Stadtplanung

Weckruf in der Provinz

Landflucht kann man stoppen. Weimar und Hofgeismar schafften mit kreativen Ideen eine Kehrtwende

Hinter den Fensterfronten der Geschäfte zeigen sich nackte Wände. Auf den Fußböden ballt sich der Staub zu Wollmäusen. Auch die Wohnungen darüber sind seit Jahren verlassen. „Ganze Straßenzüge stehen hier in Hofgeismar leer“, sagt Dominikus-Hyazinth Stein von der NH ProjektStadt, einer Tochter der Wohnungsgesellschaft Nassauische Heimstätte/Wohnstadt. „Der demografische Wandel hat die Stadt voll im Griff.“

Seit 20 Jahren ziehen immer mehr junge Leute fort, in die Ballungszentren Frankfurt am Main, Berlin, München oder auch nur ins nahe gelegene Kassel, wo etwa Bombardier, Mercedes und VW Arbeitsplätze bieten und es ein reges Nachtleben gibt. Nur noch 15.939 Bewohner ermittelte die Stadtverwaltung von Hofgeismar per 30. Juni 2014. In den 1980er-Jahren waren es noch 25.000. Der Schwund zeigt sich im Stadtbild: Überall bröckeln Straßen und Gebäude. Zurück bleiben die alten Menschen.

Schneise der Entvölkerung

Was in Hofgeismar zu besichtigen ist, beschäftigt die Stadtplaner in vielen Regionen. „Von Görlitz bis Gelsenkirchen zieht sich eine Schneise der Entvölkerung durch Deutschland“, sagt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, das zum demografischen Wandel forscht. Überall verlassen die jungen, gut ausgebildeten Menschen die ländlichen Gebiete und suchen ihr Glück in den Großstädten. Und während dort die Mieten explodieren, sucht man in der Provinz verzweifelt nach Rezepten gegen Bevölkerungsschwund und Baufälligkeit.

In Nordhessen hat die Nassauische Heimstätte/Wohnstadt, die dem Land Hessen und etlichen Kommunen gehört, den Kampf aufgenommen. Über ihre Tochter NH ProjektStadt will sie den demografischen Wandel zu ihren Gunsten beeinflussen. Zwar hat sie selbst keine Wohnungen in Hofgeismar. Dafür aber in anderen nordhessischen Kommunen, und auch davon kann Hofgeismar profitieren. „Es geht darum, die ganze Region zu stärken“, sagt Stein. Ein Anfang ist gemacht. Die Kleinstadt hat sich erfolgreich um die Ausrichtung des Hessentags beworben und präsentiert dort die einzelnen Regionen des Bundeslandes. „Für Hofgeismar ist die Nominierung der Weckruf“, sagt Stein. 3,7 Millionen Euro Fördergeld hat die Stadt bekommen. Genug, um die Fußgängerzone zu sanieren. „Wir haben alte Leitungen und die Kanalisation erneuert und pflastern die Flächen neu“, sagt Bauamtsleiter Karl-Heinz Gerland. Einheimische und Gäste, so hofft er, werden wieder durch die Straßen bummeln und in die Geschäfte einkehren.

Noch viel mehr soll in Zukunft geschehen. Die Kommune hat es in das Förderprogramm „Aktive Kernbereiche“ geschafft. 17 Millionen Euro können in den kommenden acht Jahren aus EU-Mitteln nach Hofgeismar strömen, wenn die Stadt ihrerseits drei Millionen Euro hinzugibt. „Damit können wir den Grundstein für eine umfassende Stadterneuerung legen“, sagt Gerland.

Doch lassen sich sterbende Städte wiederbeleben? Oder verpuffen die vielen Millionen am Ende, weil eine einmal begonnene Abwanderung nicht mehr aufzuhalten ist? „Nicht alle Kleinstädte werden dem demografischen Wandel widerstehen“, sagt Thomas Beyerle von der Immobilienberatung Catella. Dafür sei die Sogwirkung der Ballungszentren zu stark. Aber einzelne Orte könnten bestehen, wenn sie die für sie passende Strategie anwenden, fügt Beyerle hinzu. „Kein Trend ist unumkehrbar.“

Beispiele für erfolgreiche Trendwenden gibt es. Etwa Weimar: Nach der Wende ging es mit der Stadt, in der einst Goethe und Schiller wirkten, wo der Architekt Walter Gropius mit seiner Bauhausbewegung Kunst, Design und Architektur revolutionierte, rapide bergab. Allein von Herbst 1989 bis Ende 1990 verlor Weimar fünf Prozent seiner Einwohner. Doch Mitte der 1990er-Jahre konnten Stadtverwaltung und Wohnungsunternehmen den Trend stoppen: Sie lockten gezielt und mit Erfolg kulturbegeisterte Senioren als Neubürger an.

Damit entstanden neue Arbeitsplätze, die nun auch wieder junge Familien anziehen. Heute zählt die Kulturstadt mehr als 65.500 Einwohner – so viele wie zuletzt Mitte der 1950er-Jahre. Wohnungsleerstände sind denn auch nicht das Problem, mit dem Oberbürgermeister Stefan Wolf ringt. Es geht vielmehr um Baulandausweisung und neue Kindergärten. „Wir sind eine wachsende Stadt, wir müssen hier aktiv Wohnraum schaffen.“

Zu den weniger bekannten Beispielen zählt das Oldenburger Münsterland, jener Landstrich im westlichen Niedersachsen rund um die Städte Cloppenburg und Vechta. Gegen den Trend anderer ländlicher Gegenden steigt hier seit Jahren die Einwohnerzahl.

Erfolgsfaktor Mittelstand

Ein „Land mit Aussicht“ sei die Region, sagt Demografieforscher Klingholz. Zwei Faktoren seien maßgeblich für den Erfolg: Mehr als 80 Prozent der Menschen dort seien in Vereinen, Verbänden und Kirchen aktiv. „Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist hoch“, sagt Klingholz. Zudem ist die Wirtschaft stark durch den Mittelstand geprägt. „Es gibt ein dichtes Netz von Firmen, die eng miteinander zusammenarbeiten“, sagt der Forscher. Das macht sie erfolgreich und schafft immer neue Arbeitsplätze. Die Erfolge einzelner Kommunen im Ringen gegen den Niedergang finden inzwischen auch bei Wissenschaftlern Beachtung. An der Uni Kassel forschen Professoren für Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung gezielt zum „Widerstand gegen den demografischen Wandel“. Auch die Entwicklung in Hofgeismar, fast vor ihrer Tür gelegen, werden sie genau beobachten. Dort wird derzeit im Kommunalparlament um die Details des langfristigen Modernisierungskonzepts gerungen. Grund zum Optimismus haben die Nordhessen. Schließlich liegt direkt in der Stadt ein historisches Beispiel für eine gelungene Wiederbelebung: die Sababurg. Deren Mauern hatten die Landsknechte Feldmarschall Tillys im Dreißigjährigen Krieg geschliffen.

Heute lockt die Sababurg, vom Bundesland Hessen aufwendig restauriert und zum Hotel ausgebaut, als Dornröschens Schloss Touristen aus dem In- und Ausland nach Hofgeismar. Für Bauamtsleiter Gerland ein Symbol dafür, dass auch ihre Stadt dereinst wieder Anwohner locken kann – und das nicht erst nach 100-jährigem Schlaf ...