehr Technik sei nicht immer die beste Lösung. „Die moderne Zentralheizung hat uns das Bewusstsein für Energie quasi aberzogen“, sagt etwa Matthias Schuler, einer der führenden Klimaingenieure in Deutschland. „Früher, als es noch einen Ofen pro Zimmer gab, war es viel mühsamer, Wärme zu erzeugen.“

Aus diesem Grund plädiert Schuler auch heute für weniger statt mehr Technik. „Eine mechanische Lüftung mit Wärmerückgewinnung stellen wir infrage, wenn es keine sehr guten Gründe dafür gibt. Oft quetscht man schmale Lüftungsschächte irgendwo hinein und braucht dann viel Strom, um die Luft durch diese kleinen Rohre hindurchzupressen. Da ist ein bewusster Nutzer mindestens ebenso effizient wie die Technik – und der verbraucht keinen Strom.“ Dennoch schätzen Experten, dass ein deutscher Haushalt bereits 2020 etwa 50 Geräte besitzen wird, die automatisiert oder mit dem Internet verbunden sind.

Als zukunftsträchtiger, weil nachhaltiger Baustoff gilt das Holz. Es ist das einzige Baumaterial, das nachwächst, das CO2 bindet und am Ende energetisch voll verwertet werden kann. Trocken gehalten, können Bauwerke daraus Hunderte von Jahren alt werden.

Nachhaltiger als sämtliche Hightech-Neubauten sind allerdings Altbauten. Das liegt vor allem an der sogenannten grauen Energie. Sie wurde aufgewendet, um Ziegel oder Beton herzustellen und zu transportieren und ist nun im Haus enthalten. Wird es abgerissen, wandert der Schutt auf die Halde und kann kaum recycelt werden. Das ist schlecht für die Umweltbilanz. Ein saniertes Einfamilienhaus hat daher einen deutlich kleineren „CO2-Fußabdruck“ als ein Neubau.

Alt und klein bedeutet nachhaltig

Ausgerüstet mit Sonnenkollektoren und Fotovoltaik kann es aber Ergebnisse erzielen, die besser sind als bei jedem Neubau. Beispiele zeigen, dass mit größeren Fenstern und weiteren Räumen die Wohnqualität solcher Häuser deutlich angehoben werden kann. Wobei die Wohnfläche selber auch wieder zu einem Problem werden kann: Allein zwischen 1998 und 2013 legte der Wohnraumverbrauch der Bundesbürger im Durchschnitt von 39 auf 45 Quadratmeter zu.

Dieser Mehrbedarf an Raum frisst oft alle aufwendig betriebenen Energieeinsparungen wieder auf. Das Haus der Zukunft, unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit betrachtet, ist also ganz anders, als man erwarten könnte – nämlich alt und klein.

Buchtipp: Louis Saul: „Bauen für die Zukunft. Was zu beachten ist, wenn man heute ein Haus baut oder eine Wohnung kauft. Ein Leitfaden für Bauherren und alle, die es werden wollen“, Callwey Verlag, 192 Seiten, 39,95 Euro.