Wohnungszuschnitte

Verzicht auf Wände schafft Probleme für Familien

Bauträger setzen bei Grundrissen gern auf große, offene Wohnungen. Auch Haushaltsgeräte müssen leise sein

Moderne Wohnungen erinnern Thomas Beyerle manchmal an Bauernhöfe aus dem 19. Jahrhundert. Die offene Bauweise, Küche, Esstisch und Sofas in einem Raum, das sei doch wie die große Stube damals: „Dort saß abends nach dem Essen die ganze Familie zusammen, gewärmt vom Feuer im Herd.“ Die Kinder spielten. Die Erwachsenen unterhielten sich. Abgetrennt davon waren lediglich die kleinen Schlafstuben.

In Grundzügen beibehalten wurde diese Aufteilung in den Vereinigten Staaten, wo noch heute Eigenheime und Lofts von der praktisch-pragmatischen Raumaufteilung der Farmen und Ranches aus der Ära des Wilden Westens geprägt sind. „Mit Kinofilmen und TV-Serien aus den USA schwappte diese Wohnidee in den vergangenen Jahren zu uns herüber“, sagt Beyerle. Doch der Immobilienberater von der Firma Catella hat die Erfahrung gemacht, dass es in Deutschland Probleme geben kann, offene Wohnungen zu verkaufen. Kapitalanleger, die große, offene Objekte mit mehr als 100 Quadratmetern Wohnfläche erwerben, um sie anschließend zu vermieten, täten sich mitunter schwer, Kunden zu finden. „Sie müssen dann feststellen, dass kaum eine Familie so etwas anmieten will.“

Was bei Kaufinteressenten zuerst Euphorie und dann Nachdenklichkeit auslöst, ist der Hang der Planer, Wohnlandschaften ohne Wände zu schaffen. In gemäßigter Form treffen die Architekten damit durchaus die Wünsche vieler Grunderwerber. „Während offene Küchen in den vergangenen Jahren allgemein populär wurden, werden sie derzeit immer weiter mit den Wohnräumen verbunden“, sagt Andrea Herzer, Vertriebsleiterin beim Münchner Bauträger und Projektentwickler Concept Bau. „Der Trend geht dahin, Kochen und Essen als gemeinsames Erlebnis mit Freunden und der Familie zu teilen.“

Deshalb sind die Küche und das Esszimmer in den vergangenen Jahren bei vielen Neubauten zu einem großen Raum verschmolzen. Jetzt beziehen immer mehr Planer auch das Wohnzimmer als angehängte Sitz- und Plauderecke noch in diesen Bereich mit ein. „Das separate Wohnzimmer mit dem Fernseher als Altar der Freizeitgestaltung hat bei diesen Wohnkonzepten ausgedient“, sagt Müller. „Der Esstisch wird damit zur neuen Drehscheibe der Familie.“ Zudem werde der große Raum lichtdurchflutet konzipiert.

Helle Räume sind erwünscht

„Wenigstens an zwei der vier Wände sind große Fenster oder eine Glastür vorhanden, die auf den Balkon führt“, sagt der Bauwerk-Chef. Das trifft durchaus den Geschmack vieler Käufer, wie die jüngste Umfrage des Finanzierungsvermittler Interhyp zu den Wohnträumen der Deutschen zeigt. „Helle Räume stehen ganz oben auf der Wunschliste der Käufer“, sagt Vorstandschef Michiel Goris. Und auch in den Grundrissen schlägt sich die neue Wohnidee nieder. „Dunkle Flure mit Türen in jedes Zimmer hinein gelten heute als weitgehend unattraktiv“, sagt Concept-Bau-Prokuristin Herzer. Allerdings fallen in manchen neuen Wohnungen Bewohner und Gäste beim Schritt durch die Haustür direkt in diesen großen Wohn-, Koch- und Essbereich hinein.

