Architektur

Gegensätze ziehen sich an

Birkenstämme, Barocktapete und Felle – Ingo Hölters und Axel Schäfer arbeiten mit vielen Materialien

Das Rind ist erlegt: Es liegt als Fell auf dem Boden, seine Hörner hängen an der Wand. Bezwungen haben es die Cowboys Axel Schäfer und Ingo Hölters. Ob Dackel Elliot als Jagdhund eine Rolle gespielt hat, ist nicht überliefert. Vielleicht hat er das Tier gejagt, dessen gedrehte Hörner als Skulptur über dem Bett prangen? Oder war er beim Fang des „toten Lachs’“ an der Wand beteiligt?

Doch mal langsam: Was nach Texas klingt, ist lediglich Berlin. Und gejagt hat hier keiner. Die Weiten der Prärie sind 125 Quadratmeter, und wie es sich für ein Loft gehört, ohne störende Innentüren. Nur Wandscheiben gibt es als Trennungen zwischen den einzelnen Wohnbereichen. Quasi eine Einzimmerwohnung, selbstverständlich mit offener Wohnküche. Dazu gibt es meterhohe Decken, raumhohe Industriefensterflächen, dicke, quadratische Säulen in der Wohnung und sogar diese typischen Steinhalbkugeln auf der Terrasse, die früher als Abstandshalter bei Durchfahrten dienten. Schließlich befindet sich das Loft in einer alten Wollgarnfabrik nahe Frankfurter Tor – und zwar in deren Einfahrt, um genau zu sein. Im Außenbereich besticht nicht nur die klassische Hinterhoffassade mit glasierten Fliesen, das Erdgeschoss bietet vorn und hinten auch noch zwei Eigengärten – klein, aber privat. Toll für Dackel Elliot und noch toller für die beiden Männer, die hier regelmäßig den Outdoor-Gasgrill anwerfen und Freunde bewirten.

Seit drei Jahren wohnen Ingo Hölters und Axel Schäfer in ihrem Loft. Zusammen betreiben sie „Berlinrodeo – interior concepts“, ein Label für Innendesign. Schäfer hat Architektur studiert und ist der kreative Kopf des Unternehmens, Hölters als früherer IT-Unternehmensberater ist Geschäftsführer und kümmert sich um das Marketing und die organisatorische Abwicklung der Aufträge.

Es war Ingo Hölters, der die Wohnung fand. Er krempelte sein Leben um, als er Axel Schäfer samt Elliot kennenlernte und zog „über Nacht“ von Hamburg nach Berlin. Besichtigungstermin, Umzugsfirma, Einzug. Als sein neuer Freund dann erstmals die Wohnung sah, rümpfte er die Nase.

Die Farbe: Toter Lachs

„Alles war weiß gestrichen, richtig ungemütlich“, erinnert sich Axel Schäfer. „Ich hatte ja nur ein Wochenende bis zum Umzug“, gerät Hölters in Erklärungsnot. Die Liebe ist eben manchmal schneller als die Handwerker. Aber wer sich einen Designer als Lebenspartner aussucht, der mit Hund und Kegel bei ihm einzieht, bleibt bei der Wohnraumgestaltung natürlich auch nicht lange allein.

Zunächst kam gleich einmal „Dead Salmon“ an die Wände. Die britische Farbenmanufaktur Farrow & Ball ist für ihre harmonischen, intensiven Töne ebenso bekannt wie für ihre originellen Farbnamen. Wobei es sich bei „dead“ gar nicht um „toten“ Lachs handelt – das Wort bedeutet in Zusammenhang mit Farben schlicht „matt, nicht glänzend“. Egal. Hauptsache, der Schlammton bringt die internationalen Kunstwerke gut zur Geltung und verbreitet eine angenehme Wirkung. Das tut im Übrigen auch die klassische Musik, die im Hintergrund läuft. „Beim Wohnen passiert vieles im Unterbewussten. Man nimmt nicht die einzelnen Komponenten wahr, sondern den Gesamteindruck“, sagt Schäfer.

