Wohnen

Wohngemeinschaft im XXL-Format

Mehrere Generationen unter einem Dach – die Projekte haben Zukunftspotenzial

Blanche Kommerell sagt, sie fühle sich jungen Menschen besonders nah. Die 64-Jährige ist Uni-Dozentin für Sprache und Schauspiel und wohnt mit drei ehemaligen Studenten-Paaren und deren elf Kindern auf einem idyllischen Grundstück im Wittener Stadtteil Bommern. „Das Zusammenleben mehrerer Generationen ist die beste Art des Wohnens“, sagt sie. Sie habe ihr ganzes Berufsleben mit Studenten zusammengewohnt und von der „jungen“ Sichtweise des Lebens mindestens genauso viel gelernt wie die Studenten von ihr.

Das sehen ihre Mitbewohner ähnlich. „Unsere Kinder finden Blanche toll, weil sie so wunderbar mit ihnen spielen kann“, sagt Christian Scheffer, der mit Frau und drei Kindern im obersten Geschoss der dreistöckigen Villa aus den 1920er-Jahren wohnt. Für seine Familie hat die Wohngemeinschaft im XXL-Format noch einen weiteren Vorteil: Blanche passt gern mal auf die Kinder auf, wenn ein Ehepaar abends ausgehen will oder wenn die berufstätigen Mütter Hilfe brauchen.

Vor zehn Jahren haben die drei befreundeten Familien die alte Villa gekauft und in drei Eigentumswohnungen umgewandelt. Für Blanche Kommerell hat die Hausgemeinschaft eigenhändig das Gartenhaus saniert, in dem sie zur Miete wohnt. Einen Gemeinschaftsraum wie in den meisten Mehrgenerationenhäusern gibt es nicht, dafür aber eine Terrasse und einen großen Garten direkt an der Ruhr, wo sich die Hausgemeinschaft im Sommer abends auf einen Wein trifft, Feste und Geburtstage feiert und die Kinder im Alter von drei bis 17 Jahren gemeinsam spielen. In der dunklen Jahreszeit finden Hauskonzerte statt.

Jeder fünfte Bürger ist älter als 65

Auch in Berlin, und dort sogar in zentraler Lage, tauchen die ersten XXL-WGs auf. Die Architektin Iris Oelschläger aus dem Büro Deimel Oelschläger ist nicht nur Mit-Initiatorin, sondern auch Planerin des Mehrgenerationenhauses in der Schönholzer Straße in Berlin-Mitte. In dem Neungeschosser mit den hölzernen Klappläden sind sieben Bewohner älter als 60, 27 Bewohner sind 30 bis 50 Jahre alt, und in den großzügigen offenen Gemeinschaftsgärten spielen 27 Kinder.

Dass das Mehrgenerationenwohnen Zukunftspotenzial hat, zeigt die demografische Entwicklung. Bereits heute ist Deutschland das EU-Land mit der ältesten Bevölkerung. Laut Statistikamt Eurostat ist jeder fünfte Bürger älter als 65, bereits 2030 wird diese Gruppe ein Drittel der Bevölkerung ausmachen. Und der Anteil der unter 20-Jährigen schrumpft: von 20,1 Prozent im Jahr 2011 auf prognostizierte 17,3 Prozent im Jahr 2020. Dann wird ein Drittel der über 65-Jährigen keine Kinder und Enkelkinder mehr haben. Doch der Umzug ins Altersheim ist für die meisten Menschen keine Alternative. Laut Vorwerk-Familienstudie von 2012 halten 76 Prozent ein Mehrgenerationenhaus für eine gute Sache.

