Garten

Einen Ehrenplatz für Onkel Charles

Die Inneneinrichter Dorothée Fouan-Huber und Gerald Huber bringen französischen Wohnstil in einen Berliner Hinterhof

Onkel Charles Pierre hat einen Ehrenplatz bekommen. Der Mann ist schließlich nicht nur irgendein Urahn, er war der Lieblingsdichter von Königin Marie Antoinette. Im Gegensatz zu ihr hat Monsieur Colardeau seinen Kopf behalten und starb 1776 – angeblich – eines natürlichen Todes. Wie auch immer, mehr als 200 Jahre später zog er um nach Berlin. Seine Büste steht heute im Bücherregal seiner Nachfahrin Dorothée Fouan-Huber. Gemeinsam mit ihrem Mann Gerald Huber sowie den zwei Katzen Tom und Tim lebt die Einrichtungsberaterin seit acht Jahren in Prenzlauer Berg in der Nähe des Wasserturms.

Die Pariserin hat noch mehr Stücke aus ihrer Heimat mitgebracht: Kommoden und Schränkchen mit edlem Holzfurnier und Marmorplatten, uralte und verschnörkelte Standuhren, eine Menge Holzstiche und alte Bilder, mehrere große Barockspiegel sowie den Esstisch und Stühle – lauter schöne Antiquitäten. „Souvenirs“, sagt Dorothée Fouan-Huber. Erinnerungen. An ihr Leben in Paris. An ihre Familie. An das Ferienhaus in der Normandie. Und vor allem an Großmutter Elisabeth, das Familienoberhaupt – eine Grande Dame, die im schicken Paris auf 400 Quadratmetern residierte, eine Klingel fürs Personal im Salon hatte und mit ihren weit über 90 Jahren Respektsperson und liebevolle Grand-Mère in einem war.

„Wenn sie zu einem Familientreffen einlud, gab es keine Aus- oder Widerrede“, erzählt Fouan-Huber. „Nach ihrem Tod haben wir festgestellt, wer und wie oft alle bei ihr Rat gesucht und gefunden haben.“ Von ihr stammen die meisten Erbstücke in der jetzigen Residenz des Ehepaars Huber.

Nun, ein Stadtpalais mit 400 Quadratmetern ist es nicht gerade. Keine Beletage und auch nicht über den Dächern von Berlin. Man sieht weder Eiffel- noch Fernsehturm, sondern eher typischen Berliner Hinterhof. Drei Zimmer kernsanierter Altbau, ein Erdgeschoss mit Mini-Garten. „Die Eigentumswohnungen weiter oben waren alle um 20 bis 30 Prozent teurer“, begründet Gerald Huber seine Kaufentscheidung im Jahre 2001. „Ein eigener Garten!“ schwärmt seine Frau. Denn die Terrasse mit etwas Rasen und Bambus drum herum war es, den Ausschlag für die Wohnung gab: „In Paris ist es fast unmöglich, etwas Grün zu finden. Die Verbindung von Garten und Großstadt finde ich hier sehr charmant“, so Fouan-Huber.

Ein Laden für Interieur

Ehemann Gerald hätte auch weiter ins Grüne ziehen können. Ursprünglich stammt er aus dem Münchner Umland, später lebte er lange in den USA und dann in Hannover. „Aber eigentlich wohnen wir hier ohnehin wie auf dem Dorf und bewegen uns nur in einem Umkreis von 100 Metern“, sagt er. Kino, Restaurants, nette Läden, Cafés, Bäckereien und jede Menge Manufakturen und Einzelhändler prägen den Kiez rund um den Kollwitzplatz.

Und Interieurgeschäfte. Gerade die Rykestraße hat sich zu einem kleinen Mekka für Design, Innenarchitektur, Lampen sowie Möbel und Retro-Interieur entwickelt.

Einer dieser Läden ist ihr eigener: das Maison DFH, ein Einrichtungshaus für Farben und Raumausstattung. Denn Dorothée Fouan-Huber ist Interieur-Beraterin. Im Grunewald gibt es noch eine Filiale. Gerald Huber führt zusätzlich den Online-Versandhandel Feine-Farben. So international wie die Eheleute sind auch die Marken, die sie vertreiben: Farben und Tapeten der englischen Farbmanufaktur Farrow & Ball, Stoffe von Dedar und Nya Nordiska, Boxspringbetten von Treca Interiors Paris oder die Sofas und Textilien von Pierre Frey.

