Stil

Wohnen und wohnen lassen

Karsten von Kuczkowski und Thomas Schrode kombinieren ihre Wohnstile und Geschmäcker

Wenn zwei Menschen sich in der Mitte des Lebens treffen, haben sich ihre Prägungen längst manifestiert. Thomas Schrode, 56, und Karsten von Kuczkowski, 50, lernten sich vor sieben Jahren kennen. Vor fünf Jahren zogen sie gemeinsam in ihre 178 Quadratmeter große Traumwohnung nahe des Kurfürstendamms. Ein Altbau aus der Gründerzeit, der zu den Kulturdenkmalen des Bezirks Wilmersdorf zählt. Man sieht beim Eintritt ins Haus die hochherrschaftliche Vergangenheit und die bauliche Ambition. Sogar ein Kamin wurde in den Marmor eingelassen.

Doch wer zog da zusammen? Zwei Extremisten des Geschmacks. Der gebürtige Allgäuer Thomas Schrode, der in München Theaterwissenschaft studiert hatte, ist seit Anfang der 1990er-Jahre in Berlin. Seit zwölf Jahren als erfolgreicher Produzent beim „Quatsch Comedy Club“, einem florierenden Entertainment-Unternehmen, und ein Anhänger des Minimalismus.

„Das Bauhaus ist mein Ideal“, erklärt er. „Klare Linien, reduziertes Design.“ Schrode schwärmt für Jil Sander, Helmut Lang und Prada. „Mein Stil ist so ganz anders als der von Karsten, aber mit den Jahren habe ich gelernt, diesen Stil zu akzeptieren und Karstens Geschmack auch gut zu finden.“

Karsten von Kuczkowski, vor 15 Jahren von Dortmund nach Berlin gewechselt, schwelgt gern im Opulenten, seine Sterne heißen Hermès, Dries van Noten und Paul Smith. Das hat mit seinem Beruf zu tun. Als Stylist (www.dvonk.de), der gerade sein 25. Berufsjahr absolviert, darf er in die Vollen greifen.

Von Kuczkowski hat schon Schaufenster des KaDeWe und der Galeries Lafayette bestückt. Er dekoriert deutschlandweit ganze Shopping Malls im Innenbereich, aber auch in Dubai. Er kennt sich aus mit Stoffen, Beleuchtung und Arrangements.

„Ich habe es gern ein bisschen üppiger“, verkürzt er sein Stil-Statement. Sein Innenarchitekturstudium brach er ab. „Das hat mir nichts gebracht“, sagt er. Stylist sei „ein typischer Quereinsteigerberuf“. Schwerpunkte waren stets Innen-Deko, Gastro-Deko und seit einigen Jahren Event-Deko. Inzwischen befasst er sich auch mit Foto-Styling.

Mit Blick auf seinen Partner fasst er zusammen: „Wir haben beide eine Vorliebe für großzügigen Wohnraum, das verbindet uns. Große Räume werden ganz anders wahrgenommen als kleine. Davon abgesehen darf jeder sein Zimmer gestalten, wie er will. Ich habe mich damit abgefunden, dass ich Wohngestaltungsverbot bei meinem Nachbarn habe.“

Das Bett im Esszimmer

Gemeinsam haben die beiden Männer die Idee ausgebrütet, ihr Bett in eine Nische des größten Zimmers der Wohnung zu stellen, des Esszimmers mit der vier Meter hohen Stuckdecke und dem großen Tisch in der Mitte, an dem schon bis zu 30 Gäste getafelt haben. Die breite Schlafnische ist optisch durch eine schwarze Wandbogenrundung abgetrennt vom Rest des Raumes, aber ganz offen, ohne Vorhang oder Paravent. Beide finden das ironisch, sie folgen dem gemeinsamen Motto: Alles ist möglich! „Es ist eine wilde Mischung“, sagt Schrode. „Es darf alles sein, nur nicht spießig“, ergänzt von Kuczkowski. „Eine Wohnung muss mehrere Inseln haben.“

Auch der Flurbereich hinter der massiven Eingangstür, innen mit gestanztem, weiß lackierten Blech versehen, war eine vereinte Schöpfung. Schmiedeeiserne Lüster an der Decke, aus einer monumentalen Bodentonvase drehen sich raue Agavenblätter. Pinkfarbenes Licht erhellt das Entrée, ein gedrechselter Bauernstuhl steht in der Mitte, ein Gründerzeit-Spiegelschrank an der einen, eine grau-weiß gestrichene Holzgarderobe an der anderen Wandseite. Darüber baumelt Rody Graumans Designklassiker „85 Lamps“, die Variation einer Hängeleuchte, die beide aus Ersatzteilen und als eigene Version zusammengefummelt haben.

