Architektur

Und wo ist die Küche?

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Anna Klar

Ein Versteck im Schrank ist der besondere Clou der großräumigen Wohnung in den Fehrbelliner Höfen

„Ceci n’est pas une cuisine.“ Das hier ist keine Küche, nennt die Architektin Annette Goderbauer ihr Projekt in den Fehrbelliner Höfen im Prenzlauer Berg. Auf den witzigen Titel ist sie beim gemeinsamen Ideensammeln mit ihren Auftraggebern gekommen.

Frei nach dem belgischen Surrealisten René Magritte, der einst eine Pfeife malte und frech drüber schrieb, dass das eben keine Pfeife sei, entwarf Annette Goderbauer einen Grundriss, der je nach Wunsch der Auftraggeber die Küche mit einigen Tricks in den Hintergrund stellt, ja fast versteckt, diese aber, falls gewünscht, präsent werden lässt.

„Alle meine Projekte bekommen einen Namen. Der Titel gefiel meinen Auftraggebern besonders“, sagt die Architektin und freut sich über den kleinen Spaß. „Das französische Paar plante eine Investition in eine Immobilie in Berlin. An der Wohnung in den Fehrbelliner Höfen gefiel ihnen jedoch der Grundriss nicht. Die Zimmer waren zu klein und die Küche zu sehr in den Mittelpunkt gestellt. Das sollte ich ändern“, fasst sie den Auftrag zusammen.

Mit dem Ergebnis waren die beiden Franzosen anschließend aber derart zufrieden, dass sie nicht nur die Immobilie erwarben, sondern nun sogar planen, ihren Lebensmittelpunkt nach Berlin zu verlegen und selbst einzuziehen.

Doch jetzt steht erst einmal Annette Goderbauer im Wohnzimmer und breitet ihre Arme aus. „Hier war eine Wand und dahinter ein weiteres Schlafzimmer.“ Das sei ein „unsinniger Grundriss“ gewesen, findet sie und erklärt: „Das Licht in den beiden in einem Halbrund gebauten Räumen war spärlich. Beide Zimmer waren recht klein und schlecht zugänglich. Offenbar hatte der Bauträger die Vorgabe gemacht, die Wohnung müsse zwei Schlafzimmer haben, und so wurde der Raum dann unvorteilhaft geteilt.“

Auch die Küche sei auf dem ursprünglichen Grundriss zu dominant geplant worden. „Sie war recht groß und ging um die Ecke, nahm also fast zwei komplette Wände in Beschlag, ein vorgerückter, freistehender Küchenblock kam hinzu. Es gab keine Möglichkeit, zum Beispiel einen Tisch in den Raum zu stellen.“ Die Fachfrau nahm sich den Grundriss vor und schuf aus einer dunklen Wohnung ein 91 Quadratmeter großes lichtdurchflutetes Appartement.

Ein Raum wie ein Saal

Aus den beiden kleinen Räumen wurde ein knapp 40 Quadratmeter großes helles Zimmer. Auch das Halbrund kommt nun besser zur Geltung. Dreifachverglaste bodentiefe Fenster und eine Raumhöhe von 3,31 Metern lassen den Raum wie einen Saal erscheinen. Die Planung ist überzeugend. Man mag sich hier keine zwei Räume mehr vorstellen.

Die zurückgenommene Küche schafft zusätzlichen Platz. Die Küchenzeile wurde auf eine Wand reduziert und auf den freistehenden Küchenblock komplett verzichtet. Spülmaschine, Herd, Dunstabzugshaube und Kühlschrank sind nirgends zu sehen. „Sie sind aber wirklich da“, versichert Annette Goderbauer.

Sie klopft gegen eine Schranktür. Prompt öffnet sich diese. Dahinter kommt eine Spülmaschine zum Vorschein. Annette Goderbauer schmunzelt über die Überraschung und schiebt eine Tür zur Seite. „Siehe da, der Herd!“, sagt sie. Durch das Herausschieben eines anderen Schranks zeigt sich die Dunstabzugshaube. Und auch der Kühlschrank und der Gefrierschrank befinden sich hinter weißen Schranktüren. Wo der sperrige Küchenblock einst stand, findet sich heute ein großer Küchentisch mit fünf Stühlen.

