Architektur

Ein Haus aus der Natur

Das Architekturbüro Graft zeigt mit Plusenergiehäusern, wie das Wohnen der Zukunft aussehen kann

Man traf sich in Los Angeles, setzte sich zusammen und gründete ein Architekturbüro. 1998 war das, und die jungen Architekten Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit hatten in verschiedenen Büros, auch denen von Star-Architekten, Erfahrungen gesammelt. Jetzt wollten sie es als Gemeinschaft neu und anders angehen – und sorgten für Furore. Bald kam es zur Zusammenarbeit mit dem Schauspieler Brad Pitt, der in New Orleans eine Häusersiedlung finanzierte. Das Büro mit dem eigenwilligen Namen „Graft“ lieferte den Entwurf.

Das Wort stammt aus der Botanik und beschreibt ein Verfahren des Aufpfropfens eines sogenannten Basisvermehrungsguts, das zu einer Optimierung führt: zum Beispiel Schnittreben bei der Weinzucht. Beim Graft werden positive Eigenschaften von zwei genetisch verschiedenen Pflanzen durch das Aufpfropfen zum neuartigen Hybrid kombiniert. „Die Zukunft des Bauens liegt nach unserer Meinung nicht in hohen Renditekreisläufen, sondern in der Berücksichtigung der Natur und unserer Umwelt“, sagt Thomas Willemeit. „Es geht ums Weiterdenken, um Experimente, wir sollten uns in der Realität bewegen. Bauen kann einfach und trotzdem von hoher Qualität sein.“

Der Mitinhaber des Architekturbüros Graft steht vor den drei Plusenergiehäusern, die in Nähe zum Großen Wannsee kurz vor der Fertigstellung sind. Ein Ensemble in futuristischer Formensprache, interdisziplinär entwickelt. Es befindet sich auf dem ehemaligen Don-Bosco-Areal und wird zurzeit an die Mieter übergeben. Die Fassaden bestehen ganz aus Holz, die horizontalen Lamellen sind aus kanadischem Oregon Pine gefertigt und haben neben Ecken und Kanten auffällig viele weiche Rundungen. Das warme Holz umfließt das Ensemble wie ein schützender Mantel.

Thomas Willemeit bittet in das mittlere der Häuser. Erst kurz vor Weihnachten 2014 wurden die Wohnungen ausgeschrieben – und es begann sofort ein Run. Der Bauherr, ein Unternehmer, der lange in der Solarbranche führend tätig war, ein Fan nachhaltigen Bauens ist und ungenannt bleiben will, konnte zwischen mehreren potenziellen Mietern wählen. Den Zuschlag erhielten Menschen, die aus Überzeugung umweltbewusst leben, technikaffin sind und funktional durchdachte Wohnräume bevorzugen. Sie müssen sich etwas leisten können: Für 234 Quadratmeter Gesamtfläche sind 2650 Euro Miete pro Monat zu bezahlen. Die drei Häuser gingen an Paare mit Kindern.

Drei Meter Deckenhöhe

Offener Raum ist das Motto für den ebenerdigen Teil des Gebäudes mit seinen lichten Deckenhöhen von knapp drei Metern. Küchen- und Essbereich befinden sich auf gleicher Höhe, der Wohnbereich mit den Sitzmöbeln um den Kamin ist über zwei Treppenstufen abgesenkt. „So entstehen eine innere Topographie und zudem interessante Blickbeziehungen“, sagt Willemeit. Das Feuer in dem in Muschelkalkstein eingebetteten Kamin sei etwas Archaisches, ziehe seit Jahrtausenden Menschen an, und das halte bis heute an. Der Kaminblock mitten im Raum ist umhüllt von einer Lehmschicht, die Wärme aufnimmt und hält. „Eine traditionelle Idee“, sagt Willemeit. „Ein Haus braucht einen heißen Kern.“ Der Boden besteht in den Räumen aus Eiche. Über großformatige Glasschiebeelemente ist die Wohnlandschaft mit dem Garten verbunden.

Größter Wert wurde auf die Materialwahl für die Außenwände gelegt. Sie bestehen aus einem Holzständerwerk von 24 Zentimetern Wandstärke. Innenseitig ist das Ständerwerk mit einer 18 Millimeter starken Grobspanplatte verbunden, diese ist dampfdicht und wirkt aussteifend.

