Architektur

Wohnabenteuer in luftiger Höhe

Die Brüder Kolja und Simon Stegemann errichteten in Zehlendorf zwei Baumhäuser. Eines für die Familie – und eines für Gäste

Immer wieder gehen Fahrradfahrer in den Rücktritt und Autofahrer auf die Bremse. Auf dem Grundstück am Quermatenweg in Zehlendorf, ganz nahe der Krummen Lanke und des Schlachtensees, stehen seit Ende Mai zwei Baumhäuser, die als Attraktion gelten. „Das ist wie ein Kinoeffekt“, sagt Kolja Stegemann, 38. Sie sind der Erde entrückt, in etwas über vier Metern Höhe befindet sich der Eingangsbereich, sind aber der Natur ganz nahe. Sie haben etwas von einem Spielzeughaus, sind jedoch massiv gegründet und bieten 25 Quadratmeter Wohnfläche – Staunfläche, denn wer hier oben Zeit verbringt, entwickelt ein anderes Naturgefühl.

Die Baumhäuser sind aber nicht in den altehrwürdigen Eichen und Buchen auf dem 650 Quadratmeter großen Gartengrundstück verankert, sie stehen auf je einem starken Stahlträger-Unterbau zwischen den Bäumen, die ihre Äste um sie schlingen. Nach Untersuchungen eines Baumgutachters sind einige um die 100 Jahre alt. Allein der Kontakt mit ihnen in dieser Höhe ist ein Erlebnis. Wie sie sich bewegen, wie ihr Laub raschelt, wie sie ihre Äste reiben und wie sie von Stürmen gepeitscht werden, kämpfen, widerstehen, um nach Wind und Hagel wieder zu glänzen. „Man bekommt aus nächster Nähe den Wechsel der Jahreszeiten mit“, sagt Simon Stegemann, 32, der in einer Social Media-Agentur in Wiesbaden arbeitet, aber häufig nach Berlin kommt, um in einem der himmelsnahen Häuser ein paar Tage zu verbringen. Eines der Häuser ist familiärer Nutzung vorbehalten.

„In den 50 Jahren, die die Familie das Grundstück besitzt, ist es ganz unterschiedlich bespielt worden“, sagt Kolja Stegemann. Simon erinnert sich noch genau daran, dass hier Familienfeste gefeiert wurden. Es gab eine kleine Hütte, die Kinder konnten herumtoben, und als Jugendliche haben die Brüder auf dem Gelände gezeltet. „Unser Großvater wollte hier ein Zentrum für organisches Bauen einrichten“, sagt er. „Das konnte dann doch nicht umgesetzt werden.“ Der Großvater hat aber seine Enkel noch zu dem Projekt inspiriert, bevor er im vergangenen Jahr starb. Die Brüder haben die Stegemann GmbH gegründet, die Einnahmen werden unter allen Familienmitgliedern aufgeteilt. Allerdings müssen diese erst mal im Laufe der Jahre kommen, zuletzt hatte es die Familie mit Ausgaben zu tun. Pro Baumhaus waren 115.000 Euro fällig. Beauftragt wurde der Bremer Baumhaus-Experte Andreas Wenning, der als Architekt weltweit mit seinen ausgefallenen Kreationen in und an Bäumen unterwegs ist.

Mit Baumhäusern, wie Kinder sie mit ihren Vätern rustikal in die Bäume bauen, haben diese Urban Treehouses nichts zu tun. Beide Häuser sind komplett durchgeplant, das Design ist nobel. Gebaut wurden sie aus Vollholz, außen wetterabweisende Lärche, innen wärmehaltende Fichte. Die Materialien wurden aus Österreich gebracht, sie haben sich dort in der Alpenarchitektur bewährt. Edelstahlschrauben wie V2A und V4A sind Verbindungselemente zwischen den Hölzern, sie rosten nicht. Für die Treppen und Geländer wurden Lastenseile und -gurte benutzt.

Pflanzen geben Sichtschutz

Die Baugenehmigung, die erst nach einem Jahr erteilt wurde, weil das Projekt nicht den Normen entsprach, verlangt statische Sicherheit. Deshalb schied das direkte Einbeziehen von Bäumen aus. Denn Bäume sind lebende Organismen, sie wachsen und bewegen sich, ihre Äste müssen einige Male im Jahr ausgedünnt werden. Einige Nachbarn übrigens fanden die Baumhäuser so interessant, dass sie schon Gäste dort untergebracht oder selbst einmal dort übernachtet haben.

