Interview

„Der Gartenweg ist die Schlagader“

Grünbereiche der Anlage in Pankow sollen die Bewohner zusammenführen

Über das den Hessegärten zugrunde liegende Konzept sprach Oliver Klempert mit Architekt Walter Nägeli.

Berliner Morgenpost:

Professor Nägeli, die Hessegärten stehen unter dem Motto Entschleunigung. Warum dieses Konzept?

Walter Nägeli:

Berlin wächst. Der Bezirk Pankow wird zurzeit wie kein anderer durch Wohnungsbau verdichtet. Das Leben wird sich dort in Zukunft im intensiven Spannungsfeld von öffentlichen Grünräumen und verdichtetem Wohnen abspielen. Das moderne Leben verlangt von uns im Alltag Höchstleistungen. Je mehr wir uns diesen Herausforderungen stellen, desto mehr kommt dem Wohnen als entschleunigendem Gegenpart Bedeutung zu. Das Private wird zur Rückzugsinsel – und das ist genau, was wir mit den Hessegärten erreichen wollen: eine Insel der Ruhe inmitten einer lebendigen, brodelnden Stadt.

Welche Rolle spielen die Grünbereiche der Anlage?

Das Innere bildet eine kleine Gartenlandschaft, konzipiert als Weg mit angelegten Grünbereichen auf unterschiedlichen Höhen. Alle Wohnungen, auch die des großen Gebäudes an der Straße, liegen an dem Weg, werden also vom Garten aus erschlossen. Der Gartenweg fungiert somit als die Hauptschlagader der Anlage. Eine berankte Pergola wird den Garten in sanftes, südliches Licht tauchen, lädt zum Verweilen ein und soll an die besondere Gartentradition Berlins erinnern, etwa an die grandiose Symbiose von Architektur und Landschaft bei Lenné und Schinkel.

Wie haben Sie die Bebauung der Umgebung in die Pläne einbezogen?

Die Hessegärten sind aufgrund ihrer Lage zwischen sehr unterschiedlichen Gebäudetypen – von sechsgeschossigen städtischen Bauten auf der Nordseite bis zu Einfamilienhäusern im Süden – als vermittelnde, reagierende Architektur geplant, welche die Bauweisen in der Umgebung als anregendes Material für eine gestalterische Verarbeitung versteht. Der Bau an der Hermann-Hesse-Straße nimmt beispielsweise exakt das hohe Dachprofil seines Nachbarn auf und ergänzt beide zu einer weithin sichtbaren Gesamterscheinung. Die niedrige Bebauung entlang dem Güllweg ist so gegliedert, dass sie die Größen und Traufhöhen seiner Nachbarn aufnimmt.

Manche Wohneinheiten sehen wie ein Townhaus aus, drinnen sind die Häuser aber in verschiedene Wohneinheiten unterteilt. Können Sie diese Idee ein wenig erläutern?

Bei den Hessegärten wollten wir keine Reihung schmaler privater Parzellen, sondern hier stand der gemeinsame innere Garten im Vordergrund. Alle Einheiten haben sowohl einen Anteil an dem Gemeinschaftsgarten als auch einen privaten Außenbereich.

Wächst die Nachfrage nach ruhigem Wohnen bei guter Infrastruktur?

Lange Zeit war das Wohnideal für viele Familien das ruhige Häuschen im Grünen am Stadtrand – die Pendlergesellschaft. Inzwischen hat ein Umdenken eingesetzt, denn Pendeln kostet Zeit und ist teuer. Zugleich bleibt natürlich das Bedürfnis erhalten, ruhig zu wohnen. So entstehen Inselkonzepte wie die Hessegärten. Konzepte also, welche die Vorteile beider Welten miteinander zu verbinden suchen.