Umso erstaunlicher, dass die Immobilienwirtschaft auf diesen Bedarf bisher kaum reagiert hat. Eine statistische Erfassung zum Mehrgenerationenwohnen gebe es nicht, sagt Marie-Therese Krings-Heckemeier vom Beratungsunternehmen Empirica. Dabei sei das Interesse an dieser Wohnform groß, wie Rolf Novy-Huy von der Trias Stiftung feststellt. Die gemeinnützige Stiftung, die auch als Netzwerk für Baugruppen-Aspiranten fungiert und Berater vermittelt, stellt seit 15 Jahren ein gesteigertes Interesse am Mehrgenerationenwohnen fest. „Wir haben bereits an 3000 Baugruppen Kontakte zu Architekten, Juristen, Finanzfachleuten und Mediatoren vermittelt, in diesem Jahr sind noch einmal 300 Baugruppen dazugekommen“, sagt ihr Geschäftsführer. Es seien vor allem die gebildeten „Empty Nesters“ in den Großstädten, eher Grünen- als CDU-Wähler, die sich für das Mehrgenerationenwohnen interessierten. Die Stiftung, die sich zum Großteil aus privaten Spenden speist, kauft städtisches Bauland und vermittelt es in Erbpacht an ausgewählte Baugruppen. „Wir behalten uns vor, den Zweck des geplanten Bauvorhabens zu bestimmen“, sagt Novy-Huy. In beliebten Innenstadtlagen mit ihren steigenden Grundstückspreisen gebe es scharenweise potenzielle Kunden. „Es gibt leider viel zu wenige Investoren, die bereit sind, in multifunktionales Wohnen wie das Mehrgenerationenwohnen zu investieren“, bedauert der Präsident des Bundesverbandes Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen, Andreas Ibel. Favorisiert würden vielmehr nach wie vor konservative Wohnformen, was sehr schade sei, denn das Mehrgenerationenwohnen sei ein Wohnmodell mit Zukunft.

Ein Modell, dessen Erfolg aber im hohen Maße vom Einsatz und Idealismus seiner Protagonisten abhängt, wie die Mehrgenerationenhaus-Bewohnerin Kathleen Battke glaubt. „Wer nicht konfliktfähig ist, nicht offen für Kritik und aufgeschlossen gegenüber anderen Meinungen, hat es meist schwer in einer Baugruppe“, sagt sie. Die Publizistin und Mediatorin lebt mit ihrem Mann seit fünf Jahren in der Mehrgenerationen-Anlage „Amaryllis“ in Bonn. „Mein Mann und ich haben keine Kinder, wir wollten gern mit Familien mit kleinen Kindern zusammenleben, aber gleichzeitig auch von dem Wissen und der Erfahrung alter Menschen profitieren“, sagt die Mittfünfzigerin.

Um ihren Wohntraum im Amaryllis zu verwirklichen, haben sich Kathleen Battke und ihr Mann sogar räumlich eingeschränkt. Sie leben auf 54 Quadratmetern in zweieinhalb Zimmern. Das soziale Leben findet jedoch meist im Gemeinschaftshaus oder im Sommer in den großzügigen Gemeinschaftsgärten statt.

Die Wohnanlage, von den damals Mittvierzigern Silke Gross und ihrem Mann Gerd Hönscheid-Gross initiiert, wurde von dem Bonner Architektenpaar Siebenmorgen entworfen. Auf einer Fläche von 3500 Quadratmetern sind 32 leuchtend gelbe Wohnungen und Häuser für insgesamt 60 Bewohner entstanden. Es gibt 40 bis 140 Quadratmeter große Wohnungen als Maisonette, Geschosswohnung oder als Reihenhaustyp.

Politischer Etikettenschwindel

Überzeugt hat die Bewohnerin Kathleen Battke auch der Preis für das Mitwohnen in der Genossenschaft. „Wir haben eine Pflichteinlage von 20000 Euro geleistet, die wir zurückbekommen, falls wir ausziehen.“ Pro Quadratmeter beliefe sich die Miete auf zehn Euro, was für Lage und Qualität der Wohnungen nicht zu teuer sei. Am meisten freut Kathleen Battke, dass die Genossenschaftler die Kontrolle über ihre Mieten behielten.

Das Erfolgsrezept Mehrgenerationenwohnen hat die Politik erkannt. Sozialministerin Manuela Schwesig hatte im Sommer die Förderung von rund 500 Mehrgenerationenhäusern ermöglicht. Doch der Name ist eigentlich ein Etikettenschwindel, denn in den wenigsten dieser Häuser leben die Generationen unter einem Dach. Es sind eher Kommunale Begegnungsstätten, die mit viel Unterstützung von ehrenamtlichen Helfern betrieben werden, um die Kommunen zu entlasten.