Innenarchitektur

Wohnen mit schöner Kunst

Der italienische Germanist Stefano Rosano musste von Hamburg nach Berlin umziehen und hat sich in zentraler Lage eingerichtet

„Ich habe geheult, als unsere Dependance in Hamburg geschlossen wurde“, erinnert sich Stefano Rosano. Aus Kostengründen hatte der italienische Staat vor mehr als drei Jahren sein Generalkonsulat an der Elbe aufgegeben. Konsularsmitarbeiter Rosano, einem Kenner der deutschen Literatur, der über Robert Musil promoviert hat, wurde angeboten, nach Berlin umzuziehen und an der italienischen Botschaft tätig zu werden. Aber sein Lebenspartner konnte und wollte nicht mit in die Hauptstadt. Was nun?

Beide einigten sich darauf, eine Wochenendbeziehung zu führen, abwechselnd in Hamburg und Berlin. Um es sich und dem Freund schön zu machen, legte sich Stefano Rosano eine Wohnung in einer ruhigen Seitenstraße zu, nur wenige Schritte vom Wittenbergplatz entfernt. Der Italiener konnte sie noch zu einer niedrigen sechsstelligen Summe erwerben, heute würde sie wohl fast das Doppelte kosten. Und er ließ die knapp 80 Quadratmeter umbauen und modernisieren.

Herausgekommen ist ein Domizil, in dem der polyglotte Sizilianer, der auch in Barcelona und Paris gelebt hat, inzwischen ausgesprochen gern wohnt und auch oft von seinem Freund besucht wird. Der ist Mitbesitzer der Eigentumswohnung. Entscheidend war auch, dass Rosanos Mutter gleich dreimal zu Besuch kam und befand, dass Berlin eine vitalere Stadt sei als Hamburg. „Sie sagte, ich würde hier leichter Kontakt finden zu Menschen. Und sie hat recht behalten“, sagt Rosano.

„Als ich das erste Mal in der Wohnung im vierten Stock stand, war ich schockiert“, erzählt er. „Mehrere kleine Zimmer, zu viele Türen, das Bad winzig und überall gelber Teppichboden. Grauenvoll!“ Doch dann ging er auf den Balkon und schaute herum: Der Blick ging zum KaDeWe. Darüber stemmte sich ein Teil des Europa Centers empor, der Wittenbergplatz war als kleine grüne Insel belebt. Und als Rosano dann wieder in die Räume hinein schaute, entschied er sich doch, aus diesem seltsamen Sammelsurium in einem 70er-Jahre-Bau etwas zu machen. „Ich liebe es, zentral zu wohnen“, sagt er. „Von meiner Wohnung aus kann ich alles schnell zu Fuß erreichen. Selbst in mein Büro in der Botschaft Italiens an der Tiergartenstraße brauche ich nur 15 Minuten. Das gab den Ausschlag.“

Zugang ohne Blockaden

Stefano Rosano war konsequent und beauftragte einen Architekten, eine offene Wohnung zu gestalten, mit viel Lichteinfall und durchgängigen Räumen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Rigoros wurden die überflüssigen Türen beseitigt, die toten Ecken ins Ganze integriert. Dadurch wurde die Wohnung zu einem einzigen großen Raum mit einigen Querwänden umgestaltet, allein schon optisch, aber auch real erweitert. Das Prinzip des Umbaus: Alles soll ohne Blockaden zugänglich sein. Außer das Bad, „die mit Abstand größte Investition“, erklärt der Hausherr. „Da möchte man doch lieber allein sein am Morgen.“

Zwischen Schlafzimmer und Bad wurde eine riesige grünstichige Milchglaswand eingesetzt. „Sie passte nicht in den Fahrstuhl, sechs Leute mussten sie über das Treppenhaus nach oben hieven“, erinnert er sich. In der Badewanne werden per Fernbedienung in die Keramik eingelassene Lämpchen in Gang gesetzt. Jedes Wannenbad wird zum Farbenspiel. Die geräumige Duschkabine, Lieblingsraum des Wohnungseigners, besteht aus feinem Acryl, „ein Alptraum für meine Putzhilfe“, so Rosano. Die meisten Gegenstände im Bad stammen vom französischen Design-Stars Philippe Starck.