Überall hängen Taschen und sind Koffer platziert, ein Beleg für Reiselust. „Im Sommer sind wir meistens vier bis fünf Wochen in Südfrankreich“, erzählt Schrode. „Von dort bringen wir immer lustige Beute mit. Was sich auf den Flohmärkten kleiner Orte alles finden lässt. So viele nette kleine Dinge! Die können wir gut gebrauchen für unsere Wohngestaltung zwischen E und U.“

Thomas Schrodes Zimmer mit dem Erkerbereich geht rechts ab. Ein E-Bereich, ernstes Design, schlicht, aber nobel. „In Karstens Zimmer kann ich nicht richtig atmen“, muss Schrode noch anmerken. Sein geradliniger Schreibtisch ohne den geringsten Schnörkel, aber mit vielen nützlichen Schubladen und Fächern, steht am Fenster. Von dort sieht er auf zwei Pelztresore. „Vor 100 Jahren haben Leute, die es sich leisten konnten, über die warme Jahreszeit hinweg ihre Pelze deponiert. In München gab es das noch nach dem Krieg“, weiß Schrode.

Die Tresore baute er um, darin ist die ganze Video-Elektronik untergebracht. „Hier windet sich kein Kabel über den Boden.“ Neben dem Schreibtisch hängt ein Original-Graffiti des früh verstorbenen Keith Haring, ein Geschenk des Vaters. Neben der Tür hängt ein Kandinsky, „leider als Kopie, aber so schön“.

Ein Sessel hat einen Persianerbezug, ein Geschenk des Partners. Von Kuczkowski erwarb mehrere Mäntel in Trödelläden, zerschnitt sie und nähte aus den Teilen den Bezug. Nun wird auch noch die ganze 70er-Jahre-Bank mit einem solchen Zuschnitt überzogen. „Das rechne ich Karsten hoch an“, so Schrode.

Der Couchtisch, auch ein Eigenbau, ist den 50ern nachempfunden. Dazu passt der Deckenstrahler „Luminator“ von Castiglione, Jahrgang 1955. Zwei Stühle stammen aus der Manufaktur von Charles & Ray Eames, ein „Rocking Chair“, der andere als Schreibtischstuhl. Die Wände waren lange giftgrün, kürzlich stieg der Homeoffice-Besitzer auf Pink um.

Tote Vögel als Deko

Karsten von Kuczkowskis Bohemianstyle, ein U-Bereich, wird in seinem Zimmer bombastisch präsentiert. Es ist weiß gestrichen, aber über zwei Wände und die Decke zieht sich quer ein breiter Streifen Graphitschwarz. „Dieses Zimmer passt hundertprozentig zu mir, ich habe keinen Kompromiss zugelassen“, so von Kuczkowski. „Aber die vielen toten Vögel“, klagt Schrode dazwischen, „daran habe ich mich immer noch nicht gewöhnt.“

Die ausgestopften Vögel sind ein aufrechter schwarzer Trauerschwan, neben dem weißen Gefieder eines anderen Artgenossen, dessen Kopf samt Schnabel am Regal mit den Brockhaus-Lexika herabhängt. Auch an der Wand hinter von Kuczkowskis Schreibtisch, einem ehemaligen Edelstahl-Tisch aus einer Restaurantküche, sind Gehörne und Geweihe gestaffelt, echte Tierpfoten und Menschenhände aus Wachs. Ein Skelett, eine gekrönte Königin-Figur aus dem Mittelalter und Messingteller werden von einer puffroten Tischlampe beleuchtet. Am Fenster steht ein Opferstock, umgewandelt zum Kerzenträger. Die Fußbank ist mit Kuhfell überzogen, über allem hängt ein Lorbeerkranz.

Die wuchtigen Flügeltüren bleiben in dieser Wohnung immer offen. „Erst im großen Raumvolumen fokussiert sich der Blick auf die kleinen Dinge“, sagt der Stylist. Der Produzent verweist gern noch auf den prachtvollen Ulmer Schrank im Wohnzimmer und das Nachtkästchen seiner Großmutter, beide aus dem Allgäu mitgebracht. An der Frontwand hängt die „Iphigenie“ von Anselm Feuerbach, das Original hat die Stuttgarter Staatsgalerie.

Die Stühle um den Tisch haben beide aus ihren früheren Wohnungen „zusammengewürfelt, dazu noch ein paar zusammen erworben“, so Schrode. Im schlauchartigen Gang dahinter geht es am geräumigen Bad vorbei zur schwarz gehaltenen Küche und einem Kleiderzimmer, das kaum noch Wünsche offenlässt. Vor allem Frauen beneiden das homosexuelle Paar um diese knapp 20 Quadratmeter.