„Das wirkt auf den ersten Blick toll“, sagt Peter-Georg Wagner vom Immobilienverband Deutschland (IVD). „Der große, lichtdurchflutete Raum weckt zunächst Begehrlichkeiten bei den Betrachtern.“ Die Begeisterung hält allerdings bei vielen Familien nicht sehr lange vor. „Wenn die Eltern daheim in Ruhe den Grundriss betrachten, merken sie, dass ein zentrales Element fehlt“, sagt Wagner. Ein abgetrennter Bereich gleich hinter der Tür nämlich, der unauffällig Platz für eine Garderobe bietet. Wo die Kinder nach dem Spielen ihre verdreckten Schuhe abstellen können; wo sich nasse Jacken aufhängen lassen, ohne dass diese ständig im Blickfeld sind. René Müller, Geschäftsführer der Immobilienvermittlungs- und -beratungsgesellschaft Bauwerk Hamburg, kennt den Effekt, den manche neu errichtete Eigentumswohnung bei potenziellen Erwerbern auslöst: „Bei der ersten Besichtigung sind die Interessenten hellauf begeistert.“ Doch das schlägt sich keineswegs immer in einem Verkaufsabschluss nieder. „Zu Hause kommen vielen dann Bedenken, ob das planerische Werk des Architekten im Alltag auch wirklich praktikabel ist“, sagt Müller.

„Solche Wohnungszuschnitte, bei denen direkt hinter der Eingangstür der große Wohn- und Kochbereich liegt, sind schön für Singles“, sagt Wagner. „Gerade kleinere Wohnungen vermitteln durch den großen Raum ein Gefühl von mehr Platz und Weite.“ Hingegen seien größere, fast vollständig offen konzipierte Wohnungen „vollkommen unpraktisch für Familien“, sagt der Wagner. „Makler stoßen regelmäßig auf Probleme, derartige Objekte an Familien mit Kindern zu vermitteln.“

Dies gilt insbesondere für Extremfälle, bei denen direkt neben der Wohnungstür zu beiden Seiten Fenster eingebaut sind, sodass nicht einmal Kleiderhaken an die Wand gedübelt werden können. „Da wird der Traum vom schönen Wohnen spätestens dann zum Albtraum, wenn die Gäste ihre Mäntel auf das Ledersofa von Rolf Benz legen müssen“, sagt Beyerle. Auch eine Toilette, die nicht über einen kleinen Flur zu erreichen ist, sondern direkt vom großen Wohnraum abgeht, sorgt bei Eigentümern und Gästen häufig für Verdruss. „Selbst wenn der Raum gut gegen Schall isoliert sein sollte, fürchtet jeder, dass die bei der Benutzung dieses Raums nicht zu vermeidenden Geräusche gehört werden“, sagt der Fachmann.

Wie man Trennungen schafft

Geschickten Architekten gelingt es allerdings auch in Deutschland, die Idee des großzügigen, offenen Wohnens so umzusetzen, dass die Platzbedürfnisse von Familien dennoch berücksichtigt werden. Beispielsweise, indem sie eine schmale tragende Wand oder einen Kamin samt Schornstein nahe dem Eingangsbereich frei in den Raum stellen, und damit einen Miniflur schaffen. „Die Rückseite der Wand kann dann für eine Garderobe genutzt werden“, sagt Wagner. Und die Toilette könne direkt auf der anderen Seite des Flurs gesetzt werden, damit eine gewisse räumliche Distanz samt Schallisolierung gegeben ist.

Auch mit solchen architektonischen Kniffen werde sich der große Gemeinschaftsraum aus Küche, Ess- und Wohnzimmer nicht dauerhaft als neue Wohnform durchsetzen, meint Thomas Beyerle und verweist auf die Dunstabzugshaube und den Geschirrspüler in der Küchenzeile. „Selbst wenn diese Geräte geräuschgedämmt sind, machen sie noch genug Lärm, dass es schwierig ist, ein Fußballspiel im Fernsehen zu verfolgen oder in Ruhe in der Couchecke zu lesen.“ Deshalb werde schon bald in neuen Wohnungen wieder das Wohnzimmer durch Wand und Tür von der Küche mit Essbereich abgetrennt. In einem ist sich der Immobilienberater sicher: „Die Rückkehr zur Normalität wird dann wieder als neuer Trend verkauft.“