Architektur

Die Stadt bleibt draußen

Familie Zerger mag es zentral und doch ruhig. Ihr Zuhause: die Hessegärten in Niederschönhausen

So viel Platz zum Spielen und zum Toben! Der vierjährige Jonathan rennt in dem großen Wohnzimmer auf und ab, zieht sein ungewöhnliches Bobbycar – es hat die Form eines ICE-Zugs – aus der einen Ecke des Raums, schwingt sich drauf und flitzt quer durchs Riesenzimmer. „Wir haben uns diese Weitläufigkeit gewünscht, sodass man die Augen durch die Wohnung schweifen lassen kann“, sagt Vater Constantin Zerger. Der 34-Jährige wohnt mit seiner Familie auf 140 Quadratmetern über zwei Stockwerke in einem ungewöhnlichen Bauensemble, den sogenannten Hessegärten.

„Ruhe nach einem aufregenden Tag in der Berliner City – das ist es, was wir uns zum Wohnen gewünscht haben“, ergänzt Carolin Zerger, 35. Die dreiköpfige Familie lebt aber nicht etwa am Berliner Stadtrand, in einem Vorort der Hauptstadt, sondern mitten drin in der Millionen-Metropole. Im Bezirk Pankow, Ortsteil Niederschönhausen ist mit den Hessegärten ein Wohnensemble entstanden, das eigentlich widersprüchliche Wünsche vereint.

Geplant vom Berliner Architekturbüro Nägeliarchitekten, basiert es auf der Idee von Entschleunigung. Dem turbulenten Leben der Stadt werden urbane Gärten im Inneren der Wohnbebauung entgegengesetzt. Dort treffen ungewöhnliche Kontraste aufeinander.

Auch der Zugang zur Wohnung der Zergers ist besonders: Er verläuft über eine Treppe in den ersten Stock. Im Eingangsbereich fällt als erstes ein großer Spiegel in der Garderobe auf: Er kann verschoben werden, dahinter findet sich Stauraum für Kleidung und Schuhe. In diesem Stockwerk der Wohnung geht alles ineinander über: „Das Leben spielt sich bei uns irgendwie immer in der Küche und im angeschlossenen Wohnzimmer ab“, sagt Constantin Zerger.

Die Familie ist eher nüchtern und minimalistisch eingerichtet, hat zum Beispiel auf Vorhänge an den großen Wohnzimmerfenstern verzichtet. Im Wohnbereich steht ein Klavier, und ist Blickfang des großen Raums. Ein großes Bücherregal flankiert eine Wand. Einen Fernseher gibt es nicht. Abgehend vom Wohn- und Essbereich liegt dann das elterliche Schlafzimmer. Dort findet sich abgetrennt ein Ankleidebereich mit Regalen, ein begehbarer Kleiderschrank sozusagen.

Optisch wie ein Townhaus

Erst im Sommer des vergangenen Jahres hatten sich die Zergers zum Kauf einer Wohnung in diesem Quartier entschlossen. 140 Quadratmeter mit vier Zimmern über zwei Etagen nennen sie seitdem ihr Eigen. Von außen wirkt das Ganze wie ein Townhaus, obwohl es das im strengen Sinne gar nicht ist: Im Erdgeschoss befindet sich noch eine weitere Wohnung.

Die Familie Zerger lebt im ersten und zweiten Stock des Gebäudes. „Wir hatten grundsätzlich vor, eine Eigentumswohnung zu kaufen, hatten aber nicht aktiv danach gesucht“, sagt Constantin Zerger rückblickend. Dann wurden sie eher zufällig auf die Hessegärten aufmerksam, die bereits errichtet waren. Lediglich der Innenausbau fehlte noch. „Bei vielen Immobilien ist es heute so, dass alles verkauft ist, bevor überhaupt der erste Spatenstich erfolgt“, sagt Carolin Zerger. „Wir hatten den Vorteil, dass wir uns einen genauen Eindruck verschaffen und auf die Innengestaltung Einfluss nehmen konnten, etwa, wo Innenwände entstehen sollten und wo nicht.“ Auf eine extra Wand zur Küche haben die beiden zum Beispiel verzichtet.

Ursprünglich stammt das Ehepaar nicht aus Berlin. Carolin Zerger kommt aus Koblenz, Constantin aus Emmerich an der niederländischen Grenze. Sie suchten das Mittelmaß zwischen Land- und Stadtleben. So wohnte das Paar zunächst in den Floragärten in Pankow in einer Neubauwohnung mit 100 Quadratmetern, ehe es in den Hessegärten das Domizil fand, das es nun für viele Jahre bleiben soll. Hier finden die Zergers alles, was sie zum täglichen Leben benötigen, in näherer Umgebung.

