Innenarchitektur

Vollbad im Wohnzimmer

Die Raumgestaltung in der Wohnung von John David Huston folgt einer strengen Geometrie

Nein, als Loft wurde die Wohnung in der Immobilienanzeige nicht beworben. Das hätte sich nicht mal ein Makler getraut. 57 Quadratmeter Wohnfläche, Balkon inklusive, 2,50 Meter hohe Decken, ein 1960er-Jahre-Haus, das an Sozialen Wohnungsbau erinnert – das sind nicht gerade die landläufigen Merkmale, an die man bei einer Loftwohnung denkt.

Normalerweise. Es sei denn, man hat viel Fantasie. Sehr viel. So viel wie Alexander John Huston. „Ich habe das Potenzial sofort gesehen“, sagt der Architekt. Er begann mit dem Umbau: Wände raus, Boden raus, alles raus – bis die Wohnung so aussah, wie er es im Kopf hatte. Wie ein Loft eben. Ein Microloft.

Strenge Geometrie

Nutznießer der ganzen Aktion ist John David Huston, der kleine Bruder des Architekten. Der 24-Jährige studiert ebenfalls Architektur, an der Universität der Künste in Berlin. Gerade ist er von einem Auslandssemester aus Rio de Janeiro zurückgekommen und direkt in die Einzimmerwohnung ganz in der Nähe des Hermannplatzes an der Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln eingezogen. Da, wo es richtig urban und trubelig ist.

Der Kottbusser Damm ist wahrscheinlich eine der lautesten, geschäftigsten Straßen von ganz Berlin. Multikulti überall, türkische Läden zwischen Pfandleihhäusern und Ein-Euro-Shops. Ein Immobilienhotspot sieht anders aus. Gerade deshalb ist das genau der Kiez, der junge Kreative magisch anzieht. So wie der Prenzlauer Berg vor 20 Jahren.

Ist es nicht ein Schock, so mitten im Winter aus Brasilien wieder zurück nach Berlin zu kommen? „Irgendwie schon, aber da hilft mir diese Wohnung sehr. Gerade in einer Stadt, in der es um diese Jahreszeit fast nur grau ist, ist es toll, so helle Räume zu haben“, sagt John David Huston.

Hell ist gar kein Ausdruck. Alles ist weiß, ganz weiß. Die Wände, die Decke, die Küche, die Schränke, das Badezimmer, die Vorhänge, alles reinweiß – sogar der Fußboden ist mit einer weißen PU-Schicht überzogen, die ihn vollkommen glatt, fast glänzend, aber gleichzeitig irgendwie weich erscheinen lässt. Ein einziger weißer Raum. Die Farbe ist nicht nur Stilsache, sie ist eine logische Konsequenz aus der Entwicklung des Gesamtkonzepts: „Alles scheint fast zu schweben“, sagt Huston, „die Möbel darin wirken wie Inseln, auf denen man sich gerne aufhält.“

Die Möbel, so scheint es, haben in dem vielen Weiß ihre Bühne für einen perfekten Auftritt: der drei Meter lange Kneipentisch, an dem acht Leute locker Platz haben. Bei Partys mehr. Eine alte Ligne-Roset-Récamière, die aufgearbeitet wurde und nun Ton in Ton auf dem handgewebten Teppich thront. Die Bilder sind Bauplatten, die vom Umbau übrigblieben und glänzend veredelt wurden. Und erst die Esstischlampe – ein Eigenbau aus den Armen von Schaufensterpuppen, die einmal ein Flohmarktfund waren. Das ist wahres Upcycling.

Einen Lieblingsplatz hat der Student nicht in der Wohnung. Oder überall, wie man es nimmt. „Ich arbeitete sehr viel an meinem Laptop, und das mache ich an den verschiedensten Plätzen. Meistens sitze ich am Esstisch, aber auch oft auf dem Bett oder dem Loungemöbel – das ist sehr bequem“, erzählt er. Nur in der Badewanne gucke er lieber Filme. Wie bitte? Ja, in einer Hightech-Multimedia-Studentenbude geht das. Denn die Badewanne steht: im Wohnzimmer. Der Architekt hat sie aus dem Badezimmer herausgeholt und im Wohnzimmer installiert.

