Wohnprojekt

Jeder nach seiner Fasson

Das Mehrgenerationenhaus in Mitte ist ein Passivhaus mit 19 individuellen Wohnungen und Gemeinschaftsraum

Kathrin Zielke, einst aus Oberfranken zugewandert, ist von ihrer Eigentumswohnung im Mehrgenerationenhaus begeistert. Die Mezzosopranistin freut sich über die zentrale Lage an der Schönholzer Straße, den angenehmen Kiez „mit allem, was der Mensch braucht“ – und dass sie und ihr Mann Rolf Zielke, ein Jazz-Musiker und Hochschuldozent, bei der Gestaltung ihrer Maisonette-Wohnung vor fünf Jahren die richtigen Entscheidungen getroffen haben.

Die 140-Quadratmeter-Wohnung im Erdgeschoss ist ebenerdig und ein durchlässiger Raum, denn die offene Küche und das Wohnzimmer sind ineinander verwachsen. Der Küchenbereich liegt erhöht, aus ihm schraubt sich die Wendeltreppe in das Stockwerk darüber mit den Schlafräumen und dem geräumigen Bad. Die Sessel- und Couchlandschaft mit den Regalen, Retro-Stehlampen und dem Steinweg-Klavier grenzt direkt an den Gemeinschaftsgarten. In der Mitte des großen Raumes ist die Decke etwas abgehängt, darüber befindet sich das Rohr- und Elektrosystem.

„Das Haus ist wie eine Thermoskanne“, sagt Kathrin Zielke. „Im Winter bekommt man nie kalte Füße, und im Sommer ist es gut gekühlt. Die Passivbauweise ist enorm energie- und geldsparend. In diesem Winter habe ich nur zweimal im Bad die Heizung etwas aufgedreht.“

Auch die Töchter Ida, 15, und Felipa, 12, fühlen sich wohl. Auf der angrenzenden Bernauer Straße hält die Straßenbahn, mit der sie zu ihrer Schule in Pankow fahren. Zuhause haben sie ausreichend Platz in den von der Familie gemeinsam genutzten Räumen und in ihren eigenen Zimmern. Ihr Vater, der lange und laut an seinen Kompositionen arbeitet, tut das im Keller unter dem Wohnbereich, in einem eigenen Studio von 16 Quadratmetern. Die Familie hat eine exakt für sie passende Wohnung gefunden – für alle ist genügend individueller Raum vorhanden.

Im Mehrgenerationenhaus leben in 19 Wohnungen 33 Erwachsene und 23 Kinder, das jüngste erst drei Monate alt. Sieben Bewohner sind älter als 60 Jahre, 27 zwischen 30 und 50 Jahre alt. Es sind vorwiegend Paare mit ihrem Nachwuchs, aber auch ältere Damen bis weit über 70, ein Witwer mit Lebensgefährtin und Hund und eine Alleinerziehende mit ihrem Sohn. Die Wohnungen sind barrierefrei. Jede Einheit konnte, vor allem bei den Eigentumswohnungen, dem größeren Anteil im Haus, von den Bewohnern individuell gestaltet werden.

Plauderei im Erdgeschoss

Im Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss sitzt ein Dutzend Menschen am viereckigen Tisch, es gibt Kaffee und Wasser, und die Unterhaltung kommt schnell in Gang. Maria Schüler, eine der Ältesten im Haus, erzählt ihre Einzugsgeschichte aus dem Jahr 2009, als das Haus des Büros Deimel Oelschläger Architekten nach fünfjährigem Bau bezugsfertig war.

„Ich bin ein Kleinstadtmensch, stamme aus einem Ort bei Dresden, bin aber schon früh nach Ost-Berlin gekommen“, berichtet Schüler. „Als ich älter wurde, habe ich perspektivisch gedacht: Ich wollte nicht unter Alten leben in einem Seniorenheim. Dass ich dann ausgerechnet in diesem Haus landete, das auf einem Grundstück an der ehemaligen Mauer steht, ein Ort, auf den ich vor mehr als einem Vierteljahrhundert nie hätte meinen Fuß setzen dürfen, hat mich fasziniert.“ Damit sei sie Berlinerin geworden. „In diesem Haus habe ich mich auch in der Stadt verwurzelt.“ Neben ihr sitzt der zehnjährige Kevin, den sie manchmal, wenn die Mutter unterwegs war, zu Bett brachte, als er noch kleiner war. „So etwas ist hier einfach selbstverständlich“, sagt Maria Schüler.