„Ausschlaggebend für unsere Entscheidung, die Wohnung zu kaufen, war, dass alles Wesentliche fußläufig erreichbar ist, zum Beispiel dass Schule und Kita um die Ecke sind“, erklärt Constantin Zerger. Die Familie besitzt kein Auto. Mit dem Fahrrad radeln die Zergers stattdessen täglich eine halbe Stunde zur Arbeit. „Die Gegend bietet viele Grünflächen wie die nahe gelegene Schönholzer Heide oder den Schlosspark mit seinem Barockschloss Schönhausen und dem Fluss Panke – so macht Radfahren in der Innenstadt Spaß“, sagt Constantin Zerger.

Der auch bei Musikern, Politikern, Schauspielern und Schriftstellern beliebte Wohnort wird vor allem durch prächtige Villen und denkmalgeschützte Altbauten der Gründerjahre geprägt, immer wieder aufgelockert durch moderne Wohnhäuser. Die gesamte Umgebung variiert in den Höhen der Gebäude und bietet dem Auge Abwechslung. Die Hessegärten fügen sich dabei harmonisch in die traditionsreiche umliegende Bebauung ein, weisen sie selbst doch unterschiedliche Gebäudehöhen auf.

Fahrstuhl zur Tiefgarage

Das Areal ist mit verschiedenen Ebenen, Sichtachsen und Mauern strukturiert. Es besteht aus zwei sechsgeschossigen Wohn- und Geschäftshäusern sowie sechs dreistöckigen Stadtvillen mit Townhaus-Charakter. Einige der Wohnungen sind altersgerecht ausgebaut worden, die Tiefgaragen sind mittels Fahrstuhl zugänglich. Insgesamt 33 Wohnungen von 74 bis 200 Quadratmetern Größe mit je zwei bis fünf Zimmern und zwei Gewerbeeinheiten sind entstanden.

Im Obergeschoss der Zerger-Wohnung liegen zwei weitere Zimmer, momentan das Kinderzimmer von Jonathan sowie ein Arbeitszimmer und ein Bad. Wenn im Juli Jonathans Geschwisterchen auf die Welt kommt, soll das Arbeitszimmer ebenfalls Kinderzimmer werden. Beide zirka 14 Quadratmeter große Räume verfügen über eine eigene Terrasse. Von einer dieser Terrassen fällt der Blick in den Innenhof, in dem auch die Gärten der anderen Stadtvillen der Hessegärten aufeinander treffen. Ein eigener Spielplatz komplettiert die Anlage. Das zur Wohnung der Zergers gehörende Gartengrundstück grenzt dabei nicht unmittelbar an die Haustür. Sie erreichen es über einen kleinen Weg im Innenhof der Anlage.

Lange und intensiv haben sich die Zergers über den Innenausbau ihrer Wohnung Gedanken gemacht. Vor allem hell und freundlich sollte ihr neues Zuhause wirken. Und das Ergebnis entspricht den Vorstellungen der beiden. „Morgens haben wir Sonne im Schlafzimmer, die Abendsonne scheint in unser Wohnzimmer“, sagt Carolin Zerger. Vor allem bodentiefe Fenster sorgen dafür, dass viel Licht ins Innere fällt, was den Räumen noch einmal eine zusätzliche Weite verleiht. Wie auch das helle Holz, aus dem die Treppe zum Obergeschoss gebaut ist. Die gesamte Wohnung ist in Weiß gehalten, aber immer wieder finden sich auch auflockernde rote Farbtupfer, etwa an den Rückwänden der Nischen in der Küche.

Passend zum grünen Gesamt-Charakter der Hessegärten wurde bei der Errichtung des Ensembles auf Nachhaltigkeit Wert gelegt. So erfüllen die Gebäude die Standards der „KfW-Effizienzhäuser 55 und 70“ des Förderprogramms für energieeffizientes Bauen der KfW-Bankengruppe. Um darüber hinaus Energie und Kosten einzusparen, werden die Wohnungen durch ein gasbefeuertes Blockheizkraftwerk beheizt. Der dadurch produzierte Strom kann von den Bewohnern verbraucht werden.

Das alles kommt auch den Zergers zugute, die ihre Wohnung mittels Fußbodenheizung wärmen. „In unserem neuen Zuhause stimmt für uns alles. Nur der Fluglärm aus Tegel stört noch etwas“, sagt Constantin Zerger und blickt einem der vorbeifliegenden Flugzeuge nach. Aber das soll ja irgendwann vorbei sein.