Architektur

Gesunde Berliner Mischung

In Karlshorst entstehen die Treskow-Höfe mit 400 Mietwohnungen für Familien und Singles zu vernünftigen Preisen

Die Treskowallee gehört zu den Berliner Straßen, die zur Grünung von Stadtbezirken maßgeblich beitrugen. Carl von Treskow, dem das Rittergut Friedrichsfelde gehörte, ließ 1825 ein Vorwerk anlegen, es erhielt den Namen Carlshorst. Carl nach dem Gründer, Horst als symbolischen Flurnamen. Die Straße, die nach Köpenick führte, wurde nur allmählich an ihren Rändern bebaut, je nach Finanzlage der Grundstückskäufer in der Kolonie. 1895 erhielt die Treskowallee ihren heutigen Namen, ein Jahr zuvor war die Trabrennbahn eröffnet worden, ein Anziehungspunkt für Freunde der Pferderennens. Der Naherholungstourismus kam auf, und die Berliner nutzten die Straße und die seit 1902 bestehende S-Bahn-Verbindung, um zügig an den Müggelsee zu gelangen. Karlshorst avancierte zum beliebtesten Vorort der Hauptstadt, zum „Dahlem des Ostens“. Seit 1920 ist es Teil des Bezirks Lichtenberg.

Rund um die Treskowallee entstanden immer mehr Villen, der Architekt Peter Behrens schuf zwischen 1919 und 1921 die Waldsiedlung mit Ein- bis Vierfamilienhäusern. Bei den wechselnden Machtverhältnissen der folgenden Jahre waren es erst die Nazis, die in Karlshorst die Wehrmachtsschule einrichteten und deren Spitzenmilitärs angemessen residieren wollten, und später die Sowjets, die als Besatzer der Ostzone ihr Hauptquartier in Karlshorst stationierten. Von 1945 bis 1962 war der nördliche Bereich sogar sowjetisches Sperrgebiet, erst danach durften ihn die Berliner wieder betreten, und die beiden Kirchen wurden an ihre Gemeinden zurückgegeben.

In der DDR-Zeit war die Treskowallee die Protokollstrecke für Staatsgäste des SED-Regimes zwischen dem Flughafen Schönefeld und der Innenstadt; die Allee hieß damals Hermann-Duncker-Straße. Nach dem Abzug der Roten Armee geriet die Treskowallee, die nach dem Mauerfall ihren Namen zurückerhalten hatte, wieder in den Fokus der Stadtplaner. Jetzt entstehen in unmittelbarer Nachbarschaft der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) auf einem Grundstück von 27.000 Quadratmetern die Treskow-Höfe der Howoge Wohnungsgesellschaft mit 441 Mietwohnungen in neun Gebäuden mit fünf bis sieben Geschossen.

Kita und Senioren-WGs

„Ein Dorf für rund 1000 Menschen“, sagt Howoge-Geschäftsführerin Stefanie Frensch. Um den Bewohnern ein gutes Umfeld zu bieten, hat sich das Unternehmen für die Berliner Mischung entschieden: „Ältere und jüngere Menschen wohnen zusammen, es gibt kleine und größere Wohnungen, Grünanlagen, eine Geschäftsstraße, eine Kita mit 90 Plätzen und zwei Senioren-WGs mit 23 Apartments. Neben Spielplätzen wird auch eine Boccia-Bahn gebaut, das Quartier bleibt autofrei, so wird es lebenswert sein und gute Nachbarschaft ermöglichen“, sagt Frensch. Ihr Maßstab: „Welterbe-Siedlungen von morgen bauen wir heute.“

Das Projekt lehnt sich an Siedlungshäuser an, die in den 20er-Jahren an der Treskowallee entstanden. Nur ein Teil von ihnen ist noch erhalten, ein anderer musste wegen Schlendrians in DDR-Zeit und langen Leerstands danach abgerissen werden. Das hat den Kiezcharakter durchkreuzt, einige Bewohner haben Karlshorst verlassen, Geschäfte und Lokale wurden geschlossen.

