Einrichtung

Möbel wie das zweite Ich

| Lesedauer: 7 Minuten
Oliver Klempert

Das Designerpaar Julia Läufer und Marcus Keichel lebt und arbeitet mit selbst entworfenen Gegenständen

Weiß, schwarz, natur und gelb – wie auf einer Perlenschnur aufgereiht stehen die Stühle im Wohnzimmer verteilt. Licht fällt durch bodentiefe, große Fenster in den Raum und lässt die Stühle glänzen. Julia Läufer, 46, und Marcus Keichel, 47, nehmen auf den Stühlen Platz. Es sind ganz besondere Sitzmöbel, denn sie wurden von den beiden Bewohnern der Wohnung in Mitte selbst entworfen.

„Satsuma“ – so heißt ein von der Berliner Möbelfirma Schneiderschram vertriebener Stuhl. Er ist von den experimentellen Lebensstilen der späten 60er-Jahre inspiriert, einer Zeit des Wandels im Bereich der Wohnkultur, die damals auch als Ausdruck einer konsumkritischen Lebenseinstellung gemeint war. Provisorisch aus Apfelsinenkisten hergestellte Sitzmöbel waren genug, so die damalige Meinung nach dem Motto: Weniger ist mehr.

„Dieser Ansatz findet sich auch in unserem Stuhl heute wieder“, sagt Marcus Keichel. „Der Stuhl wiegt lediglich 3,5 Kilogramm.“ Daher haben seine vier Beine einen dreieckigen Querschnitt, wodurch Material und Gewicht gespart werden und das Möbelstück eine besondere Note bekommt.

Doch der Stuhl ist nicht das einzige selbst entworfene Möbelstück in der ansonsten karg eingerichteten Wohnung. Die Wände sind weiß gestrichen, glatte Flächen dominieren. In eine Wand ist ein Regal eingelassen. Darin stehen viele Bücher zum Thema Kunst und Design. Farbtupfer und Hingucker sind ansonsten ein von Läufer und Keichel selbst entworfenes Sofa und ein kleiner Beistelltisch. Durch die nüchterne Formensprache der Räume kommen die Möbel gut zur Geltung.

Für das Designer-Paar ist der Kauf dieser Eigentumswohnung innerhalb einer Baugruppe genau die richtige Entscheidung gewesen. „Wir fühlen uns hier wohl. Es ist eine gute Gemeinschaft, in der jeder aber auch seine Privatsphäre hat“, sagt Keichel.

Gemeinsame Interessen

Das kommt sicher nicht von ungefähr, besteht die Baugemeinschaft doch aus Menschen mit artverwandten Berufen, überwiegend aus den Bereichen Architektur, Design und Kunst. Entsprechend ähnlich sind auch die Vorstellungen und Ansprüche hinsichtlich Gestaltung, Funktion und Selbstdarstellung in den eigenen Wohnräumen. Wie bei den beiden Möbel-Designern Läufer und Keichel nutzen viele Bewohner ihr Domizil gleichzeitig als Arbeitsraum.

Zwei Staffeleien, auf denen die beiden Künstler neue Ideen für Möbelstücke zu Papier bringen, sind daher unabdingbare Einrichtungsstücke. Im Wohnzimmer der 110 Quadratmeter großen Wohnung liegt aber auch viel Spielzeug von Surafel, dem dreijährigen äthiopischen Adoptivsohn. „Insbesondere, dass die Zimmer so hell sind, ist für uns sehr wichtig, da wir für unsere Arbeit viel Licht brauchen“, erklärt Julia Läufer.

Darüber hinaus hat die Wohnung noch eine Besonderheit, die man bei anderen Immobilien nicht findet – nämlich einen ausklappbaren Balkon an der Frontseite des Hauses. Mit ein paar Handgriffen wird ein etwa ein Quadratmeter großer, dreieckiger Austritt aus der Wohnung hinausgeschoben. „Auf diese Weise kann man schnell gut durchlüften und noch einmal extra Sonne hin-einholen“, erklärt Julia Läufer.

