Architektur

Grüne Oase mitten in der City

In Pankow haben Architekten ein kleines Einfamilienhaus mit einer ganz besonderen, farbigen Fassade geschaffen

Das Haus liegt weit hinten auf dem Grundstück. Von der Straße aus fällt es kaum auf, da es durch seine grüne Farbe fast mit der Umgebung verschmilzt. Anke Pätsch sortiert auf einer Holzterrasse Kartoffeln und Kürbisse, die sie im eigenen Garten geerntet hat. Das Haus, in dem die Mutter von zwei Kindern gemeinsam mit ihrem Mann wohnt, liegt allerdings nicht am Stadtrand, sondern in Pankow an einer viel befahrenen Nebenstraße. 850 Quadratmeter ist das Grundstück groß, es gibt eine große Rasenfläche – und eben jenen Gemüsegarten. Die beiden Kinder Navia und Airas tollen bei herrlichem Sonnenwetter im Garten umher.

Haus und Grundstück liegen in der Tat ungewöhnlich. Auf der einen Seite grenzt eine große Brandmauer an das Grundstück, auf der anderen Seite hat man einen weiten Blick in eine Hinterhof-Häuserzeile hinein. Und nicht nur die Lage, sondern auch das Haus selbst ist besonders. So hat es eine eigenwillige Form – der Grundriss nimmt alle umgebenden Straßenverläufe und Himmelsrichtungen auf. Doch der Reihe nach.

Im Internet hatte Anke Pätsch einst das zugewachsene Grundstück gefunden, auf dem nur Garagen und ein alter eingefallener Flachbau standen – im Jahr 2007 war das, bevor die Preise in der Innenstadt extrem anzogen und die Innenstadtbezirke zu den beliebtesten Wohnlagen wurden. Wohnte die damals noch zweiköpfige Familie zuvor in Prenzlauer Berg in einer 100 Quadratmeter großen Wohnung, so kristallisierte sich mit der Geburt des heute sechsjährigen Airas der Wunsch nach einem Eigenheim heraus. „Schließlich entschieden wir uns zum Kauf des Grundstücks, rissen zum Teil eigenhändig die alten Garagen ab“, sagt Pätsch. Ein befreundeter Architekt übernahm die Planung für das Haus.

Komplett aus Holz

Es sollte ein wenig dauern, verschiedene Varianten für den Eigenheimbau auf dem Innenstadtgrundstück wurden durchgespielt. „Was dann letztlich entstand, hat uns positiv überrascht“, sagt Pätsch. „Die Architekten sind Künstler, auch was die kostengünstige Umsetzung angeht.“ Das 2009 fertig gestellte Haus schließt nunmehr direkt an die Brandwand des angrenzenden Hinterhauses an. Um diese Hinterhauszeile städtebaulich abzuschließen, ist das Stadthaus elf Meter hoch und hat drei Etagen. Im Grunde ist das Einfamilienhaus jedoch ein Typ, der in den Altbaubezirk nicht so recht passen mag – für eine Remise ist das Haus mit elf Metern zu hoch und für ein Hinterhaus zu niedrig und zu schmal.

Gleichwohl: Wegen seiner äußeren Formgebung passt es dann doch in die experimentierfreudige Innenstadt. So besteht das Haus aus einem quadratischen, breiten südlichen und einem sich trapezförmig verjüngenden nördlichen Teil. Bei der Wahl des Dachtyps orientierten sich die Architekten an den benachbarten Gebäuden und schufen eine Verbindung aus Steildach- und Flachdachfläche.

Das Berliner Architekturbüro brandt + simon plante mit viel Einfallsreichtum dieses außergewöhnliche Wohnhaus – und ist dafür bereits mit zahlreichen Architekturpreisen ausgezeichnet worden.

„Worauf wir immer wieder angesprochen werden, ist jedoch die originelle Fassadengestaltung unseres Hauses“, sagt Pätsch. Und in der Tat ist es gerade die untypische Ziegelfassade, die das Gebäude von seiner Umgebung abhebt, und doch gleichzeitig – eben wegen der grünen Färbung der Ziegel – mit der angrenzenden Vegetation verschmelzen lässt, denn die einzelnen Ziegel imitieren in ihrer pixelhaften Wirkung das Laub von Bäumen. Hierzu wurde der Farbverlauf an der Fassade entsprechend gewählt: Im Sockelbereich noch dunkelgrün, hellt sich das Grün bis zum Dach hin immer weiter auf, geht scheinbar in den Himmel über.

