Projekt

Nach der Baugruppe nun die Kaufgruppe

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Ein Berliner Start-up vernetzt Interessenten, die dann gemeinsam ein Wohnhaus erwerben

Es ist der Traum vom entspannten Wochenende: Nach einer stressigen Arbeitswoche am Freitagabend an der See aus dem Auto steigen, sich die frische Luft um die Nase wehen lassen und sofort abschalten. Doch das geeignete Ferienhaus zu finden kann sich als schwierig erweisen. Der Kauf kann eine Alternative sein. Aber wozu gleich ein Haus erwerben, das man nur wenige Wochen im Jahr nutzt?

Weil Patric Meier auf diese Frage keine Antwort fand, überlegte sich der Architekt einen anderen Ansatz – und initiierte die Baugemeinschaft „Meerleben“. Das Konzept sieht vor, möglichst viele Bauherren für eine neu zu errichtende Ferienhaussiedlung in der Nähe von Wismar zu gewinnen. Man kann sich als Bauherr eines einzelnen Hauses einbringen, sich aber genauso gut ein Objekt mit anderen teilen. Ganz nach Kassenlage und Urlaubsbedürfnis. Auf diese Weise entsteht an der mecklenburgischen Ostseeküste nicht nur das erste von einer Gemeinschaft errichtete Feriendorf Deutschlands, sondern auch eine Siedlung mit mehr Bauherren als Häusern.

Den nötigen Schub bekommen Projekte wie „Meerleben“ durchs Internet: Das Berliner Start-up GroupEstate etwa bringt nicht nur Gruppen von Bauherren, sondern auch von Immobilienkäufern zusammen. Und das ermöglicht, wie im Beispiel der Baugemeinschaft „Meerleben“, den gemeinsamen Erwerb von Haus oder Wohnung.

Grundsätzlich ist die Idee, gemeinsam Wohnungen zu errichten, vor allem in Großstädten etabliert. Statt Einfamilienhäuser zu bauen, investieren die an der Baugemeinschaft Beteiligten ihr Geld lieber in Wohnungen und errichten gemeinsam Mehrfamilienhäuser. Das entspricht nicht nur dem Trend zum urbanen Wohnen, sondern ist auch preiswerter, als eine Wohnung auf dem Markt zu kaufen.

Bei einem angenommenen Wohnungspreis von 300.000 Euro sparen die Baugruppenmitglieder gegenüber dem Marktpreis oft 60.000 Euro. Angesichts solcher Vorteile sind die Baugemeinschaften in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden. Allein in Berlin wurden bereits mehr als 3000 Wohnungen von Baugemeinschaften erstellt. Als weitere Hochburgen gelten Hamburg, Tübingen und Freiburg.

Das Start-Up GroupEstate will nun hierzulande noch mehr Flexibilität in die Anlageklasse Immobilien bringen. Es bietet dafür zum einen den Gruppenerwerb von Häusern oder Wohnungen an. Zum anderen bringt es nicht mehr allein Bauherren, sondern auch Käufer bereits fertiggestellter Objekte zusammen.

„In meiner Heimat Australien ist das durchaus üblich“, sagt Group-Estate Gründer Joel Dullroy. „Dort schließen sich viele junge Leute für den Erwerb einer Immobilie zusammen. Die Banken vergeben Darlehen auch an Gruppen.“ Über seinen Internetauftritt will Dullroy dieses Verfahren nun auch in Deutschland bekannt machen. Initiatoren können ein Projekt vorstellen und Partner für den Erwerb suchen.

Derzeit laufen auf der Seite mit dem Slogan „Gemeinsam Immobilien kaufen“ insgesamt 30 Projekte. Vertreten sind deutsche Orte von Achim (bei Bremen) bis Zella-Mehlis (in Thüringen). Die finanzielle Erfolgsquote liegt aktuell zwischen Null und 86 Prozent der jeweils angestrebten Kaufsumme, es haben sich Gruppen in einer Stärke von zwei bis zehn Personen gebildet.