Sie gehören zueinander, sagen die Mitglieder der Baugruppe, die das Haus zusammen geplant und ausgestattet haben – alles demokratisch. Aber: „Distanz und Nähe sind oberstes Gebot. Das war ein Lernprozess“, sagt Maria Schüler. Und eine andere der Älteren, Dagmar Wahnschaffe, berichtet von den Bewerbungsgesprächen, die es anfangs gab. „Manche, die einziehen wollten, erwarteten eine Art WG-Leben. Das aber wollen wir nicht. Hilfeleistungen aller Art sind möglich, sie ergeben sich einfach. Aber alle haben eine Wohnung, einen privaten Raum. Jeder darf sich darin nach seinem persönlichen ästhetischen Verständnis ausbreiten.“ Nach fünf Jahren leben, von einer Ausnahme abgesehen, nach wie vor die Erstbewohner in dem Haus mit seiner attraktiven Fassade.

Es steht an der großen unbebauten Schneise entlang der Bernauer Straße, wo der einstige Mauerverlauf noch genau auszumachen ist. Auf der Rückseite des Hauses liegt der ehemalige „Postenweg“ der bewaffneten DDR-Grenzsoldaten, über den jetzt Touristen schlendern.

Die Baugemeinschaft musste lange streiten, um für sich ein Gartengelände zu sichern, das allen zugänglich ist und in dem es Bänke für alle sowie einen Spielplatz für die Jüngeren gibt. Dort wird in der warmen Jahreszeit gegrillt, Leute sitzen zusammen, unterhalten sich, und Dagmar Wahnschaffe ist bekannt dafür, dass sie mit einer Flasche Campari aufkreuzt und ausschenkt. „Im Sommer findet viel draußen statt, es geht ganz locker zu“, sagt Wahnschaffe, die lange beim SFB (heute RBB) in der Hörfunk-Feature-Redaktion gearbeitet hat.

Dachterrasse für alle

Die Idee der Baugemeinschaft: ein moderner Bau mit unterschiedlichen Wohnungen in der Größe von 56 bis 140 Quadratmetern. Die Gesamtnutzfläche beträgt 2280 Quadratmeter. Zu den gemeinschaftlich genutzten Flächen gehören auch die Dachterrasse und ein großer Fahrradraum. Kinderwagen werden im Hausflur abgestellt. Die Wohnungen sind hell und offen, einige erstrecken sich über zwei Geschosse. Auf der Nordwestseite ist von Balkonen ein weiter Blick über die Gegend des ehemaligen Grenzgebiets möglich. Das Gebäude wurde in Mischbauweise errichtet: der massive Kern als Schottenbauweise in Stahlbeton, die Wände aus Mauerwerk wegen der zusätzlichen Aussteifung. Im hellen, sandfarbenen Anstrich der Fassade setzen rot verputzte Flächen Akzente.

Zum Südosten hin, an der Schönholzer Straße, öffnet sich die Fassade im einheitlichen Raster angeordneter Verglasungen, deren Rahmen markant Gelb und Rot leuchten. Um die Innenräume vor übermäßiger Sonneneinstrahlung und Überhitzung zu schützen, wurden an jede Fensteröffnung zwei hölzerne Faltschiebeläden montiert. Die Holzelemente sind über mittig angebrachte Scharniere miteinander verbunden.

In den Oberetagen des Siebengeschossers sind die Fenster kleiner dimensioniert. Dort ist jeweils nur ein Faltschiebeladen angebracht worden. Vor den kleinen Fenstern im Erdgeschoss können bewegliche Paneele, die dem jeweiligen Öffnungsmaß angepasst sind und auf Schienen laufen, zum Schutz verwendet werden. An der ganzen Fassade gibt es Lärchenholzlatten mit Sturmhaken. Je nach Nutzung verändert sich das Erscheinungsbild der Hausfront.

Dagmar Wahnschaffe bewohnt als Witwe allein ihre Wohnung im sechsten Stock. Ein moderner Aufzug bringt sie nach oben. Nach Südosten ist das große Wohnzimmer mit Blick auf die Dächer der Stadt und den darüber lugenden Fernsehturm offen. Es gibt sowohl an dieser als auch an der anderen Seite, die über die Küche zugänglich ist, einen Balkon.

Die Berlinerin, Jahrgang 1941 und bis zum Mauerfall in der westlichen Hälfte wohnhaft, wollte unbedingt „näher an die Kultur und deshalb in die Innenstadt. Ich habe meine Entscheidung nie bereut“, sagt sie. Sie ist voll integriert in die Hausgemeinschaft, spricht auch Probleme an und glaubt, „dass die Menschen in diesem Haus zusammen durch dick und dünn gehen“.

Sie hat gemerkt: „Leben Ältere unter überwiegend jüngeren Menschen, relativiert sich vieles schneller für alle. Die zu klärenden Dinge werden im laufenden Betrieb erledigt. Ein cooler Satz, und schon ist der Dampf raus!“