So fällt es erst auf den zweiten Blick auf, dass das echte „Longhorn“ seine Wildheit gleich neben einem Bling-Bling-Kristallleuchter ausstrahlt, die Tapete hinter dem Esstisch zwar Barockflair versprüht, aber gleichzeitig das Grün der Gartenpflanzen und das Sonnenlicht von draußen spiegelt und Retro-Uhren auf weißen Hochglanz-Sideboards neben blühenden Orchideen ihren Platz gefunden haben. Gegensätze ziehen sich eben an. Diese Grundhaltung findet sich im Einrichtungskonzept wieder: „Die Kontraste betonen einander. Das eine bringt das andere erst richtig zur Geltung“, sagt Axel Schäfer. Er hat sich darüber viele Gedanken gemacht, nicht nur für sich und seinen Partner – vor allem für seine Kunden. Als Interiordesigner gestaltet er die Wohnungen anderer Leute, außerdem Arztpraxen, Restaurants, Bars und Büros. Aber am liebsten den Lebensbereich: „Es ist unglaublich, wie viel Privates man erfährt. Man muss einen Menschen kennenlernen dürfen, damit man sein Umfeld individuell genau passend auf ihn zuschneiden kann.“

Genau das ist es, was Schäfer an seinem Beruf so liebt. Und warum er nicht Biophysiker wurde. „Das langweilt doch jeden sofort, dem man davon erzählt“, sagt er. Noch nicht einmal durch die Architektur kam er den Bauherren nahe genug: „Nach meinem Studium arbeitete ich in einigen Büros. Aber selten kann man dabei wirklich für Einzelne kreativ werden – meist gestaltet man nur für die Masse. Heraus kommen Entwürfe, mit denen jeder irgendwie leben kann.“

Aber „irgendwie leben können“ ist ihm nie genug. Seine Projekte strahlen Individualität aus. Modern, großstädtisch, aber auch mit Bezügen zur Natur. So kommt auf den Kunden, der sich von Schäfer und Hölters beraten lässt, immer auch ein Hauch von Wildheit zu. Klar, dass da schon einmal Bullenhörner an der Wand einer minimalistischen Vorstadtvilla landen. Und Animal Prints auf den Esstischstühlen. Oder eine echte Pelzdecke auf dem Bett und ein Zebrafell darunter.

Rodeo und Berlin – das gehört für die Firmeninhaber zusammen. „Da ist alles drin, was das Leben hier ausmacht: Stadt gegen Natur, Wildes und Gezähmtes, Zwiespältigkeit und Toleranz, Kraft und Energie, unaufgeregt und gleichzeitig aufregend. Mehr noch: Der Versuch des Reiters, den Stier an den Hörnern zu packen“, erklärt Ingo Hölters die Assoziationen zu ihrem Label. So wurden die Hörner zu einer Art Markenzeichen von Berlinrodeo.

Natur in der Wohnung

Weil sich aber nicht jeder Kunde innenarchitektonisch zu so viel Wildheit entschließen kann, hat Schäfer auch sanftere, natürliche Ideen. „Ohne Grünpflanzen ist ein Raum einfach supertot“, sagt er. Aber auch Felle oder Birkenstämme, wie sie bei Hölters und Schäfer als Handtuchhalter im Gäste-WC herhalten, können Natur ins Haus holen. Sogar die Abbildung von Natur mache etwas her, findet Axel Schäfer, wie etwa florale Muster an Tapeten. Typisch Berlin ist die Attitüde dahinter: Selbst, was gestylt ist, darf nicht so wirken. „So komplett durchgestylte Wohnungen, wie man sie in Hochglanzmagazinen sieht, sind nicht zum Wohlfühlen“, sagt Ingo Hölters.

Bei der Einrichtung komme es auf Inspirationen und Gefühl an: „Oft muss man nur die Ideen seines Auftraggebers bündeln“, sagt Schäfer. Dass er selbst vor Ideen nur so übersprudelt, zeigt das eigene Einrichtungskonzept nur zu gut. Fürs Bündeln hat er nun Ingo Hölters gefunden: Es scheint, als lasse „der Cowboy“ sich von ihm ein wenig in seiner Wildheit zähmen – beruflich und natürlich auch beim Wohnen.