Boot

Ein Schiff mit Geschichte

Die Auktionatorin Brigitte Schomann zog es immer aufs Wasser. Im vergangenen Jahr hat sie sich ihren schwimmenden Traum erfüllt

Als Brigitte Schomann noch ein Hippie war, lebte sie in Amsterdam auf einem Schiff in einer Gracht. Seitdem ist die heute 60-Jährige dem Wohnen auf dem Schiff verfallen. Vor 35 Jahren begann sie als Auktionatorin, heiratete einen Holländer, bekam ein Kind und ist heute Großmutter. Erst jetzt fand sie Zeit, das E-Patent zu machen. Das ist das Sportschifferzeugnis zum Führen von Sportbooten unter Antriebsmaschine mit einer Länge bis zu 25 Metern auf Binnenschifffahrtsstraßen. Die Prüfung dauerte sechs Stunden und war „richtig fies“, klagt sie. Nun geht sie den Aus- und Umbau ihres 25 Meter langen Schiffes an. Eine friesische Tjalk, 1906 als Segelschiff gebaut, einer der ersten stahlvernieteten Schiffskörper, mit einem lustigen Blechschornstein oben drauf. Die Überführung von Amsterdam nach Berlin dauerte elf Tage. Die wagemutige Frau hat ihr 100.000 Euro teures Schiff nach ihrem Enkel „Luuk“ benannt.

Die gebürtige Düsseldorferin lebte lange in London, kam 1999 nach Berlin und führt heute das Auktionshaus „Kaiserhöfe“ an der Museumsinsel. Einst träumte Schomann von einem Hundertwasser-Binnenschiff mit goldener Kuppel drauf. Aber dann kam der Gedanke, dass man manche Brücke nicht würde unterqueren können. Dennoch sollte es ein großes Schiff sein, mit viel Raum im Innern, denn Brigitte Schomann ist gewillt, mit ihren zwei Hunden und Katzen auf dem Schiff zu wohnen. „Hier will ich alt werden, und wenn es mit dem Laufen mal schwierig wird, lass ich mir einen Treppenlift einbauen“, sagt sie. Angst hat sie nur vor Temperaturen um 20 Grad minus, weshalb sie ihre Wohnung in Schöneberg noch behält.

Bevor sie ihre schwimmende Unterkunft nach Berlin holen durfte, musste sie einen Liegeplatz ergattern. „Das war extrem“, erinnert sie sich. „Berlin hat die größte Wasserfläche aller deutschen Städte, aber die Liegeplätze sind fast alle besetzt.“ Kurzerhand wandte sich die entschlossene Frau an den Regierenden Bürgermeister. Klaus Wowereit ließ antworten, es seien präzise Informationen zum Schiff vonnöten, die ganze Historie war auf einmal gefragt.

Kohlen und Kohlköpfe

Die Tjalk wurde zum Transport von Agrarprodukten, „vor allem Gerste, Mehl und Kohlköpfe“, eingesetzt. Die Eignerfamilie lebte auf dem Schiff, es wurde auch getreidelt entlang der Kanäle, Mutter und Kinder zogen an den Uferpartien das Schiff, der Vater steuerte. Die Aussparung im Heck, „Kuckuck“ genannt, war das Kinderzimmer: extrem eng mit schrägen Wänden und der Ankerkette in der Mitte. Die Eltern schliefen im Raum davor zwischen dem bis unters Dach bestückten Transportgut. Je mehr man hineinpresste, desto mehr lohnte sich die Fahrt.

1938 wurde das Schiff während einer Frachtreise im Ruhrgebiet von deutschen Behörden konfisziert. Die Nazis setzten das Schiff im Zweiten Weltkrieg ein, um Kohle aus dem Ruhrgebiet in die ausgebombte Hauptstadt zu bringen. 1952 ging es zurück nach Holland, wurde aber am Ende dieses Jahrzehnts aus der Berufsschifffahrt genommen. Die Familie des Besitzers lebte darauf, die Kinder wurden auf dem Schiff groß, und sie gab es aus Altersgründen erst ab, als Brigitte Schomann Kaufinteresse zeigte.