„Stauräume schaffen“ war ein weiteres Credo des Projekts. „Die Wohnung hat sie soweit das Auge reicht“, sagt die Architektin. Bei der Planung kam ihr immer wieder ihre Ausbildung als Schreinerin zugute.

Der Entwurf für den Wandschrank im Flur stammt ebenfalls von Annette Goderbauer. Dieser ist mit knapp 35 Zentimetern nicht tief, erstreckt sich aber gut sechs Meter in die Länge und drei Meter in die Höhe entlang einer Wand des Flures. Darin befinden sich Schränke und Fächer diverser Größen, allesamt mit Schiebetüren versehen. „So haben die Bewohner ausreichend Raum, um alles unterzukriegen, was man so braucht, und darüber hinaus noch Platz genug, um sich im Flur aufzuhalten, da keine Türen den Durchgang versperren können“, sagt die Expertin.

Die Einrichtung der Wohnung ist sehr geschmackvoll. Neben den von der Architektin entworfenen Schränken und Regalen in Flur, Küche, Wohnzimmer und Schlafzimmer – allesamt in der Farbe Weiß – stehen edle Designermöbel. So auch in der Küche. Ein Metalltisch und Stühle aus Kunststoff des Designers Philippe Starck haben hier ihren Platz gefunden.

Im Wohnzimmer stehen drei Sitzgelegenheiten – Sofa, Sessel und Liege von Roche Bobois. Das helle Grün der Möbel setzt den Raum in ein freundliches Licht. Für die Beleuchtung sorgen auch hier Designleuchten. Eine Wolke aus Metall des italienischen Leuchten-Herstellers Artemide (Designer Ross Lovegrove) hängt über Sofa und Sessel und leuchtet dezent. Für zusätzliches Licht sorgt eine Stehleuchte von Flos (Designer Achille Castiglioni), die sich quer über das Sofa spannt.

Der Eyecatcher im Wohnzimmer sind zwei opulente und vor Farben strotzende Bilder des Künstlers Andrew Salgado. Die Bilder beanspruchen eine komplette Wand für sich und lassen den Betrachter stutzen, der erst beim zweiten Blick entdeckt, dass beide Bilder zusammen eine Einheit bilden.

Tür ins Regal integriert

Hinter einer Nische im Wohnzimmer hat Architektin Annette Goderbauer ein raffiniertes Regalsystem platziert. Die Tür, die sich ursprünglich in der Wand befand, wurde schmaler gestaltet und in das System integriert. Drumherum sind nun über die komplette Wand Regale mit einem immer wiederkehrenden Muster angebracht. Hier ist viel Platz für Bücher, CDs und kleine Erinnerungsstücke.

Durch eine schmale Tür geht es dann über den Flur ins Schlafzimmer sowie ins danebenliegende große Badezimmer. Auch hier hat Annette Goderbauer für mehr Platz gesorgt. So ersetzte sie die sperrige Tür zum Schlafzimmer durch eine Schiebetür. Und auch der riesige Kleiderschrank verfügt über leise gleitende Türen.

Etwas Besonderes ist der Boden in der Wohnung des gelungenen Apartments: Es ist ein Betongussboden, der sich vom Wohnraum über die Küche, den Flur bis in das Schlafzimmer einheitlich durchzieht – Fußbodenheizung inklusive. Teppiche bilden dazu einen warmen Kontrast. Beides passt gut zu den weißen Wänden und der bewussten Auswahl der Möbel.

Man sieht bei der Besichtigung der Wohnung Annette Goderbauers Gesicht den Spaß an, den sie bei der Arbeit am Grundriss der Wohnung gehabt haben muss. „Es war schön zu sehen, was man mit ein paar kleinen Eingriffen reparieren kann“, sagt sie und ist sichtlich froh darüber, wie zufrieden auch die Eigentümer mit ihren neuen eigenen vier Wänden sind.