Interview

„Weniger Zement spart auch Energie ein“

Der nachhaltige Infraleichtbeton, an der TU Berlin entwickelt, zeigte sich bereits als praxistauglich

Mit Mike Schlaich, Bauingenieur und Professor an der Technischen Universität Berlin, sprach Autor Oliver Klempert über den Baustoff Infraleichtbeton

Berliner Morgenpost:

Welche Eigenschaften sprechen für die Wahl von Sichtbeton bei Gebäuden?

Mike Schlaich:

Sichtbeton hat nicht nur hohen architektonischen Wert. Monolithische Tragwerke aus Beton sind auch besonders dauerhaft, und der Wegfall von Putz- und Verkleidungsarbeiten führt neben Kosteneinsparungen wegen der damit leichteren Wiederverwertbarkeit zu nachhaltigen Bauten.

Gibt es eventuell auch Nachteile bei der Verwendung von Sichtbeton?

Ja. Die Wärmeleitfähigkeit von Normalbeton ist so groß, dass in Deutschland spätestens seit der Ölkrise in den 1970er-Jahren reine Sichtbetonbauten praktisch verschwunden sind. Denn wer mit Sichtbeton bauen will, muss die Außenwände aufwendig zweischalig ausbilden und in Kauf nehmen, dass die nötige Innendämmung praktisch nicht zu inspizieren ist. Ansonsten muss man sich mit Sichtbeton an nur einer Seite der Wand begnügen und auf der anderen Wärmedämmung anbringen.

Was kann man sich unter Infraleichtbeton vorstellen?

Seit Langem wird daran geforscht, Betone herzustellen, deren Wärmeleitfähigkeit so gering ist, dass wieder reine Sichtbetonbauten möglich sind. An der Technischen Universität Berlin haben wir einen solchen entwickelt – den Infraleichtbeton. Er ist ein Beton aus Wasser, Zement und Blähton, dessen spezifisches Gewicht unterhalb der Werte für gefügedichten Leichtbeton liegt. Aufgrund seines geringen Gewichtes besitzt Infraleichtbeton gute Wärmedämmeigenschaften, die es möglich machen, monolithische Sichtbetonbauten ohne zusätzliche Wärmedämmung zu errichten – das ist energiesparend und nachhaltig.

Was ist das Besondere an Infraleichtbeton?

Entscheidend ist eine leichte Gesteinskörnung, etwa Blähton oder Blähglas, die einen hohen Luftporenanteil, aber auch vergleichsweise geringe Festigkeit haben. Zudem benötigt man viel Luftporenbildner, dessen Maximum erreicht ist, wenn die Betonoberfläche zu porig ist. Drittens: Ein hoher Wasseranteil, der nicht vollständig gebunden wird, im Laufe der Zeit verdunstet und so die Trockenrohdichte und die Porigkeit der Oberfläche reduziert. Und schließlich ein geringer Zementgehalt, was sich positiv auf die Temperaturentwicklung während des Abbindens auswirkt. Auch bedeutet wenig Zement Einsparung von Primärenergie.

Wie bewährt sich das Material in der Praxis?

Anhand unseres Einfamilienhauses haben wir gezeigt, dass sich der Werkstoff behaupten kann. Interessant war vor allem, die konstruktiven und bauphysikalischen Details den Eigenschaften des Baustoffes anzupassen und teilweise anders als im Stahlbetonbau üblich auszuführen. Zur Reduzierung unvermeidbarer Schwindrisse wurde Bewehrung aus Glasfaserstäben verwendet, die das Korrosionsproblem löst und Wärmebrücken vermeidet.

Könnten Bauten komplett aus Infraleichtbeton errichtet werden?

Infraleichtbeton hat nicht die Festigkeit, um für Massivdecken eingesetzt zu werden. Ein Aufbau könnte daher so aussehen: Infraleichtbeton für die Außenwände, gut wärmedämmende Leichtbetone für die Dachdecke und höherfeste Betone für Innendecken und -wände als Tragwerk.