Nachdem die Geschichte des Schiffs belegt war, gab die Senatskanzlei die Akte an die zuständigen Behörden weiter. 2013 wurde das Schiff im historischen Hafen an der Mühlendammschleuse getauft, zur Feier kam extra der Marineattaché der Niederländischen Botschaft. Die „Luuk“ liegt nun in einer Bucht des Hohenzollernkanals, dort, wo Seestraße und der Saatwinkler Damm an der Kreuzung zusammentreffen, wo in einigem Abstand die Stadtautobahn verläuft und sich auf der anderen Straßenseite die Gedenkstätte Plötzensee befindet.

Im Kolk am Eingang des Westhafens gibt es mehrere Hausboote, Brigitte Schomann hat Kontakt zu allen Nachbarn. „Wagenburgler, die in alten ausgebauten Werkshüttenschiffen wohnen“, erklärt sie. „Neben mir leben aber auch eine Polizeibeamtin und ein Designer. Wir sind hier besondere Leute, wir mögen das Wasser.“

Wenn sie nach der Arbeit oder am Wochenende zum Schiff kommt, sonnt sich eine Schildkröte auf den Steinen vor dem Steg. Oft ist ein Reiher da, und einige Meter weiter sägt ein Biber an kleineren Bäumen herum. „Das gefällt mir“, so Schomann, „da fühle ich mich zu Hause.“ Paddler ziehen vorbei, eine Yacht schiebt sich elegant in den Kanal, die Gegend ist als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen.

Die „Luuk“-Eignerin steht in der Führerkabine ihres Schiffs, wischt Spinnennetze weg, zeigt auf Schrunden und Narben des Bootskörpers und erzählt von ihrer Odyssee. „Mein Schiff ist alt, schief und krumm. Um es zum Wohnraum zu machen, ist viel Arbeit nötig. Ich brauche alle Gewerke, Tischler, Schreiner, Klempner, Elektriker, aber es ist fast unmöglich, Handwerker zu finden.“ Neun von ihnen hat sie bestellt und wieder weggeschickt. Die Arbeit geht ihr zu langsam voran, aber sie lässt nicht locker. 2015 soll das Schiff bewohnbar sein, sie kalkuliert die Kosten auf weitere 100.000 Euro.

Luken lassen Licht hinein

Stolz ist Brigitte Schomann auf die vielen Luken an den dunkelroten, ins Braune changierenden Seiten ihres Schiffes. Selbst in das mit Dachpappe verleimte Dach sind Fenster eingelassen. „Deshalb habe ich das Schiff genommen, es nimmt das Licht auf, und unten ist es hell.“ Dort steht sie neben den Ballen von Dämmmaterial, breitet die Arme aus und verkündet: „Das wird mein Living Room!“

Zur Zeit geht es um die Dämmung, eine Dampfsperre soll dafür sorgen, dass der kalte Außenrumpf nicht auf den warmen Innenbereich stößt. Die Toilette mit Bullauge ist fertig, für ihre Hunde hat die Besitzerin eine Spezialtreppe eingebaut, damit sie unter Deck kommen, ihre Katzen bekommen eine spezielle Schwimmweste. Zwischen beiden langen Räumen entsteht ein Kamin, ein Wärmetauscher speist die Fußbodenheizung. Im Heck wird der Schlafbereich sein, bestückt in der Mitte mit einer alten Badewanne auf Löwentatzen, die sie als Auktionatorin erwarb, und einem freistehenden Waschbecken. Der Living Room erhält Bücherregale und Polsterlandschaft, Esstisch, Stühle und eine offene Küche. „Auf Fliesen verzichte ich“, sagt Brigitte Schomann, „der alte Bootscharakter soll erhalten bleiben.“ Die Strom- und Wasserzufuhr ist in Berlin durch landseitige Versorgung gewährleistet. Doch die Kapitänin hat noch Größeres vor.

Brigitte Schomann, deren altehrwürdiges Schiff mit dicken Leinen vertäut ist, will mit ihm auf Reisen gehen. Über den Westen Deutschlands soll es nach Paris gehen. Dort will sie da anlanden, wo Anais Nin und Henry Miller einst auf ihrem Boot lebten. Weiter soll es in den Süden gehen, über den Canal du Midi, der Toulouse mit dem Mittelmeer verbindet. „Ein Schiff, das heißt Freiheit“, jubiliert sie. „Die lass ich mir nicht nehmen.“

Sie weiß aber auch, dass sie ein so großes und tonnenschweres Gefährt nicht allein steuern kann, allein zum Anlanden braucht sie zwei, drei Mitreisende. „Die werden sich finden“, meint Brigitte Schomann. Die Frau hat wirklich Mut.