Architektur

Der Landlord im Elfenbeinturm

Ein Kuppelbau in Friedrichshain bietet Christoph Tophinke ausgefallene Wohnräume

Aus Hamburg musste er weg, das wurde ihm Ende der 1990er-Jahre klar. „Dort ist es schön, aber es bewegt sich zu wenig“, sagt Christoph Tophinke, 46. Dabei hatte er als Produzent und Entwickler von Fernsehformaten genug zu tun. „Ich habe bei Premiere als Regieassistent angefangen, war dann Redakteur und Redaktionsleiter. Aber irgendwann war die Luft raus. Ich liebe das Fernsehen immer noch, doch damals brauchte ich es nicht mehr. Es musste etwas Neues kommen. Und das war im Jahr 2000 Berlin“, sagt der Zugewanderte mit der Häkelblume am Revers, seinem Markenzeichen.

Christoph Tophinke machte in der Hauptstadt zuerst Werbung für einen Autokonzern, er probierte mehrere Wohnungen aus. 2005 eröffnete der gelernte Herrenschneider seinen ersten Laden an der Veteranenstraße in Prenzlauer Berg. Er behauptet, keine Ahnung von Mode zu haben, aber er habe an der totalen Unterversorgung in Berlin gelitten. „Nirgendwo konnte man einen Smoking kaufen, sich nirgendwo Schuhe machen lassen. Das war krass!“ Also verkaufte er Tweedanzüge, Sakkos, Moleskinhosen, bunte Socken, Krawatten und Schals; das, was als englische Gesellschaftskleidung angesehen wird. Er selbst betrachtet es als Outfit, das auch einem Farmer gut stünde. Bald darauf zog er mit seinem Laden um in den Berliner Westen, nach Charlottenburg, wo er an der Schlüterstraße 50 residiert. Sein Geschäft trägt wie sein Konzept den Namen „Chelsea Farmers Club“ und läuft gut. „Die Kaufkraft in Berlin ist riesig“, sagt er.

Als der umtriebige Unternehmer in einer Bar an der Fasanenstraße von den zwei Torhäusern an der Karl-Marx-Allee/Ecke Warschauer Straße hörte, machte ihn das neugierig. In dem vom Alexanderplatz aus gesehen linken Turmbau könne man oben wohnen, hieß es. Tophinke ließ sich beim Eigentümer einen Termin geben, eigentlich wollte er nur mal sehen, wie es aussieht, 30Meter über einer der meistbefahrenen Berliner Kreuzungen. Er rumpelte mit dem Fahrstuhl ins zehnte Stockwerk, wurde empfangen an einer Blechtür und stieg noch einmal 100 Stufen empor. Dann stand er in dem spektakulären Kuppelsaal mit zwölf Meter Deckenhöhe. Ringsum ebenso hohe Fenster, ein 360-Grad-Panorama. Den 40 Quadratmeter großen Raum umläuft außen eine Terrasse, auf die man durch eine Flügeltür gelangt und auf der schon mal ein Turmfalke Hof hält. „Die Stadt lag unter mir wie die Landschaft einer Modelleisenbahn“, erinnert er sich. „Ich sah das ganze Berlin, den Funkturm im Westen, Flugzeuge, die von Schönefeld und Wasserflugzeuge, die aus der Rummelsburger Bucht aufstiegen. Der Lärm von der breiten Allee verebbt in dieser Höhe, und ich hatte ein gutes Gefühl.“ Christoph Tophinke mietete sofort, insgesamt rund 120 Quadratmeter, mit eigenem Fahrstuhl bis in die Küche.

Eigentlich hat er ein Haus an der östlichen Pheripherie Berlins. Doch Tophinke wollte auch in Berlin eine Bleibe haben, und die ist ziemlich feudal. Die einstige Stalinallee, die nach der Entzauberung des Sowjet-Diktators nach dem deutschen Philosophen Karl Marx umbenannt wurde, ist die anspruchsvollste DDR-Architektur, zu der es der Arbeiter-und-Bauern-Staat je schaffte. Sie war als Aufmarschstraße geplant und führt bis an den zentralen Alexanderplatz, aber sie geriet in die Entwurfshoheit eines Architekten, der sich als Vertreter einer konsequenten Moderne verstand.

Haus vom Stararchitekten

Hermann Henselmann (1905– 1995) hatte in Berlin studiert, gründete danach sein eigenes Architekturbüro, musste es aber wieder aufgeben. Er war unter Druck geraten, weil er jüdische Vorfahren hatte und bei den Nazis nicht wohlgelitten war. Nach dem Krieg legte er eine atemraubende Karriere hin. Henselmann stammt aus der Generation eines Albert Speer oder Egon Eiermann, er dachte stadtplanerisch und in großen Zügen. 1949 berief ihn die Deutsche Akademie der Wissenschaften, hier entwickelte er seine Architekturvorstellung vom Sozialistischen Realismus, die Künstler Erich Weinert und Bertolt Brecht brachten ihn auf Parteilinie. Er entwarf das Hochhaus an der Weberwiese im klassizistischen Stil, die gesamte Stalinallee sollte so bebaut werden.

