Design

Altes wird zu Neuem

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Roland Mischke

Die US-Amerikanerin Kelly Tivnan hat sich dem „Upcycling“ verschrieben. Aus Gebrauchtem vom Trödel und Flohmarkt entwickelt sie neue Dinge

Kelly Tivnan aus Seattle, der Stadt am Pazifik im Nordwesten der USA, macht jeden Tag etwas mit ihren Händen. Sie arbeitet mit der japanischen Säge, die an der Wand hängt. „Vorsicht, extrem scharf!“ warnt sie, benutzt Scheren, Hämmer, Feilen, Schraubenzieher und andere Werkzeuge, die andere ihres Alters nur in der Feinform, etwa als Wimpernschere oder Nagelfeile, verwenden.

Sie zeichnet Entwürfe, sammelt Holz, das sie als Schmuck über den Tisch hängt oder als Balken durchbohrt, mit einem Kabel versieht und zur Lampe umgestaltet. Aus dem alten Radioempfänger „Olympia“ hat sie Schubladen gemacht, und in Gläsern deponiert sie Tierfiguren. „Do it yourself“, heißt ihr Motto. Die Zugereiste, seit 2008 in Neukölln wegen der Liebe zu einem Mann – die hat nicht gehalten, aber die Liebe zur Stadt trägt weiter –, ist eine Allrounderin. Aus allem, was andere entsorgt haben, will sie noch etwas machen. Das heißt Neudeutsch „Upcycling“: gebrauchtes und so nicht mehr funktionierendes Material umformen.

Alles Unikate

Kelly Tivnan ist diplomierte Innenarchitektin, im US-Bundesstaat Washington hat sie studiert und geriet dabei an einen Professor, der Studenten einbläute: Nicht in Kataloge schauen, lieber selbst zeichnen, kreativ sein! Ikea gibt es genug. Das hat die junge Frau beeindruckt, seitdem sucht sie ihren eigenen Weg.

Sie ist Dauerbesucherin von Trödelläden und Flohmärkten, kommt an keinem Sperrmüll vorbei, bekommt von Nachbarn, die ihren Spleen kennen, immer wieder etwas geschenkt und nimmt überhaupt alles sehr bewusst wahr. „Ich bin mit zwei Koffern nach Berlin gekommen“, sagt sie. „Inzwischen brauche ich viel mehr für meine Schätze.“ Sie könnte sich kaum von ihnen trennen, denn jedes ihrer Handwerksstücke ist ein Unikat. „Indem ich ein weggeworfenes Ding bearbeite, gebe ich ihm eine zweite Lebenschance. Das erfüllt mich mit Stolz.“ Da werden selbst aus den Stahlfedern eines Uralt-Sofas noch Konstruktionen, in denen sie Pflanzen deponiert. Neben dem Küchenfenster hängt so ein Drahtgestell, aus dem es grün wuchert. „Die Dinge und ich, wir folgen der Philosophie vom Nehmen und Geben“, sagt Kelly. „Ist nicht das ganze Leben so eingerichtet? Wird nicht das Alte zum Neuen? Europäer mit ihrer langen Geschichte müssten das doch wissen.“

Ihr Bett in der geräumigen Einraumwohnung mit Bad und Flur hat sie selbst gebaut. Neben dem Kopfkissen liegt ihr Zeichenheft, der Bleistift darin eingeschoben wie ein mahnender Zeigefinger. Sie zeichnet immer, wenn sie nicht gerade etwas anderes tut. „Vor allem faszinieren mich Objekte mit Geschichte“, so Kelly. „Wenn ich sie anschaue, denke ich darüber nach, wer sie erfunden hat und warum, was sie alles schon erlebt und wie sie Zeitläufe überstanden haben. Das macht mich glücklich.“

Zuerst erhalten die Dinge einen Platz in ihrer Wohnung. Sie ist voller Stilleben. Etwa der komplizierte Schlüssel mit mehreren Bärten, eine noble Schere aus bestem Stahl oder der ausrangierte Hobel, aus dem in einem Beet Schnittlauch wächst. Jedes Teil hat einen Platz in der Wohnung. Alles ist eingebaut, eingepasst, nutzwertig angebracht. Die Streichhölzer sind akkurat in einer kleinen Tasse aufgereiht, der Besen steht so korrekt in der Ecke, als sei er ein Gesprächspartner, der auf Abruf wartet. Ist er auch irgendwie für Kelly Tivnan: „Old soul, young heart“, nennt sie das und streichelt ein Glöckchen, das sie mit Leder ummantelt hat.

Üppig leben kann sie davon nicht. Aber es macht ihr Freude, Dinge um sich zu haben. Gerade war sie einige Wochen in New York, dort hat sie den Sound Room einer Musikfirma mit viel Holz ausgestattet. „In New York wird das richtig gut bezahlt, das wäre in Berlin nicht möglich. Hier gibt es zu wenig Kaufkraft, und der Wert einer Arbeit wird nicht richtig erkannt“, sagt sie. „Na, gut, dafür kann man hier den eigenen Träumen nachhängen und Visionen entwickeln.“

Lampen ausstellen

In der Muskauer Straße 47 in Kreuzberg hat Kelly Tivnan in Johanna Groß eine Gleichgesinnte gefunden. In deren Laden „Kultpur“ werden schöne Dinge verkauft und Designausstellungen organisiert. Kelly kann ihre Lampenkreationen ausstellen, hin und wieder finden sie Käufer. „Es gibt eine Übersättigung mit Billigaccessoires aus China. Vielleicht ist das meine Chance.“

Kelly verlängert ihren Berlin-Aufenthalt ständig. Allein ihre Botschaft, in Wohnungen Luftpflanzen zu bringen, die schlechte Luft absorbieren, hält sie. Kelly lebt ihren Traum, vielleicht wird sie ihn auch mal umsetzen und damit Geld verdienen können. Ansonsten hofft sie auf weitere Aufträge aus ihrem Heimatland, dort weiß man Upcycling schon mehr zu schätzen.