Serie: Der große Traum

Der Irrtum vom Höhlenmenschen

Warum sich so viele Deutsche nach einem Einfamilienhaus sehnen. Neue Serie

Die Geschichtsschreibung des Wohnens beginnt mit einem Irrtum. Die Steinzeitfamilie hat nicht, wie es Generationen von Schulkindern gelernt haben, in einer Höhle gelebt. Nach neueren paläoanthropologischen Erkenntnissen zog der prähistorische Jäger und Sammler das Freiland der dunklen Höhle vor und nächtigte auf seiner Suche nach Nahrung in Laubhütten, auf Bäumen, in ledernen Zelten oder wählte überhängende Felswände als Behausungen. Höhlen wurden eher zu kultischen Zwecken genutzt.

Wenn also Architekten wie Walter Sobek die Menschen in Höhlen- und Nestbewohner einteilen, irren sie. Und die Immobilienwirtschaft, die gern mit dem Urbedürfnis des Menschen nach einer schützenden Höhle wirbt, muss wohl ihr Marketing überdenken.

Geborgenheit für die Familie

Dennoch hat sich die Idee von der Höhle als Rückzugsort, die Sicherheit vor den Unwägbarkeiten des Lebens bietet, tief in das Lebenskonzept der Gesellschaften der industrialisierten Welt eingegraben. Höchster Ausdruck dieses Strebens ist nach wie vor das frei stehende Einfamilienhaus. Die Mehrheit der Deutschen sehnt sich danach. Doch es verbraucht auch relativ viel Fläche und Energie. Wie also passt das Einfamilienhaus in die heutige Zeit demografischen und soziologischen Wandels?

Die erste Wohnform, die Vorbild für das Einfamilienhaus war, entstand vor rund 2000 Jahren in Form der antiken Villa und des Domus, wie sie in Griechenland und in der späten römischen Republik bis zum 4. Jahrhundert n. Chr. gebaut wurden. Der lateinische Begriff „Villa“ bezeichnete ein römisches Landhaus, das ein Großgrundbesitzer außerhalb der Stadt als repräsentatives Herrenhaus für seine Familie bauen ließ. Diese sogenannte Villa urbana unterschied sich vom Domus, dem Stadthaus, darin, dass sie frei stehend und von einem großen Garten umgeben war. Bei einem Besuch der Villa Romana del Casale bei Enna auf Sizilien bekommt man einen Eindruck von der Großzügigkeit und repräsentativen Pracht dieses Haustyps, den sich damals nur besonders Wohlhabende oder die Mitglieder der Aristokratie leisten konnten.

Doch so modellhaft die antiken Villen auf die Gestaltung späterer Wohnhäuser bis hin zur Moderne auch wirkten – sie verfügten sogar mittels Zuleitungen aus Aquädukten über fließendes Wasser –, kann von diesem Typus noch nicht als echtem Einfamilienhaus gesprochen werden. Die moderne Kernfamilie aus den Eltern und ihren unverheirateten Kindern, wie wir sie heute kennen, gab es damals fast nicht. Sie spielte bis ins 19. Jahrhundert eine soziologische Außenseiterrolle.

Von der Steinzeit bis zur industriellen Revolution waren die frei stehenden Häuser daher meist so konstruiert, dass in ihnen nicht nur mehrere Generationen von Familienmitgliedern zusammen wohnen konnten, sondern auch die Arbeitssklaven und das Hausgesinde. Der Historiker Otto Brunner prägte für diese Wohnform der vorindustriellen Zeit den Begriff vom „Ganzen Haus“. In der Renaissance erlebte die Villa nach antikem Vorbild eine erneute Blüte und galt in Form einer präzisen Kopie vom Original als Traumhaus aller Mächtigen und Besserverdienenden des 15. und 16. Jahrhunderts. Die gelungenste aller antiken Repliken, Andrea Palladios Villa La Rotonda auf einem Hügel bei Vicenza, erscheint auch heute noch vollkommen.

La Rotonda wurde auch in Deutschland stilbildend für spätere Villenbauten. Nach ihrem Vorbild schuf etwa der Dresdner Architekt Gottfried Semper 1839 mit der Villa Rosa in Dresdens Neustadt ein Wohnhaus für die Familie des Bankiers Martin Wilhelm Oppenheim. Semper passte den ursprünglich quadratischen Grundriss mit zentralem Mittelsaal den Wohn- und Repräsentationsbedürfnissen der Familie Oppenheim an und schuf damit eine Art Prototyp für die deutsche und mitteleuropäische Villenarchitektur des 19. Jahrhunderts.

Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg des europäischen Bürgertums in der Zeit der industriellen Revolution ab Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs auch das Bedürfnis der gesellschaftlichen Aufsteiger nach Abgrenzung von der neu entstandenen Arbeiterklasse. Das Modell der Großfamilie, die unter einem Dach lebte, hatte in den Städten ausgedient und wurde in den neuen Zeiten der Trennung von Wohnen und Arbeiten ersetzt durch die bürgerliche Kleinfamilie. In den Vororten der großen Städte entstanden ab Mitte des 19. Jahrhunderts neue begrünte Villenviertel, und dank der jetzt industrialisierten Bauwirtschaft musste man als Bauherr auch kein Oppenheim mehr sein.

Um das Traumhaus auch für einkommensschwache Familien erschwinglich zu machen, entwickelte der Brite Ebenezer Howard um die Jahrhundertwende das sozialreformerische Modell der Gartenstadt – einer Großsiedlung mit Geschäften, Arbeitsmöglichkeiten und Infrastruktur auf dem Land mit Einfamilienhäusern, die aufgrund der niedrigen Bodenpreise erschwinglich waren. Sein Modell setzte sich in Deutschland allerdings nur in der Gartenstadt Hellerau, einem damaligen Vorort von Dresden, durch. Auf Stadtplaner hatte die Idee der außerhalb der Stadt gelegenen Siedlung jedoch großen Einfluss.

Bürgervilla macht auf bescheiden

Die klassische Bürgervilla stand aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage und aus politischen Gründen nach dem Ersten Weltkrieg im Zeichen einer neuen Bescheidenheit, und zum ersten Mal etablierte sich auch der Begriff vom „Einfamilienwohnhaus“. Vorbildhaften Charakter hatten in Europa und in den USA die Einfamilienhäuser von Star-Architekten der Moderne wie die Villa Savoye von Le Corbusier und die Villa Tugendhat von Mies van der Rohe.

Mit dem Boom des Einfamilienhausbaus in den 1960er-Jahren begann die zunehmende Zersiedelung der Landschaft mit architektonisch oftmals minderwertiger, dafür aber erschwinglicher Siedlungs-Massenware. Weiter steigende Grundstückspreise ließen die Fertighausindustrie sprießen. Und die heute niedrigen Zinsen machen das Häuschen im Grünen noch erschwinglicher.

Nächste Folge: Falsche Kragenweite – viele Einfamilienhäuser erweisen sich als zu groß und schwer verkäuflich