Zimmer einzeln kaufen

„Man kann zum Beispiel seine Freunde oder Bekannten zur Teilnahme einladen oder auch neue potenzielle Partner kennenlernen“, erläutert Dullroy. „Wir wollen das Prinzip des Gemeinschaftskaufs einfacher und populärer machen.“ Grundsätzlich kann über die Gruppe sogar lediglich ein einzelnes Zimmer in einer Wohnung erworben werden. Für das Prozedere stellt GroupEstate zusätzlich kostenlose Musterverträge bereit. „Darin sind Rechte und Pflichten der Gruppenteilnehmer explizit geregelt“, sagt Dullroy. Bei Bedarf kann der Vertrag individuell modifiziert werden. Für unvorhergesehene Ereignisse müssen individuelle Lösungen gefunden werden. Will etwa ein Mitglied aus der Gruppe austreten oder kommt es zur Zahlungsunfähigkeit eines Teilnehmers, können die anderen dessen Anteile übernehmen oder versuchen, ein neues Mitglied zu finden. Oder die Immobilie wird verkauft und die Gruppe aufgelöst.

„Dabei gibt es, was den Wiederverkaufswert angeht, die gleichen Chancen und Risiken wie bei einem Einzelkauf“, sagt Dullroy. Als Mini-Immobilienfonds möchte der Australier die Gruppen aber nicht bezeichnet wissen. Bei Fonds gebe es Verwaltungsgebühren, hier gleich gerichtete Interessen von Partnern auf Augenhöhe. Zudem seien die Projekte auf Eigennutzung ausgerichtet. Einnahmen erzielt GroupEstate durch Vermittlung von Krediten. Deren Inanspruchnahme ist aber nicht Voraussetzung für eine Teilnahme. Unterstützt wird das Start-up von der Suchmaschine Immobilienscout24. Zudem konnten 50.000 Euro Fördergeld von der Europäischen Union eingeworben werden.

Fördergeld von der EU

Architekt Patric Meier, der für „Meerleben“ nicht nur die Häuser entwirft, sondern auch selbst dort einziehen will, ist von den neuen Möglichkeiten begeistert. Er will sich sein Haus mit weiteren Partnern teilen. Die Idee, wie man die Immobilie dann managen könnte, kam wiederum von GroupEstate: „Wir voraussichtlich drei bis vier Besitzer werden es wohl so machen, dass wir wie andere Nutzer auch Miete an uns selbst bezahlen“, erläutert Meier. „Wer das Haus häufig nutzt, zahlt entsprechend. Wer es seltener in Anspruch nimmt, erhält mehr Einnahmen.“ Vor dem Bauen in der Gemeinschaft hat Meier aufgrund seiner Erfahrungen als Architekt wenig Sorge. „Man ist in einer Baugruppe selber Unternehmer“, sagt er. Das bedeute, dass es bei Projektbeginn keinen Festpreis gebe, sondern lediglich eine Kostenprognose. Die aber liegt regelmäßig unterhalb der Summe, die ein Bauträger für ein Objekt verlangen würde.

Das unternehmerische Agieren beinhalte zwar auch Risiken wie etwa die Insolvenz von Baufirmen. Doch diese Gefahren könnten durch das Know-how des jeweiligen Architekten minimiert werden. „Ich sage den Mitgliedern immer, dass nicht der billigste Anbieter der beste sein muss“, erklärt Meier, „wir schauen immer ganz genau hin, auch und vor allem bezüglich der wirtschaftlichen Solidität.“

Für das Feriendorf bei Wismar hat der Architekt ein sogenanntes Konfektionshaus entworfen. Dafür werden konstruktive Details wie Dächer, Wandaufbau und Fenster vereinheitlicht, was einen erheblichen Kostenvorteil mit sich bringt. Individuelle Freiheit gibt es dafür bei den Grundrissen. Auf einer Grundfläche von elf mal 13 Metern variieren die Häuser mit Patios, Terrassen oder Lichthöfen, die geschätzten Kosten liegen zwischen 200.000 Euro und 360.000 Euro pro Haus – je nach Ausstattungswünschen.

Der erste Spatenstich für das Großprojekt könnte schon Anfang 2016 erfolgen, hofft Architekt und Bauherr Patric Meier. Und wenn alles glatt läuft, ist der Traum von der Gemeinschaftsferiensiedlung Mitte 2017 fertig. Eine gute Zeit, um an einem Freitagnachmittag an der See anzukommen – und genau zu wissen, wo man das Wochenende über Entspannung finden wird.