Interview

„In der Auswahl der Stücke liegt der Reiz“

Der Umgang mit Kunst in der eigenen Wohnung ist eine Frage des Geschmacks, nicht des Geldes

Karl-Achim Czemper war an der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HBFK) Professor für Produktdesign, seit kurzem ist er emeritiert und arbeitet als Designer. Autor Roland Mischke sprach mit ihm über Kunst in der Wohnung.

Berliner Morgenpost:

Viele Menschen haben mehr oder weniger hochwertige Kunst in ihren Wohnungen deponiert. Was ist der Antrieb dafür, in und mit Kunst leben zu wollen?

Karl-Achim Czemper:

Der Schweizer Architekt und Künstler Max Bill definierte Kunstwerke als „Dinge für den geistigen Gebrauch“. Mir ist es ein geistiges Bedürfnis, mich mit Kunst zu umgeben, mehr noch: mit Werken von Künstlern, die ich persönlich kenne und schätze. Andere wollen vielleicht nur die Wohnung dekorieren, Geld gut anlegen oder ihren Besuchern imponieren.

Wie viel braucht jemand, der in seiner Wohnung Kunst haben will, an kunsthistorischen Vorkenntnissen? Man hängt sich ja heute nicht mehr den röhrenden Hirsch übers Ehebett.

Nein, heute ist es der „Sonnenuntergang am Meer“ über dem Bett. Jede Zeit hat ihren Kitsch. Der Umgang mit Kunst verlangt allerdings immer Kunstverstand.

Wie wichtig ist es, zumindest etwas Kunstgeschmack zu besitzen? Es ist ja ein Unterschied, ob sich jemand ein Plakat von einer Rock-Band an die Wand nagelt oder ob er ein Gemälde will.

Geschmack ist bekanntlich Geschmackssache. Nichts gegen Poster von der Lieblingsband, wenn das die eigene Welt ist. Das ist ehrlicher als eine am Fließband produzierte Kleckserei auf Leinwand, die Kunst sein will.

Ist Ihnen als Produkt- und Grafikdesign-Lehrer bekannt, was die häufigsten Vorlieben bei der künstlerischen Ausgestaltung von Wohnräumen ist?

Nein. Marktforschung und Moden interessieren mich nicht. Gutes Design folgt eigenen Gesetzen, so wie Kunst auch, und nicht dem Massengeschmack.

Es gibt Interieur-Designer, die ihre Kunden beraten, was sie an die Wände hängen könnten. Aber wie entsteht ein ganz individuell geprägtes Ensemble aus verschiedenen Kunstrichtungen und Epochen?

Wenn Sie nicht wissen, was Sie ganz individuell in Ihre Wohnung hängen oder stellen sollen, gehen Sie zum Therapeuten, nicht zum Einrichtungsberater.

Neulich sahen wir in einer Villa ein riesiges Bild, das die vor drei Jahren verstorbene Amy Winehouse darstellt. Der Besitzer war ein Fan von ihr, gab aber zu, dass ihn das Bild manchmal depressiv mache. Wo liegen die Gefahren bei der Auswahl der Kunst?

„Drum prüfe, wer sich ewig bindet.“ Das Schiller-Wort gilt auch für die Kunst, die ich in meine Wohnung hole.

Einst genügte Bildungsbürgern ein Ölgemälde im Wohnzimmer. Mit größerem Wohlstand ist mehr Kunst an die eigenen vier Wänden gekommen. Hat das mit dem boomenden Kunstbetrieb zu tun?

Offensichtlich haben immer mehr Leute immer mehr Geld für Kunst übrig. Das zieht alles Weitere nach sich.

Stefano Rosano hat seine Exponate über Jahrzehnte gesammelt und gemixt. Die Auswahl umfasst Originallithographien großer Künstler, aber auch Fundstücke von Flohmärkten und Gelegenheitskäufe. Was ist der Reiz einer solchen Sammlung?

Wer ein Auge für Kunst hat, wird auch ein Auge für Design haben und auf dem Flohmarkt das besondere Stück entdecken. Es ist eine Frage der Kennerschaft, nicht des Geldes. Die persönlichen Vorlieben bestimmen die Auswahl, im Mix liegt der Reiz.