Ihre Privatwohnung ist wie ein verlängerter Showroom ihres Ladens. Nicht nur, dass nur eine Wand die beiden Immobilienflächen voneinander trennt, natürlich haben alle diese Labels Einzug in die Privatwohnung gefunden. Weil sie schön sind. Weil sie hochwertig sind. Weil sie gut zu den edlen „Souvenirs“ mit dem Pariser Flair passen. „Man muss ja bei so vielen alten Stücken auch aufpassen, dass die ganze Wohnung nicht zu verschnörkelt und bieder wird – da ist es am besten, man mischt sie mit modernen Stücken auf“, sagt Gerald Huber.

Klare Grundrisse und Strukturen vertragen diese Üppigkeit. „Die Küche ist quadratisch, praktisch, gut“, so Huber. Es ist eine offene Küche mit frei stehendem Herdblock, um den sich immer alle versammeln. Sie ist in dezentem Grau und Aubergine gehalten, aber mit Satin-Glanz. Die Wände haben das traditionelle Matt der Farrow & Ball-Farben. Moderne trifft Tradition, wie bei den Antiquitäten. „Meine Großmutter hätte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Eine Küche war für sie eine Kammer, weit weg vom Wohnbereich, da dort das Personal arbeitete“, erzählt Fouan-Huber. „Die Zeiten haben sich geändert.“

Licht ist ein großes Thema

Jetzt kochen sie selber. Gut und gerne. Und oft für Freunde. Den Apéritif gibt es dann auf der Terrasse, das Essen bei Tisch und den Café auf dem Sofa. „In Frankreich ist das so üblich, dass die Orte bei Einladungen gewechselt werden“, sagt die Gastgeberin. So war es dem Paar auch wichtig, die Bereiche im großen Wohnzimmer zwar ineinander übergehen zu lassen, aber dennoch voneinander abzugrenzen, zum Beispiel mit Farben oder Lampen, die mit ihrem Licht räumliche Spannung schaffen.

Licht ist ein großes Thema in der Wohnung der Einrichtungsexperten. „Natürlich ist es ein Nachteil der Erdgeschoßwohnung, dass sie dunkel ist, aber mit künstlichem Licht kann man da viel ausgleichen“, sagt Huber. So gibt es überall Deckenspots, die indirektes Licht erzeugen. Die Dunstabzugshaube über dem Küchenblock ist gleichzeitig eine moderne Designerleuchte, und auf den antiken Kommoden finden sich viele Tischlampen – auch sehr moderne, wie die bekannte Hasenlampe von Moooi, ein witziger Kontrast.

Trendige Kugelleuchten hängen von der Decke – aber nicht über dem Esstisch. „Da bin ich wieder zu sehr Französin: Unsere Gäste brauchen nicht zu sehen, wie viele Pfefferkörnchen im Essen sind. Sie sollen es schmecken“, sagt Dorothée Fouan-Huber. Kerzen seien ohnehin viel, viel schöner.

Überhaupt geht es den beiden Einrichtungsberatern immer um die Atmosphäre, in der sich Bewohner und Gäste wohlfühlen sollen. In ihrer Wohnung sowie in denen ihrer Kunden. „Jeder hat seinen eigenen Geschmack. Wir helfen den Leuten immer nur, den richtigen Weg zu finden“, erzählt Fouan-Huber über ihre Arbeit.

Die eigene Wohnung ist da wie eine Spielweise, wo man sich ausprobieren kann: wie man mit einem sehr langen und dunklen Flur umgeht. Wie man die Zimmer farblich unterschiedlich akzentuiert. Wie man mit Vorhängen Sichtschutz und Wohlgefühl erzeugt. Und wie man vorhandenes Mobiliar, an dem man hängt, mit neuem verbindet. Heraus kam: Pariser Chic im Prenzlauer-Berg-Hinterhof.

Onkel Charles Pierre gefällt es an seinem neuen Ehrenplatz. „Zumindest hat er beim Umzug nicht protestiert“, sagt Dorothée Fouan-Huber.