Die Wände sind mit Platten aus Gipskarton beplankt, die gespachtelt und gestrichen die fertige Oberfläche darstellen. Außenseitig wurde eine acht Zentimeter starke Holzfaserdämmplatte an das Ständerwerk angebracht, versehen mit einer Dämmschutzbahn. Der mittlere Raum zwischen den Holzständern ist mit einer Zellulosedämmung ausgefüllt. An diese Dämmschicht sind die Lamellen der Holzfassade montiert. „Massiv gebaut“, kommentiert der Architekt.

Das Holistic Living, wie das ganzheitliche Leben und Wohnen neudeutsch heißt, erforderte eine Planung, die auf nachhaltiges Bauen ausgerichtet ist. Deshalb kamen bei der Konstruktion ausschließlich ökologische Baustoffe zum Zuge. Dabei wurde ihr gesamter Lebenszyklus beachtet: von der Gewinnung und Verarbeitung über die Nutzung, Pflege und Veränderbarkeit. Selbst Abriss, Entsorgung oder Wiederverarbeitung sind bedacht worden. Deshalb wurden die Baustoffe, die der Abdichtung dienen, auf ein absolutes Mindestmaß reduziert und nur ganz selten verklebt. Somit können die Baustoffe am Ende ihres Lebenszyklus’ getrennt und je nach Verfall entsorgt werden. „Die Natur produziert im Überfluss“, sagt Thomas Willemeit und beruft sich dabei auf Studien.

„Nach dem Aufwachsen und am Ende der Blüte setzt die Verwesung etwa der Blätter ein. Das ist der immer funktionierende Kreislauf der Natur.“ Deshalb wurden für Tragwerk und Wände nachwachsende Rohstoffe verwendet. Holz lebt und arbeitet. Zugleich besitzen die Materialien hervorragende raumklimatische Eigenschaften. Holz und Lehm verbessern die Feuchtregulierung im Haus und schaffen ein gesundes Wohnklima.

Mit Erdwärme beheizt

Das Untergeschoss, das über eine Wendeltreppe erreicht wird, bietet 155 Quadratmeter Nutzfläche. Sie kann als Hobby- oder Partykeller eingerichtet oder für Wellness und Fitness genutzt werden – der Einbau einer Sauna ist vorbereitet. Eingebaut sind bereits Bad und Toilette. Außerdem befinden sich dort Lagerräume und die Haustechnik in einem Raum mit glänzenden Gerätschaften. Mehrere effiziente Einzelkomponenten werden zusammengeführt. Den solar erzeugten Strom speichert eine Batterieanlage. Die Energie für Heizung und Warmwasser wird durch eine Pumpe, die Erdwärme ansaugt und Erdsonden besitzt, gewonnen. Die Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung reguliert Temperatur und Luftfeuchte. Beim Wasserverbrauch wird gespart: Dafür sorgen Grauwassernutzung und Regenwasserzisterne. Alle Komponenten sind ferngesteuert zu kontrollieren und werden automatisiert geregelt. Das interne Energiemanagement leitet überschüssige Energie an das vor dem Haus unter der Kragung des ersten Stockwerks abgestellte E-Auto. Der E-Smart wird durch eine Mietgutschrift vom Eigentümer finanziert, das Stadtauto reicht völlig aus für den Bewegungsradius in und um Berlin. 19.500 Kilometer soll die Jahreslaufleistung ausmachen. „Mobilie und Immobilie gehören zusammen“, sagt Willemeit. „Netto ist hier gleich Brutto.“

Die Treppe, zentral im Erdgeschoss, führt in die Schlafräume im ersten Stockwerk. Dazu gehört ein geräumiges Bad, vor dem die Solarpanele auf einer Kiesdecke montiert sind. Durch intelligente Raumgliederung wird die Energie gespart. Die großen Fensterflächen – mit Sonnenschutzelementen ausgestattet – sind nach Süden ausgerichtet, das auskragende Obergeschoss und die Dachfläche bieten Verschattung im Sommer und solaren Wärmegewinn im Winter. Alle Wände, Decken und Fenster sind gedämmt, um Transmissionswärmeverluste zu vermeiden. Das Haus ist autark.

„Es ist es ein Forschungshaus“, sagt Thomas Willemeit. „Wir haben das komplette Know-how eingebracht, nun hoffen wir, dass die Mieter ihre Daten an uns weitergeben.“ Sie werden in das Zertifizierungssystem der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) eingespeist, damit die Zukunft des Bauens dokumentiert wird. „Das wird zu einer Vertrauensbildung führen“, prophezeit der Graft-Architekt.