Interview

„Wie aus der Feder von Jules Verne“

Die Vorteile der ganz besonderen Location wiegen die Nachteile wie hohe Heizkosten auf

Christoph Tophinke bat einen seiner besten Freunde, Jens Hilgenstock, um Beratung, bevor er die Räume mietete. Autor Roland Mischke sprach mit dem in Madrid lebenden Marken- und Produktentwickler.

Berliner Morgenpost:

Hat Ihr Freund einen Hang nach oben?

Jens Hilgenstock:

Im Gegenteil. Er hat vor langer Zeit den Pakt mit sich geschlossen, niemals gelangweilt oder langweilig zu sein.

In solcher Höhe und so relativ ungeschützt zu leben – ist das der Kick?

Es ist die Beiläufigkeit einer Fülle von Sensationen. Man wacht morgens auf, macht Kaffee, geht ins Bad. Da ist man bereits mehrfach ganz an der Innenseite des Glaszylinders die weitzirkelnde Treppe hinauf- und hinabgestiegen. Im Augenwinkel bietet sich aus respektvoller Distanz der Puls einer erwachenden Stadt. Ampelkreuzung, Straßenbahnen, Menschen schieben, verweilen, rennen, küssen. Vielleicht nehmen Sie nichts davon bewusst wahr. Aber Sie sehen doch, wie sich der Herzschlag der modernen Stadt inszeniert.

Es handelt sich um Räume, die ringsum verglast sind, irgendwo sickert immer Licht ein. Der Mensch braucht aber auch völlige Dunkelheit, um regenerieren zu können. Ist das in diesen Räumen möglich?

Die Nächte sind nicht taghell. Auch schiebt sich keine Leuchtreklame und kein flimmernder Wohnblock zwischen Sie und den mächtigen Himmel. Wer es richtig kuschelig mag, für den gibt es „unter Deck“ einen Gästebereich mit winzigen Bullaugenfenstern.

Was sind die Vorzüge dieser Räume?

Ein Turm ist keine Hütte und keine Höhle, er steht aufrecht wie der Mensch, ist quasi eine Erweiterung von uns und beglückt uns mit dem Rundumblick. Unwillkürlich wird man eins mit dem Bauwerk. Man misst die Weite des Horizonts und findet nichts auf Augenhöhe bis auf den identischen Zwillingsturm in greifbarer Nähe.

Und was sind die Nachteile hier?

Die Heizkosten sind nicht zu den Vorteilen zu rechnen. Die vielen Treppen ersparen allerdings die Muckibude.

Wie verhält es sich mit der Akustik?

Konzertakustik ist etwas anderes. Hier wird man visuell entschädigt.

Wie möbliert man runde Räume? Was gab es für Schwierigkeiten?

Das ist eine Übung in extremer Konzentration. Ohne Ecken steht alles im Zentrum. Bücherregale, Schränke und Kunst an Wänden funktionieren nur sehr begrenzt. Vollkommen unbespielt ist gegenwärtig noch die Innenseite der Dachkuppel. Eine Lichtinstallation à la James Turrell wäre schön.

Die Gebäude von Hermann Henselmann gehören zu den besten Bauten, die die DDR hinterließ. Spielte das bei der Wahl für Räume und Ausstattung eine Rolle?

Nein, hat es nicht. Einen Ort, der unvergleichbar ist, kann man nicht wählen. Man kann ihn nur annehmen.

Was ist reizvoll an diesem Ambiente der 1950er-Jahre?

Man lebt mitten in Geschichte und einer utopischen Erzählung, die direkt aus der Feder von Jules Verne stammen könnte. Über allem ruht, wie zwei Leuchttürme aus griechischer Antike, das Frankfurter Tor. Hinzu kommt die erstklassige Bauqualität.

Wie gefallen Ihnen die Sammlungen von Christoph Tophinke, vor allem die dominierenden toten Tiere?

Man munkelt, es zöge bald auch ein lebendes Tier ein.