Design

Eine Frau liebt Rot

Diese Farbe dominiert Ines Wentzkes Wohnung im Dachgeschoss mit einem weiten Blick über die Stadt

„Rot ist bestimmt ihre Lieblingsfarbe!“ denkt unwillkürlich, wer Ines Wentzkes Dachgeschoss-Wohnung in Reinickendorf betritt. Als Erstes fällt der Blick auf ein großes leuchtend rotes Eck-Sofa und gleichfarbige Sessel aus Leder. Teppich, Bilder, Kerzen – bis zum kleinsten Dekoartikel dominiert Rot die Einrichtung. Ein ähnliches Bild auf der linken Seite: Auch in der offenen Küche bilden Küchengeräte, Blumen, Tisch und Stühle in Rot- und Orangetönen einen starken Kontrast zur weißen Einbauküche.

Doch die Wahrheit ist einfacher: „Ich habe einfach viel Kunst in Rot“, sagt Ines Wentzke. Einige Werke der Hamburger Malerin Kristine C. Krups sind darunter, aber auch Bilder aus dem Atelier Lichtzeichen, einer Einrichtung der Evangelischen Stiftung Alsterdorf in Hamburg, wo behinderte Menschen künstlerisch arbeiten. Und diese Werke sollten in Wentzkes neuer Wohnung auch richtig gut zur Geltung kommen. Im Sommer ist sie ins neu ausgebaute Dachgeschoss eingezogen. Mit spektakulärem Blick über ganz Berlin: „Rotes Rathaus, Brandenburger Tor, Funk- und Fernsehturm, Dom – alles kann man von hier aus sehen“, erzählt die Innenarchitektin, der die Firma Terravision Immobilien gehört.

In ihrem alten Domizil in Charlottenburg dominierten noch die Naturtöne. Jetzt war Zeit für Neues. Vom schicken Charlottenburg ins piefige Reinickendorf, sozusagen. Doch Wentzke fühlt sich pudelwohl in ihrer neuen Umgebung. Schönhauser Allee, Hackescher Markt, alles gut zu erreichen, sagt sie. Auch rund um die Wollankstraße gebe es nette Restaurants und Geschäfte. „Und durch den Spreetunnel bin ich ganz schnell wieder in meinem alten Revier“, erzählt sie. Wenn die Sehnsucht doch mal zu groß werden sollte. „Aber ich finde die Gegend hier wirklich spannend“, sagt Wentzke. „Der Kiez entwickelt sich.“

Elf Monate Umbau

Das Haus nahe dem S-Bahnhof Schönholz gehört Ines Wentzke gemeinsam mit einem weiteren Eigentümer. So konnte sie bis auf baurechtliche Details weitgehend schalten und walten, wie sie wollte. „Ich muss ein Objekt nur zwei-, dreimal auf mich wirken lassen, dann habe ich die grobe Idee, was man daraus machen kann“, erzählt die Innenarchitektin. Ein Planungsbüro setzte ihre Ideen um. „Details, zum Beispiel, wie Rohre verkleidet werden sollen, kommen dann später.“ Inklusive zweier Terrassen haben Wentzke, ihre Familie und Hund Bonito dort jetzt 280 Quadratmeter zur Verfügung. „So angelegt, dass man später auch zwei getrennte Wohnungen mit jeweils eigener Energie- und Wärmeversorgung haben kann“, erzählt die Architektin. „Ich wollte alles möglichst flexibel.“

Das Dachgeschoss ist als Alterswohnsitz gedacht. Dementsprechend führt der Fahrstuhl jetzt direkt in den Wohnungsflur. Elf Monate dauerte der Umbau. Ines Wentzke ließ gleich auch die Fassaden, das Treppenhaus sowie die Klingelanlage erneuern und den Hof gestalten.

2006 haben Wentzke und der Miteigentümer das Haus gekauft. Nur einige Hundertausend Euro zahlten sie für den damals noch vierstöckigen Bau. „Es sah grottig aus“, erinnert sich Wentzke. „Mausgrau, Asbest an den Balkonen.“ Aber sie hatte auch schnell das Gefühl, „damit kann man nichts verkehrt machen“. Jedes Mal, wenn eine Mietpartei auszieht, saniert sie seitdem die Wohnungen. Rund die Hälfte der 13 Einheiten sind inzwischen auf dem neuesten Stand. Gebaut wurde das Haus 1959. „Und ich bin froh, dass es kein Altbau ist“, sagt die Eigentümerin. „Hier habe ich keine Probleme mit der Substanz, weil es Betondecken sind, kein Holz.“ In Altbauten könne man viel Geld versenken. Die 60er-Jahre-Bauten dagegen hält sie für verkannt. „Sie sind zwar ein bisschen hellhörig und nicht gut gedämmt, aber das lässt sich mit einfachen Maßnahmen verbessern.“

Unter anderem mit dreifach verglasten Fenstern: Sie halten viel vom Fluglärm ab, den die Flieger auf ihrem Weg von oder nach Tegel verursachen. „Ich nehme die Flugzeuge schon gar nicht mehr wahr“, sagt Ines Wentzke.

