Umwidmung

Wohnen unter dem Glockenturm

Immer mehr Kirchen, die nicht gebraucht werden, erfahren eine Umnutzung

Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen“, heißt es im Johannes- Evangelium. In der Herz-Jesu-Kirche in Mönchengladbach-Pesch sind es genau 23. Exakt so viele Sozialwohnungen mit Wohnflächen von 52 bis 82 Quadratmetern verteilen sich im ehemaligen Chorraum und im Querhaus der entweihten katholischen Pfarrkirche auf einer Gesamtfläche von 1560 Quadratmetern.

Seit 2007 wird in der von Josef Kleesattel erbauten neugotischen Backsteinbasilika keine Messe mehr gelesen. Doch die sakrale Atmosphäre ist noch deutlich zu spüren. Dem ortsansässigen Architekturbüro M15 ist die Balance zwischen Alt und Neu gelungen. Die historischen Bleiglasfenster, Strebebögen, Säulen und Gesimse stehen im Dialog mit den modernen Einbauten aus Glas und Stahl. Vom Hier und Jetzt künden die in der Halle abgestellten Rollatoren und Kinderwagen. „Ich freue mich, wenn die Kinder hier spielen und man ihr Lachen hört“, sagt Georg Scherm, ein Bewohner um die 60, der mit seiner Lebensgefährtin hierhergezogen ist. Die Eingangshalle, von der aus die Wohnungen erschlossen werden, ist ein beliebter Treffpunkt.

Baurechtliche Auflagen

Die Umwidmung der Herz-Jesu-Kirche in der westdeutschen Stadt steht beispielhaft für die Lösung eines Problems, das hierzulande zunehmend drängend wird. Die Bevölkerung altert, die Gemeinden schrumpfen. Überall werden Gotteshäuser abgerissen. Die Deutsche Bischofskonferenz geht von 700 katholischen Kirchen aus, deren Verwendung sich in den kommenden zehn Jahren ändern werde.

In Mönchengladbach sieht der Umgang mit der zweckentfremdeten Kirche ganz einfach aus. Es scheint nur Gewinner zu geben: zufriedene Mieter, eine gleich mehrfach prämierte Architektur sowie eine Kirchengemeinde, die erleichtert ist, ihre Kirche vor dem Abriss bewahrt zu haben. Warum kann man dennoch diese Form der Umnutzung in Deutschland an nur einer Hand abzählen? „Für private Projektentwickler stellt der Umbau einer Kirche in ein Wohnhaus eine ziemliche Belastung dar“, sagt Georg Wilms, einer der geschäftsführenden Gesellschafter der Firma Schleiff Denkmalentwicklung aus Erkelenz, die für die Umnutzung verantwortlich war.

Anders als in anderen europäischen Ländern seien die entsprechenden baurechtlichen Auflagen hierzulande sehr aufwendig und teuer. Und sein Co-Geschäftsführer Heinz-Peter Dahmen pflichtet ihm bei: „Besonders die restriktiven deutschen Brandschutzbestimmungen haben uns zu schaffen gemacht.“ Da die Wohnungstrennwände aus Gründen des Denkmalschutzes in Holzständerbauweise errichtet werden mussten, war der Einbau einer teuren Überdruckanlage vonnöten, die im Fall eines Feuers in den Wohnungen die Brandgase ins innenliegende Treppenhaus blasen soll. Ohne Quersubventionierung wäre die Gesamt-Finanzierung nicht möglich gewesen. Die Stadt hat das Vier-Millionen-Projekt mit 2,3 Millionen Euro gefördert.

„Das Thema Umnutzung von Kirchenräumen wird in Deutschland sehr emotional diskutiert“, sagt Projektentwickler Wilms, dessen Unternehmen in Aachen auch das ehemalige Kloster St. Alfons in ein Bürogebäude verwandelt hat. In den Niederlanden, wo das Kirchensterben noch dramatischere Ausmaße angenommen hat als hierzulande, ist das Geschäft mit Gotteshäusern mittlerweile Teil des ganz normalen Immobilienmarktes. Und im Londoner Stadtteil Knightsbridge steht eine sanierte historische Kirche zum Verkauf: Inklusive Swimmingpool, blattvergoldeten Wänden und Fitnessraum soll sie 50 Millionen Pfund kosten.

Der Hamburger Propst und Präsident des Evangelischen Kirchenbautags, Johann Hinrich Claussen, wundert sich nicht über diese Entwicklung: „Die Niederlande und England gehören zu den am meisten entchristlichten Ländern Europas.“ Er hält nichts von der Kommerzialisierung ehemaliger Kirchen. „Ein Verkauf von Kirchen ist nicht sinnvoll. Für private Anleger lohnt es sich nicht. Und für die Kirche ergibt sich das Problem, dass sie dann keinen Einfluss mehr auf die Nutzung hat, in der Öffentlichkeit aber weiterhin verantwortlich gemacht wird.“

So wurden Gemeinden in jüngster Zeit schon zur Zielscheibe von öffentlicher Kritik und sogar von Bürgerprotesten, als Kirchen zu Restaurants, Cafés oder sogar zu einer Sparkasse umgenutzt wurden. Pastor Claussen ist zuversichtlich, dass diese Entwicklung gestoppt werden kann. „Ich glaube, wir Deutschen empfinden ein besonderes Verantwortungsbewusstsein gegenüber diesem besonderen Erbe.“

Keine sakrale Ausstrahlung

Im Kölner Stadtbild etwa war die in den 1960er-Jahren erbaute Kirche der evangelischen Jeremia-Gemeinde in der südlichen Neustadt lange kaum sichtbar. Sie stand in einem von der Straße aus nicht einsehbaren Hinterhof. Eine junge Familie mit zwei Kindern war über eine Immobilienanzeige auf sie aufmerksam geworden und ließ sie vom Kölner Architekten Mathias Romm zu einer Wohnung auf drei Ebenen umbauen. Heute kann man die ursprüngliche Bestimmung der Räume kaum noch erkennen. „Die Bauherren wollten keine sakrale Ausstrahlung und hatten das Gebäude vor allem wegen seiner architektonischen Qualität ausgewählt“, sagt Architekt Romm.

Und so blieben nur die beeindruckende Raumhöhe von fünf Metern, die imposanten Betonträger und die alten Schieferplatten aus der ehemaligen Sakristei im neuen Dampfbad als Reminiszenz an den ehemaligen Sakralbau. Warum nicht mehr ungenutzte Kirchen in Wohnräume verwandelt werden, versteht der Architekt nicht.

Diese Auffassung vertritt auch der Münsteraner Architekt Jörg Preckel. Eine umgenutzte Kirche, die nicht den Kräften des freien Marktes preisgegeben wird, sondern einen städtischen Betreiber hat, sei ein gutes Mittel, um günstigen Wohnraum für Bedürftige zu schaffen. Und bedürftig sind die acht älteren Männer, ehemals Obdachlose, die im vergangenen Jahr in die Wohnungen der sanierten Dreifaltigkeitskirche in Münster eingezogen sind.