Einst lebten hier Studenten

Uwe Domann (53) und Mario Husten (47) können sich noch genau an die Zeit erinnern, als eines der Gebäude Studentenwohnheim war. In Ost-Berlin war die heutige Hochschule für Technik und Wirtschaft jene für Ökonomie, an der ausgewählte Kader für den Außenhandelsdienst ausgebildet wurden. „Wir studierten zusammen mit Afrikanern, Chilenen, Kubanern oder Mongolen“, erzählt Husten. „Es gab offene Diskussionen, auch kritische, diese Hochschule mit ihrem Campus war ein besonderer Ort. Wir waren in Vierbettzimmern untergebracht, jeder hatte seinen Schrank. Es gab eine Gemeinschaftsküche, in der sich alles abspielte, und Sanitärbereiche für Frauen und Männer. Und wir gründeten einen Studentenclub, in dem Partys stattfanden.“ Dort lernte der gebürtige Schweriner seine Frau kennen, mit der er nach der Heirat ein gemeinsames Zimmer bezog. Heute wohnt Mario Husten, der als Verlagsvertreter in Osteuropa tätig war und sich in Stadtentwicklungsprojekten engagiert, wieder in Karlshorst. „Auch meine Kinder wollen hier bleiben“, sagt der Anwohner.

Uwe Domann konnte noch mal das Studentenheim betreten, in dem er vier Jahre gelebt hat, und er könnte sich vorstellen, sich in den Treskow-Höfen eine Wohnung zu nehmen. Der Projektmanager aus dem Spreewald, der für Unternehmen als Berater arbeitet, ist zum eingefleischten Karlshorster geworden. Die beiden Freunde glauben an eine Wiederbelebung des Kiezes an der Treskowallee. „Mittelfristig wird hier eine Infrastruktur entstehen, die Leute anzieht“, sagt Domann voller Überzeugung. „Es wird zu einer gesunden sozialen Durchmischung kommen.“ Ob er allerdings eine Chance auf eine Wohnung hat, ist ungewiss – es gibt bereits um 1800 Bewerbungen. Die Wohnungen sollen ab Mitte 2015 bezugsfertig sein.

Zwei davon sind zu besichtigen. Die eine, im Rohbauzustand, 75 Quadratmeter, belegt, was mit einem modernen Grundriss erreicht werden kann. Tiefe Fenster, die viel Licht in die Räume lassen, ein Balkon als Außenstandort, wenige Verkehrswege, eine offene Küche, die Raumhöhe liegt mit 2,70 Metern beträchtlich über der üblichen Deckenhöhe im Neubau. Der Fußboden ist mit Eichenparkett belegt, darunter die Bodenheizung, weil das nachhaltig ist und dem Energiestandard des Effizienzhauses entspricht, und der Luftaustauscher ist zugleich lärmgedämpft, damit die laut rumpelnde Straßenbahn weniger stört. Die Miete beträgt 871 Euro warm.

Die andere Wohnung hat 50 Quadratmeter, ist möbliert, um zu zeigen, wie viel Platz besteht. Sie ist optimal für Paare jeden Alters oder für Alleinerziehende mit Kind. Der PVC-Boden wird als beste Alternative zum Laminat gepriesen, Küche und Bad sind funktional eingerichtet. Der Flur ist klein, so wird kein Platz zu verschenkt. Die Zimmer sind so angeordnet, dass sie den Bedürfnissen des jeweiligen Lebenszyklus angepasst werden können. Die Miete wird 581 Euro warm betragen.

Viele Anfragen von Singles

Es gebe einen Trend zu mehr Kleinteiligkeit, heißt es bei der Howoge. Das größte Bedarfssegment seien Zwei- und Dreizimmerwohnungen. Vor allem von Zugezogenen – 2013 bekam Berlin rund 50.000 Neubürger – und Singles gebe es entsprechende Anfragen. „Schnelles und gutes Bauen“ sei erforderlich, erklärt auch Michael Müller, Senator für Stadtentwicklung. „Die Howoge spielt dabei eine Vorreiterrolle“, lobt er. Auch in der Hauptstadt werden die Mieten stetig teurer, der Bestand im Innenstadtbereich wird immer mehr privatisiert. „Wir brauchen aber dringend bezahlbaren Wohnraum“, sagte Müller beim Richtfest der Treskow-Höfe. Die Anlage sei „ein Baustein unserer neuen Wohnungspolitik“, die der Senat kürzlich beschlossen hatte.