In Betonplatten im sandigen Boden wurden Stahlträgersockel verankert, eine Art Fundament für die Baumhäuser. Das Lärchenholz, das die Sockel ummantelt, hat man hier unverarbeitet gelassen. Es besitzt Öle und Harze, die im Holz aktiv sind. Es wird allmählich grau, verwittert aber nicht. Den Unterböden der Baumhäuser wurde die doppelte Stärke eingesetzt, um einen besseren Dämmschutz zu gewinnen. So bleiben sie im Sommer kühl und halten im Winter die Wärme. Geheizt wird mit Gas, die Leitung ist komplett durch die Gesamtanlage gelegt worden. Treppen und Geländer bestehen aus verzinktem Stahl, die Flachdächer sind mit Dachpappe bezogen. An den Seiten sind die Baumhäuser mit metallisch glänzenden Aluminiumplatten verkleidet, die gebürstet sind und Muster tragen. „Weil sie unterschiedlich angebracht sind, hat das einen Patchwork-Effekt“, erklärt Kolja Stegemann. „Das hat einen ganz eigenen Reiz.“

Die überdachten Balkone sind mit Schlingpflanzen garniert, um mehr Sichtschutz zu haben. Schließlich hat schon ein Hochzeitspaar eines der Baumhäuser als Honeymoon-Suite genutzt. Aber auch andere Paare und Einzelpersonen schätzen die private Atmosphäre in den Wipfeln. Die Küche ist voll ausgestattet, der moderne Sanitärbereich besitzt ein Duschbad. Im Wohn-/Schlafzimmer steht ein Doppelbett, das tagsüber zur Sitzcouch umgebaut werden kann, ein Tisch mit drei Stühlen, ein sehr schräges Nachttischlein mit sich aus der Tischplatte herauswindender Lampe und ein Fernseher in der Ecke. Auf dem gemütlichen Teppich war auch noch Platz für den großen Bobtail Fuzzel, der mit seinem Besitzerpaar hier übernachtete. Für die Einrichtung in Küche und Bad wurden moderne Ausstatter wie Urbanara aus dem Bikini-Haus und Minimum-Wohnen engagiert.

Kolja Stegemann verweist darauf, dass die Baumhäuser nicht wirklich kindersicher seien. „Kinder schätzen die Gefahren in dieser Höhe nicht richtig ein“, sagt er. Lieber sieht er die Herbergen zwischen dem Grün der Bäume als eine Offerte an Naturliebhaber, die von hier aus auf dem Waldweg in drei Gehminuten zum Spazieren, Joggen oder Baden an der Krummen Lanke sein können. Nur wenig weiter liegt der Schlachtensee mit der beliebten Fischerhütte in gehobener Restauration von Lutter & Wegner und dem dazugehörigen Biergarten. Auf Wandertour oder mit dem Fahrrad erreicht man umliegende größere Gewässer wie den Wannsee oder die Havel und Potsdam. Die City West mit dem Kurfürstendamm ist in 20 Autominuten oder vom Bahnhof Krumme Lanke zu erreichen.

Refugium für Erwachsene

Um das Vermietungsgeschäft in Schwung zu bringen, hat Kolja Stegemann die Geschäftsführung der Stegemann GmbH übernommen. Der Marketing- und Strategieberater, der mit Werbung für Spirituosen, Mode und anderes sein Unternehmen „Suite 030“ im Prenzlauer Berg führt, schätzt den abgehobenen Rückzugsort zwischen den Bäumen. „Ich habe hier Nächte verbracht, in denen Regen herunterprasselte und der Wind pfiff. Das war wie im Kino, da bot sich mir ein großes Schauspiel“, sagt er. Allein der Gedanke an ein Wochenende im Baumhaus wecke sofort ein Gefühl der Geborgenheit. Besonders in einem Ballungsgebiet wie Berlin sei es immer dringlicher, einen Rückzugsort für Erwachsene zu haben.

Da hilft auch das Energiezentrum zwischen den Baumhäusern, markiert durch eine Holzbrücke. Dort wird über der Feuerstelle gegrillt, sitzt man auf der Brücke und trinkt Bier und denkt an den Großvater. Kolja Stegemann meint, den berühmten Architekten hätte es gefreut, dass sein Nachfahre hier „eine neue Marke positionieren“ will.