Zwar musste er auf Anweisung aus Moskau den sowjetischen „Zuckerbäckerstil“ übernehmen, konnte ihn aber etwas abwandeln. Als Chefarchitekt des Instituts für Sonderbauten der Bauakademie hatte er eine baukünstlerische Freiheit, die es in Ost-Berlin nur zwischen 1952 und 1959 gab. Neben den Prachtbauten entlang der jetzigen Karl-Marx-Allee schuf Henselmann das Haus des Lehrers am Alexanderplatz und die Kongresshalle, der Berliner Fernsehturm geht auf seine Entwürfe zurück und das Hochhaus der Leipziger Universität. Henselmann war der Stararchitekt der DDR, die Schriftstellerin Brigitte Reimann schrieb über ihn in ihrem Roman „Franziska Linkerhand“, und die Kollegen beneideten ihn.

Christoph Tophinke wohnt in einem der Zwillingstürme. Die Wohnungen sind überaus begehrt, noch heute leben dort betagte Mieter, die als Erste hier eingezogen waren. „Vom Hausmeister habe ich erfahren, dass hier oben nie jemand gewohnt hat“, erzählt Tophinke. „Es gab keine Heizung, im Winter war es zu kalt, im Sommer heizten sich die Räume auf. Die Treppen mit ihren genau 100 Stufen waren zerdeppert, durch die Fenster zog es, an den Wänden wucherte Moos, vor den Fenstern kleine Bäume.“ Der Eigentümer hatte nach dem Mauerfall eine Klimaanlage einbauen lassen, in den Säulen und den Intarsien der Fensterverschalung arbeitet ein Gebläse, das aus versteckten Öffnungen die Räume bedient. Das Wohnzimmer aber, der Kuppelsaal, ist den Elementen ausgeliefert. „Im Osten ist es meist windstill, aber bei Gewittern wird es grenzwertig, da knallt es gegen die Fenster“, so der Mieter. Dann greift er schon mal zu den Stöcken seines Schlagzeugs, ein zweites wird manchmal von einem Freund benutzt, der als Drummer Profi ist. Als private Club-Location hatte er die Räume von Anfang an gesehen, hier schmeckt der Gin, den es auch als Getränk in den Verkaufsräumen des Farmers Chelsea Clubs gibt, noch besser, wenn sich nachts die Stadt leuchtend vor den Fenstern ausbreitet. Gelegentlich tritt Freddy Fischer mit seiner Comic Rocktime Band auf, deutschsprachiger Disco-Beat, „so lässig, wie ihn einst Manfred Krug darbot“, sagt Tophinke.

Jede Menge Retro-Möbel

Die drei Stockwerke sind von Säulen flankiert, die an die des griechischen Parthenon erinnern; ein solch aufwendiges Bauen kann sich heute niemand mehr leisten. Die Rotunde ist aus dezent gelbem Stein errichtet, zwischen den metallenen Fensterbändern hängen klassische Wandlampen. Das schwarze Linoleum ist allen Böden aufgeklebt, „naturbelassen und sehr elastisch“, sagt der Hausherr. Die meisten seiner Möbel konnte er nicht mitbringen in die runden Räume, Platz gibt es für zwei Chesterfield-Sofas, das geräumige Bett im Schlafzimmer und jede Menge Retro-Möbel, bunte Samtkissen in den Alkoven und ausgestopfte Tiere wie den Braunbären, den Schwan oder „eine Art Fischreiher“. Tophinke lässt sich gern über Flohmärkte treiben, „ich bin Sammler“, sagt er. Neben seinen biologischen Modellen, zu denen ein getrockneter Tintenfisch, eine Fasanenfeder und Holzschädlinge in gerahmt-verglasten Gehäusen gehören, hat er auch 5000 Platten im Turmhaus deponiert. „Nur mit Bildern ist es schwer, ich darf keine Dübel in die Wände bringen, der Denkmalschutz lässt das nicht zu“, sagt er. Allein dass er eine Einbauküche montieren durfte, war ein Kraftakt.

Das alles wird entschädigt von dem Ausblick, der in den Jahreszeiten wechselt. Im Winter sind die Dächer schneegepudert, in anderen Jahreszeiten gibt es Regenfronten, die sich wie Mäntel auf die Stadt legen, aus denen Blitze schießen. Dann macht es sich Christoph Tophinke gemütlich und denkt über neue Aktivitäten nach. Er war Gastronom, entwirft Klamotten, machte 2013 eine Zeitung, die gleich mit einem Design Award ausgezeichnet wurde, und für den Schweizer Verlag Kein und Aber entwirft er den Stand für die Buchmesse wie ein Wohnzimmer. Bei so viel Draufblick bekommt man Ideen.