Ergebnis: Das komplett aus Holz errichtete Wohnhaus gewinnt durch seine umschließenden Tonziegel an Stabilität und Massivität sowie an Schutz gegen Wettereinflüsse. Eine zusätzliche Dämmung der Wände erfolgte mit Zellulose. „Unser Haus ist aber nicht nur von außen grün, sondern wir setzen zur Wassererwärmung in hohem Maße etwa auch auf Solarthermie“, erklärt Pätsch. Im Sommer und Winter werde damit der gesamte Warmwasserbedarf gedeckt, zeitweise sogar noch die Heizung unterstützt.

Sollte mehr Wärmebedarf bestehen, kann eine Gasbrennwerttherme zugeschaltet werden. Zudem werden sämtliche Räume von Fußbodenheizungen erwärmt. „Dadurch verbrauchen wir nur wenig Heizenergie“, so Pätsch. Wohn- und Essbereich der 155 Quadratmeter Wohnfläche befinden sich im Erdgeschoss und gehen ineinander über – tragende Wände fehlen, die Lastabtragung wird durch Wände im ersten Stock gewährleistet, die Decke hängt sozusagen am oberen Stockwerk. Im Erdgeschoss spielt sich das Leben der Familie ab. Mischpulte und Stereoanlage stehen auf einem Regal sowie Hunderte Langspielplatten. Spielzeug liegt griffbereit in den Ecken. Am hinteren Ende des großen Raumes befindet sich eine Couch. Direkt aus diesem Wohnbereich führt eine Tür hinaus auf die Terrasse und den riesigen angrenzenden Garten. So lebt die Familie immer im direkten Wechsel zwischen drinnen und draußen.

Neues entdecken

Schlafzimmer und Kinderzimmer liegen hingegen im ersten Stock, eine Bibliothek und ein Arbeitszimmer im zweiten Stock darüber. Im zweiten Stock besteht der Boden aus weißem Estrich, im ersten Stock und im Erdgeschoss gibt es Parkett. Einen Blickfang im gesamten Haus stellt die geschwungene, in den Wohnbereich ragende, weiß lackierte Holztreppe dar. Die Treppe ist so ungewöhnlich wie die Anordnung der Zimmer im Haus – sie ist trapezförmig und schraubt sich sozusagen durch das gesamte Gebäude.

Entsprechend ihrer Nutzung sind die Räume sehr individuell geplant worden. Die weitläufigen Zimmer liegen auf der Südseite des Hauses und die kleineren auf der Nordseite. „Die großen Zimmer können bei Bedarf später noch geteilt werden, wenn die Kinder größer werden“, sagt Pätsch. „Aus jedem Zimmer hat man eine andere Blickrichtung.“

Grüner Garten, Brandmauer oder entferntes Nachbargebäude – in dem ungewöhnlichen Haus kann man auf jeder Seite Neues entdecken. Der Blick aus Küche und Essbereich führt direkt auf die Terrasse, im rückwärtigen Wohnbereich im Erdgeschoss blickt man auf einen ummauerten Teil des Gartens. Aus dem Arbeitszimmer schließlich geht das Auge über die Baumwipfel und in den Himmel nach Norden.

Im Inneren des Hauses sind die meisten Wände ganz schlicht in weiß gehalten – große Gemälde des in Galizien bekannten Malers Lodeiro kommen so besonders zur Geltung. Der Maler war ein Onkel von Anke Pätschs Mann José Maria Durán.

Ferner hat jeder Raum ein großes Fenster, jedoch sind alle in Anordnung, Größe und Format verschieden. Zum Teil nehmen die Fenster die gesamte Wandfront ein und sorgen für viel Licht und Sonne in den Räumen, dann gibt es auch wieder kleinere Wanddurchbrüche.

Nur in der Bibliothek unter dem Dach fehlt ganz bewusst ein großes Fenster. Dort wurde der Zweckmäßigkeit Vorrang gegeben, denn die Wände dienen als Stellfläche für Bücherregale – auch soll so vermieden werden, dass die Bücher, darunter viele Werke zu Kunst- und Kulturgeschichte und zu Philosophie, durch direkte Sonneneinstrahlung vergilben. In diesem Raum finden sich daher verteilt viele kleine Fenster, die für indirekten Lichteinfall sorgen. Von hier aus kann man aber auch seine Augen in die nahen Baumkronen schweifen lassen.

Somit hat man kaum das Gefühl, mitten in der Innenstadt zu wohnen – auch wenn vorn an der Straße der Verkehr zeitweise recht stark an dem Haus vorbeifließt. Und im Lauf der Jahre wachsen ja auch noch die Bäume, die die Familie auf dem Grundstück gepflanzt hat. Dann werden Passanten das Haus, das so weit hinten auf dem Grundstück in zweiter Reihe steht, wegen seiner ungewöhnlichen Farb- und Fassadengestaltung kaum noch bemerken.