Wer will sich schon 20 Minuten in einem kleinen Badezimmer aufhalten, wenn er doch in einem Loft wohnt? John David Huston ist jedenfalls hier zum Badefan geworden. Es gibt nichts Entspannenderes, erzählt er. Dass er dabei gleichzeitig über den Deckenbeamer in Kinoleinwandgröße fernsehen könne, erhöhe noch die Wellness-Wirkung.

Ein Badezimmer gibt es natürlich dennoch. Mit WC, einem schicken, großen Waschbecken samt eingelassenem Lichtspiegel und einer riesigen, bodengleichen Duschtasse mit Tropenshower von oben. Damit Tageslicht ins Bad kommt, ist eine satinierte Glasscheibe zwischen der Badewanne und der Dusche angebracht. Auch die Innentür – übrigens die einzige der ganzen Wohnung – ist aus Glas. Dass alles weiß ist, versteht sich für das Architektur-Duo von selbst. So kommt noch der kleinste Lichtstrahl durch die Fensterfront beim Balkon bis in den letzten Winkel der Wohnung.

Früher war das anders. Eine Familie mit zwei Kindern lebte in der Wohnung, die eigentlich viel zu klein war für den Vier-Personen-Haushalt. Es gab einen Flur, ein Mini-Badezimmer, eine dunkle Küchenzeile, das Wohnzimmer, einen Schlafraum. Der Glücksfall beziehungsweise der Grund, warum Huston, der Ältere, die Wohnung überhaupt für sich in Betracht zog: Es gab hier keine tragenden Innenwände. „Wir haben die Wohnung komplett entkernt und grundsaniert“, sagt der Architekt. Dann kamen die Einbauten: Das Badezimmer ist wie eine Box, die Küche ebenfalls – und alles folgt einer strengen Geometrie, die man nicht im Detail, aber als Ganzes wahrnimmt.

Klare Planung

„Die Größe entsteht dadurch, dass das Auge die ganze Wohnung wie einen Kubus wahrnimmt“, sagt Architekt Huston. Jedes Maß korreliert mit einem anderen Maß, die Ecke des Badezimmers ist bündig mit dem Verlauf des Grundrisses zum Schlafbereich hin, die Vorhänge tun ein Übriges, um eine Linie zu ziehen, die vorhanden sein kann, aber eben nicht muss. Die Proportionen funktionieren, selbst die niedrige Deckenhöhe ist stimmig. „Minimalismus ist nicht simpel“, sagt Huston, „sondern harte Planung.“

Gerade diese Kompaktheit ist auch die größte Herausforderung. Es gibt keine Nische, die nicht genutzt ist. Weiße Einbauschränke verstecken allen Alltagskram, damit das Auge in dem Weiß ruhen kann. „Jedes Obst, das ich kaufe, ist mir schon bunt genug“, sagt John David Huston. „Ich mag keinen Überschuss an Eindrücken.“

Der Architekturstudent mag auch sonst keinen Überfluss. Alles unnötiger Ballast. Seine Besitztümer sind schnell aufgezählt: „Ich habe Klamotten, einen Laptop, eine Gitarre und ein paar Bücher“ – und ebenso schnell irgendwo in der Wohnung verstaut, sodass man sie nicht mehr sieht. „Die Wohnung behält immer ihren cleanen Charakter, das hilft mir sehr beim Arbeiten. Obwohl ich gar nicht so sehr auf dieser Schiene bin. Es ist hier wie ein Zen-Bereich: Besinnung auf das Wesentliche im Leben.“

Gut, dass die Brüder da ähnlich ticken, denn ursprünglich hat ja der Ältere selbst in dem Microloft gewohnt. Die Wohnung trägt zugleich die Idee eines Hotelzimmers in sich, nur umfassender. Offenbar ist da die ganze Familie Huston recht flexibel: John David lebt zurzeit in Alexander Johns Wohnung, nachdem der jetzt in die Wohnung der Schwester gezogen ist, der Schauspielerin Julia Ebell Huston. Die ist viel unterwegs und wohnt, nun ja, auch irgendwo.

Mobiler Lebensstil eben. Den scheinen alle Geschwister gemein zu haben. Genauso wie den Anspruch an urbanes und zugleich hochwertiges Wohnen. So kommt es schon mal zum familiären Wohnungstausch, Quatsch: Loft-Tausch!