Die offene Küche mit weiß schimmernden Steh- und Hängeschränken hat eine ganz eigene Atmosphäre. „Ich koche leidenschaftlich gern, da fällt es mir nicht schwer, in der Küche zu stehen. Wenn ich für Gäste Pasta, Risotto oder Gerichte nach den Rezepten meiner Mutter oder Großmutter zubereite, ist das der kommunikativste Raum“, sagt Rosano. Die Küche hat aber auch etwas Preußisches: Geschirr sowie dekorative Töpfe und Kannen aus Mailänder Manufakturen sind exakt aufgereiht wie die Soldaten Friedrichs des Großen. Der Hausherr hat ein Gefühl für Symmetrie, selbst die nobel gerahmte Wachskunst aus Spanien hängt in der Küche. Alles ist durchdacht und genau platziert.

Die Art-dèco-Dose dagegen, die Rosano auf einem Flohmarkt fand, darf nur auf dem Couchtisch liegen. Die Sofaecke im Wohnzimmer mit der langen Couch aus der renommierten Design-Manufaktur B&B Italia ist kunstdominiert. Hier macht das Parkett, das vor dem Einzug in der ganzen Wohnung gelegt wurde, den optisch besten Eindruck.

Wertvolle Kunstwerke schmücken die Wände. Die Lithographie „Electric Chair“ über dem Sofa ist ein Original von Andy Warhol, ebenso eines seiner Ausstellungsplakate aus den 60er-Jahren und das berühmte Kopfbild der Marilyn Monroe. „Ein elektrischer Stuhl passt eigentlich nicht in einen Wohnraum, aber ich bin immer noch fasziniert, wenn ich das Bild betrachte“, so der Italiener. Bei einer frühen Documenta in Kassel lernte Rosano Josef Beuys kennen und ließ sich von dem Künstler eines seiner Werke signieren. „Das dürfte einen gewissen Wert haben, aber ich gebe es nicht her.“

Stolz ist Rosano auf das Ensemble ausgefallener farbiger Plastikröhrchen, die mit einer Flüssigkeit gefüllt sind und als eigenwillige Komposition von dem österreichischen Künstler Robert Gschwandner gefertigt wurden. „Er hat in Florenz ausgestellt, und bei der Vernissage war mir klar, dass ich dieses symmetrische Werk haben muss. Leider war es nicht günstig.“

Eine Lampe von Sottsass

Auch im Schlafzimmer, durch eine halbe Wand vom Wohnzimmer getrennt, ist Kunst arrangiert. Über dem Bett hängen zwei Bilder von einem Künstler namens Rose, die Überdecke mit Troddeln ist vor Jahrzehnten von der Großmutter gehäkelt worden. Die Kopfkissen sind eine Handarbeit von Rosanos Mutter, „für eine Blüte auf dem Kissen brauchte sie einen Tag“. An der Wand am Fußende des Betts hängt die Pappmaché einer italienischen Künstlerin, die ihr Material selbst herstellt. Rosano gefällt das Leichte, fast Schwebende. Geschickt verteilt sind kleine Skulpturen und andere Exponate von Flohmärkten.

Eine Tischlampe vom verstorbenen Ettore Sottsass hütet der Besitzer wie seinen Augapfel, denn sie wird nicht mehr hergestellt und ist eine Rarität. „Sie ist einmalig“, freut sich der Kunstfreund. Der skurrile Minotaurus aus Metall daneben ist ein Geschenk seines Freundes, mit dem er die Kunstliebe teilt. In der Essecke hängen Keramikteller aus einer Serie. Nur auf dem Balkon, einem der Lieblingsplätze von Rosano, ist an der sauber geziegelten Wand eine deutsche Keramik angebracht worden. Der Kunstgeschmack des Italieners ist eher südlich orientiert.

An einem der Fenster hat er seinen Schreibtisch. Stefano Rosano hat gerade zusammen mit dem Martin-Gropius-Bau eine Pasolini-Ausstellung entwickelt, die dort schon zu sehen ist. „Da steckt unglaublich viel Arbeit drin, neben der Ausstellung gibt es auch Filme und Vorträge“, sagt er. Da half das Ambiente seiner schönen Wohnung, den Stress abzupuffern.

Der aus einer Juristenfamilie in Palermo stammende Germanist, der schon als junger Mann die deutschen Klassiker für sich entdeckte und aus der Familientradition ausbrach, hat für sich und seinen Lebenspartner ein Refugium geschaffen. Es erscheint schlicht, hat aber Stil. Jede Lampe, so manche aus historischen Beständen, ist präzise arrangiert, jedes Bild mit Bedacht gehängt. Jede Antiquität wie etwa die kleine gedrechselte Kommode unter dem Fernseh-Apparat ist mit einem modernen Element gekreuzt. Sogar für jede Vase wurde ein Platz bestimmt.

Der Gesamteindruck ist harmonisch, und darauf kommt es Stefano Rosano an. Sein Motto: Das Leben ist nicht lang, man soll sich mit schönen Dingen umgeben und gut wohnen.