Architektur

Große Freiheit in der Baulücke

Amanda Schlaich entwarf ganz nach eigenen Wünschen einen Quader aus Leichtbeton und viel Glas – eher untypisch in Prenzlauer Berg

Die Treppe führt nur bis in den zweiten Stock, obwohl sie geradewegs bis in den Himmel führen könnte. Zumindest sieht es so aus, wenn man unten im Flur steht und den Treppenaufgang hinaufblickt: Sie mündet in einem Fenster, hinter dem am Himmel Wolken vorüberziehen. Amanda Schlaich steht im Erdgeschoss und sieht hinauf. „Zu einer bestimmten Uhrzeit fällt von oben ein Sonnenstrahl herab, der dann bis ganz nach hier unten leuchtet“, sagt sie. Die Treppe ist etwas ganz Besonderes in dem ungewöhnlichen Einfamilienhaus an der Grenze zwischen Prenzlauer Berg und Pankow.

Innen und außen kein Putz

In dem alten Botschaftsviertel, in dem noch heute unter anderem die Botschaften aus Ghana und Kapverden liegen, unweit der Bornholmer Brücke und nur rund eine Viertelstunde vom Alexanderplatz entfernt, wohnt Amanda Schlaich mit ihren beiden Söhnen Karl und Frank auf 190 Quadratmetern Wohnfläche in einem besonderen Wohnhaus.

Es ist komplett aus Sichtbeton errichtet – innen wie außen blickt man auf unverputzte Wände. Doch Amanda Schlaich, die das Haus als Architektin gemeinsam mit ihrem Kollegen Professor Clemens Bonnen entworfen hat und die Bauleitung übernahm, sagt: „Dieses Haus hatte ich schon lange im Kopf. Genau so, wie es heute ist, sollte es werden. Meine Wunschvorstellung von einem Eigenheim nach meinen persönlichen Vorstellungen ist wahr geworden.“ Früher war an dieser Stelle eine Baulücke, sodass die Bewohnerin entsprechend des Bebauungsplanes bauen konnte, was ihr vorschwebte.

Die Treppe, die schnurgerade in den zweiten Stock führt, ist das zentrale Element des Hauses. Sie ordnet das Haus sowohl horizontal wie vertikal. Amanda Schlaich erklärt, dass die Treppe das Haus logisch untergliedert und aufteilt.

Beim Rundgang führt die Architektin zunächst vom Eingangsbereich hin zu einem angrenzenden Gästezimmer, das in das Wohnzimmer übergeht. Hier gibt es einen lang gezogenen Gästetisch – Weitläufigkeit und Kommunikation werden in dem Haus großgeschrieben. Überall dominiert der Sichtbeton. Dazu gibt es große Fenster, die einen unverstellten Blick auf den Garten erlauben. Falls doch einmal Privatsphäre gewünscht ist, können große Lamellen heruntergelassen werden.

Fast sechs Meter hoch ist im Wohnzimmer eine graue Sichtbetonwand. Ein orangefarbener Teppich erzeugt einen bewusst gesetzten, lebendigen Kontrast. Überhaupt gibt es im Haus immer wieder Farbtupfer – eine rote Wand hier oder einen gelben Schrank dort.

Elf Monate hat der Bau des Hauses gedauert, das aus sogenanntem Infra-Leichtbeton errichtet wurde. 2007 war Amanda Schlaich mit ihren Kindern und ihrem Mann Mike Schlaich, einem Bauingenieur und Professor an der Berliner Technischen Universität, in das Haus eingezogen. Mike Schlaich ist Inhaber eines Lehrstuhls für Entwerfen und Konstruieren.

„Unser Infra-Leichtbetonhaus ist das Einzige in der gesamten Gegend und sowieso ungewöhnlich für Prenzlauer Berg, in dem als Altbaubezirk vor allem Mehrfamilienhäuser mit fünf Etagen dominieren“, sagt die Bewohnerin.

Neben großen weiten Flächen besitzt das Haus vor allem aber viele Kleinigkeiten, die man nach und nach entdecken kann. So verfügt es etwa über einen Wäscheschacht, in dem man die Wäsche aus allen Stockwerken bis in den Keller werfen kann – das erspart viele Wege. Zudem gibt es einen Schacht, in den eines Tages ein Fahrstuhl eingebaut werden kann, der alle Etagen erreicht. „Das Haus ist bereits während seines Baus in die Zukunft geplant worden“, sagt Schlaich. Außergewöhnlich auch: Die Tür, die zum Keller hinabführt, in dem sich überdies ein Spielzimmer für die jugendlichen Bewohner des Hauses mit Kicker und Playstation befindet, liegt mitten im Wohnzimmer. Die Tür selbst wiederum hat ein kleines, unscheinbares Loch, hinter dem ein Projektor untergebracht ist. Dieser wirft auf die gegenüberliegende große Sichtbetonwand ein großes Fernsehbild: „Die Weltmeisterschaft konnten wir hier auf einem drei mal fünf Meter großen Bild in Lebensgröße verfolgen“, sagt Schlaich.