Auf der Wohnzimmerseite geht der Blick aus dem zweiten Stockwerk direkt in die Krone eines Kirschbaums. „Im Frühling genießen wir diesen Anblick besonders, wenn der Baum in voller Blüte steht“, sagt Julia Läufer. Darüber hinaus kann man vom Wohnzimmer mit der offenen Küche auf einen großen Balkon hinaustreten. Zwischen Badezimmer und Wohnzimmer befindet sich ein vertikales Fenster, sodass man sogar vom Bad aus die Weite der Wohnung genießen kann. Es ist eine der besonderen Blickachsen, die im Haus entstanden sind.

Kurzum: Alles geht in der Raumordnung ineinander über, scharfe Trennlinien zwischen einzelnen Zimmern fehlen. Mehr noch: Einerseits ist die Wohnung wie mit dem „Satsuma“-Stuhl, der für die beiden Designer eines der wichtigsten Designmöbel ihres Schaffens ist, in die Zukunft gerichtet. Andererseits ist das Zuhause der beiden Künstler eine Reminiszenz an ihre Designertätigkeit. „Sehe ich zum Beispiel das Sofa, das wir vor zehn Jahren entworfen haben, erinnert mich das auch gleichzeitig an einen Lebensabschnitt“, sagt Keichel. Genau definierte Orte in der Wohnung erzählen somit ein Stück Lebensgeschichte des Paares.

Auf dem Mauerstreifen

Die Geschichte rund um das Haus, in dem die dreiköpfige Familie wohnt, geht auf Florian Köhl zurück, der den Bau entworfen hat und selbst darin wohnt. Der Architekt hatte das 670 Quadratmeter große Grundstück auf dem ehemaligen Mauerstreifen im Jahr 2003 erworben. Unabhängig vom Investorenmarkt wollte er damals mit Hilfe einer Baugemeinschaft ein Haus mit zehn Wohnungen entwickeln. Entscheidend für die Auswahl des Grundstücks war vor allem die zentrale Lage wenige Minuten vom Alexanderplatz entfernt und das leicht erhöhte Areal. Vom Dach des Hauses kann man daher weit über Berlin blicken.

Ein weiteres Plus: Die in der Nähe befindlichen Friedhöfe der Sophien- und Elisabethgemeinden bilden eine große zusammenhängende Grünfläche. So wird innerstädtisches Wohnen für Kulturmenschen plus kindgerechtem Außenraum möglich.

Die Entwicklung des Baugemeinschaftsprojekts nahm einige Zeit in Anspruch. Es dauerte zwei Jahre bis zum fertigen Konzept, dann wurde zwischen 2006 und 2008 gebaut. Dies lag zum einen daran, dass der Prozess des gemeinsamen Planens und Bauens stets im Mittelpunkt stand, was einen regelmäßigen und intensiven Austausch der Baugruppenmitglieder erforderte.

Zum anderen gab es einige Hürden zu überwinden: Zwar war die zuständige Stadtplanung grundsätzlich für eine Bebauung des Grundstücks, jedoch nicht unbedingt mit einem modernen oder gar experimentellen Haus. Denn die künftigen Bewohner wollten unbedingt, dass sich das Haus zum Straßenraum und damit zur Stadt öffnet. Doch da es in der ganzen Straße kein anderes Haus mit Balkonen zur Straße gab, wurde dieser Plan nicht genehmigt. Der ungewöhnliche Kompromiss bestand schließlich in den kleinen ausklappbaren Balkonen.

Auf eben diesem steht Marcus Keichel und genießt die spärlichen Sonnenstrahlen des Winters, lässt den Blick über die Berliner Innenstadt schweifen. Und sagt: „Im Grunde sehen wir unsere Wohnung ein wenig so, wie die Stadt Berlin selbst ist. Sie ist nie ganz fertig und immer im Werden.“ Es ist der typische Blickwinkel eines Designers, für den sich Kulturgeschichte stets und überall widerspiegelt – und sei es in der eigenen Wohnung.