Interview

„Große Qualität auf kleinem Raum“

Man muss den Grundriss öffnen und alles auf das Wesentliche reduzieren

Mit Architekt Alexander John Huston, dem Gestalter des Microlofts in Kreuzberg, sprach Katrin von Raggamby über urbane Lebensräume, flexible Wohnmodelle und das schwierige Thema der Gentrifizierung.

Berliner Morgenpost:

Mit dem KD76 – so nennen Sie Ihr Microloft am Kottbusser Damm – haben Sie nicht einfach nur eine Wohnung umgebaut. Sie möchten damit auch zeigen, dass „Besser Wohnen“ überall möglich ist?

Alexander John Huston:

KD76 war sowohl reale Vorgabe als auch ein Experiment mit dem Ziel und dem Drang, aus einem bezahlbaren Wohnraum mit kleiner Fläche eine gehobene Wohnraumqualität herzustellen.

Gehobene Wohnqualität – das klingt eher nach vielen Quadratmetern, großen Raumhöhen und Luxusmerkmalen wie Parkett oder Kamin. Geht es ohne diese Kriterien?

Im Regelfall wird dies so definiert. Aber urbane Vielfalt ist eine entscheidende Qualität lebendiger Großstädte, speziell Berlins. Wenn man den Bestand ignoriert, erbaut man Ghettos. Das können Gated Communities für die Oberschicht ebenso sein wie Reihenhausghettos oder politische oder ethnische Ghettos. Lebensqualität misst sich nicht an den genannten Merkmalen. Die kann sich auch konzentriert auf kleinerem Platz entfalten.

Bringt die Nutzung und Aufwertung des Bestands nicht automatisch Verdrängung mit sich?

Gentrifizierung ist nie gänzlich aufzuhalten. Veränderungen sind aber auch nicht nur negativ zu sehen. Fakt ist: Wenn man auf kleinem Raum die gleiche Wohnqualität schafft wie auf großem, findet weniger Verdrängung statt.

Jeder Immobilienbestand hat also das Potenzial toller Möglichkeiten in sich?

Ja, in gewisser Weise schon. Vorhandene gewachsene Strukturen muss man einfach nutzen. Lebendige Innenstadtlagen sind auf dem Wohnungssektor extrem begehrt, da gehört es dazu, sich der Bestandserhaltung zu widmen.

Wie kann ich das Optimum aus einer eher unscheinbaren Immobilie herausholen?

Gute Architektur arbeitet viel mit Proportionen. Und diese verändern die Wahrnehmung. Je mehr Wert darauf gelegt wird, desto eher verlieren sich auch die so genannten Luxus-Wohnwünsche. Vermeintlich minderwertiger Wohnraum bekommt eine Chance. Ich bin großer Fan solcher Transformationen! Dafür muss man natürlich den Bestand genau studieren. Den Grundriss öffnen. Alles auf das Wesentliche reduzieren.

Aber eine vorhandene Fläche kann nicht größer werden als sie ist?

Das stimmt. Aber die Wirkung macht den Unterschied. Zum Beispiel ist der Grundriss von KD 76 eine L-Form. Durch die neu geschaffene Geometrie auf mehreren Ebenen ergänzt das Auge die Wohnung aber zu einem Quadrat. Das Raumgefühl wird damit absolut maximiert.

Worin sehen Sie Ihre nächste Herausforderung als Architekt?

Ich beschäftige mich sehr intensiv mit mobilen Wohnformen.