Die Eigentümerin mag klare Linien und viel Licht in ihrer Wohnung. Darum hat sie überall Schränke, große Fenster und Oberlichter einbauen lassen. Großzügig wirkt auch die Deckenhöhe: von 2,30 Meter am Essplatz steigt sie bis zur Fensterfront des Wohnbereichs auf 3,80 Meter. Beide Lebensbereiche sind nur partiell durch eine Wand mit Kamin voneinander getrennt. Auf drei Seiten ist er verglast, so dass der Feuerschein in beiden Bereichen seine Wirkung entfaltet.

Hinter der Küche geht es in den Gästebereich: Schlafzimmer und Bad haben Besucher dort für sich allein. Hier nimmt Ines Wentzke Abstand vom Rot. Maritime Deko in weiß-blau herrscht vor – und zeigt ihre Verbundenheit zum Greifswalder Bodden, wo sie regelmäßig freie Zeit verbringt.

Von dort stammen auch die alten Ziegel, mit denen sie einen Teil der Essplatzumrandung gestaltet und im Wohnbereich Abluftrohre verkleidet hat. Hier und da findet sich auch ein Instrument dekorativ in einer Ecke platziert: Akkordeon und Gitarre (beides spielt Ines Wentzke selbst) und eine Geige vom Opa.

Der Betonboden bietet im Kontrast dazu Industriecharme, ist aber selbstverständlich beheizbar. „Es gibt den Boden in allen möglichen Farben“, sagt Ines Wentzke. Aber sie hat sich für ein Mittelgrau entschieden. Falls Risse auftreten sollten, sehe das betonfarben immer noch gut aus. In einem helleren Ton würden Risse schnell unansehnlich wirken, glaubt sie. „Außerdem finde ich bei Bauteilen, die man nur schwer wieder verändern kann, dezente Materialien und Farbtöne sowieso besser.“ Der graue Boden wurde mehrfach geschliffen: „Je mehr, desto stärker erzielt man einen Terrazzoeffekt“, sagt Ines Wentzke.

Stufen und Winkel

Versiegelt ist der Boden mit Wasserglas, einer Substanz aus Quarzsand und Carbonat. „Das macht ihn extrem hart“, erklärt die Expertin. Ist der Blick aus dem Wohnzimmer schon beeindruckend, macht die Aussicht von den beiden Dachterrassen noch einmal mehr her. Die obere Terrasse Richtung Süden, die untere Richtung Norden gebaut bieten sowohl einen Platz zum Sonnenbaden als auch eine schattige Sitzecke. Die große Silvesterparty ist auch schon geplant. Wentzke: „Jeder, der uns besucht, sagt, dass wir hier feiern müssen – also habe ich nachgegeben.“

Angeschlossen an die untere Terrasse: die kleine Raucher-Lounge. Ebenfalls schick in Rot und Orange, mit Sitzsäcken, Fernseher, Industrieparkett und großer Terrassentür zum Lüften.

Zu erreichen sind die Terrassen zum einen stufenfrei über den Flur, zum anderen über den Teil der Wohnung, der irgendwann einmal abgetrennt werden kann. Und während der eine Teil der Wohnung so klar und übersichtlich ist, hat der zweite an Stufen und Winkeln so einiges zu bieten: Zum Schlafzimmer führt eine Treppe aus Hochkantlamellen über Eck hinab, hinter dem Schlafbereich geht es ins Bad und in ein Ankleidezimmer, dann folgen ein Hauswirtschaftsraum sowie ein weiterer Flur, über den Ines Wentzkes Büro erreichbar ist. Witziger Hingucker: ein begehbares Glas im Boden eines Treppenabsatzes. Es gibt den Blick frei auf den unteren Flur. „Aber Bonito ist das gar nicht geheuer“, sagt die Innenarchitektin und lacht. „Da geht er immer sehr vorsichtig auf dem Rand vorbei.“