An das Wohnzimmer schließt sich eine große Küche an, in der ebenfalls alles funktional wirkt. Auch dort setzt sich der Sichtbeton fort. „Andere hätten die Sichtbetonwände sicher schon gestrichen, und ich wurde oft gefragt, wie ich so wohnen kann“, ergänzt sie. Doch für Amanda Schlaich wirkt der Sichtbeton ästhetisch und ansprechend.

Symmetrie spielt eine Rolle

Vielleicht liegt das aber auch daran, dass die gebürtige Argentinierin, die seit 20 Jahren in Deutschland lebt, bis 2005 in Stuttgart wohnte. Dort lebte sie in einem Haus auf einem Hügel. „Dieses hatte Holzfenster, die der Witterung ständig ausgesetzt waren, sodass sie jedes Jahr gestrichen werden mussten. Also wollte ich etwas bauen, um das man sich nicht ständig kümmern muss“, sagt die Architektin.

Doch nicht nur Komfortmerkmale weist das Haus auf, sondern auch viele technische Finessen. Eine Fußbodenheizung gibt es zum Beispiel durchgängig im ganzen Gebäude sowie ein Belüftungssystem, das die Raumluft umwälzt, sodass man das Gefühl hat, ständig frisch gelüftete Zimmer zu betreten. Dafür lassen sich die bodentiefen Fenster mit Dreifachverglasung in den meisten Räumen nicht öffnen.

„Aber durch das Raumluftsystem und diese hohen Fenster können wir auf Brüstungen oder Ähnliches verzichten und haben das Gefühl eines fließenden Übergangs nach draußen“, erklärt Schlaich. Es ist kein Wunder, dass sie diesen Effekt ganz besonders mag – schließlich blickt sie an der rückwärtsgewandten Seite des Hauses direkt in den Garten des 1500 Quadratmeter großen Grundstücks mit altem Baumbestand, der so wirkt, als würde sich das Haus nicht mitten in der Innenstadt, sondern auf dem Land befinden.

An einen alten Park erinnert im Garten eine Sitzbank, die in einer Gartenecke steht. Diese stammt trotz ihres Aussehens nicht aus dem vorigen Jahrhundert, sondern aus Versuchen, für das Einfamilienhaus den richtigen Beton anzumischen.

Eine zusätzliche Dämmung besitzt das Haus nicht, da die 50 Zentimeter dicken Wände sehr gut dämmen. Freiraum hat sich Amanda Schlaich aber gegönnt, als es um die Gestaltung der Böden ging. So gibt es Gussasphalt mit Terrazzo-Optik einerseits, andererseits auch Parkett.

Der Rundgang führt schließlich in das erste Stockwerk, wo links und rechts die beiden Jugendzimmer der Söhne Karl und Frank liegen. An der Stirnseite des Hauses befindet sich ein Badezimmer, das sich die beiden teilen und das über zwei Türen zugänglich ist. Gleichzeitig bleiben beide Jugendzimmer jedoch voneinander getrennt. Auch hier zeigt sich: Symmetrie spielt in dem Haus eine große Rolle.

Ein wenig schwindelfrei muss man allerdings sein, will man in den zweiten Stock des Hauses, da die Treppe ein Stück frei durch das Wohnzimmer zu schweben scheint – durch ein engmaschiges Gitter zu beiden Seiten gesichert, sodass man nicht hinunterstürzen kann.

Auch im zweiten Stock wiederholt sich die Symmetrie des Hauses. Diesmal mit dem Schlafzimmer von Amanda Schlaich auf der einen Seite und einem langgestreckten Arbeitszimmer auf der anderen Seite. „Jeder von uns hat somit seinen ganz eigenen Rückzugsraum“, sagt Schlaich.

Und so gibt es trotz des verbindenden Elements der großen Treppe viele stille Ecken, und es wirkt trotz der hohen Räume sehr ruhig und beruhigend. Nur ab und zu hört man draußen Flugzeuge, die den Flughafen Tegel ansteuern. Aber das soll ja irgendwann vorbei sein.