Partnerschaft

Abschied vom Haus

Wenn Paare sich trennen, wird oft die gemeinsame Immobilie verkauft. Der Markt ist gut

– Gut 26 Jahre hatte das Haus auf dem Buckel, genauso lang waren Heike und Rüdiger K. verheiratet. Sie hatten in ihrem Zuhause die Kinder großgezogen, sie beim Start ins Berufsleben unterstützt – und danach gemerkt, dass sie sich nichts mehr zu sagen hatten. Die Entscheidung zur Trennung fiel einvernehmlich.

Das Haus behalten wollte keiner von ihnen. Und der Makler, der mit der Vermarktung des Objekts im Berliner Speckgürtel betraut war, hatte leichtes Spiel: Nach wenigen Monaten war das Haus verkauft, beim Preis mussten die Noch-Eheleute kaum Zugeständnisse machen. Doch in der Region mit hohem Einfamilienhaus-Anteil eine für Singles geeignete Eigentumswohnung zu finden, erwies sich als Hindernis.

Viele trennen sich nach 20 Jahren

Längst ist es nicht nur das „verflixte siebente Jahr“, in dem sich Ehepartner besonders häufig vor dem Scheidungsrichter wiederfinden. Immer mehr Paare trennen sich erst nach 20 und mehr gemeinsamen Jahren. „Auch länger andauernde Ehen halten inzwischen nicht mehr ewig“, sagt Martin Conrad vom Statistischen Bundesamt. Von den 179.100 Scheidungen im Jahr 2012 entfielen 28,7 Prozent auf Ehen, die 20 Jahre und länger währten. 1992 waren es lediglich die Hälfte der Paare, die sich nach diesem Zeitraum trennten. Damit hat sich die Zahl der über-50jährigen, die den vermeintlichen Bund fürs Leben kappen, binnen zwei Jahrzehnten fast verdoppelt. Dieser Trend hat erheblichen Einfluss auf die Entwicklung an den Wohnimmobilienmärkten, meinen Experten. „Scheidungen sind zusammen mit Umzügen aus beruflichen Gründen die wesentlichen Ursachen für einen vorzeitigen Verkauf von Wohneigentum“, sagt Peter-Georg Wagner, Researcher beim Immobilienverband Deutschland (IVD).

Durch die steigende Zahl der Trennungen bei den über 50-Jährigen kämen mehr Eigenheime vorzeitig auf den Markt. „Scheidungspaare entschließen sich in der Regel zum Verkauf ihres Hauses, um den gemeinsamen Besitz aufzuteilen, und ziehen dann jeder für sich in kleinere Wohnungen.“

Dabei wolle meist wenigstens einer der Expartner wegen der vorhandenen engen sozialen Kontakte im vertrauten Wohnumfeld bleiben, sagt Günter Vornholz, Professor für Immobilienökonomie an der EBZ Business School in Bochum. „Das treibt in den Vorortgemeinden die Nachfrage nach kleineren Wohnungen. Besonders stark betroffen von der wachsenden Zahl der scheidungsbedingten Eigenheimverkäufe sind die Speckgürtel der Metropolen. „Bis in die 90er-Jahre hinein sind Familien aus Großstädten wie Düsseldorf, Frankfurt am Main, Hamburg, München und Stuttgart in das Umland gezogen, um sich dort in einem Einfamilienhaus niederzulassen“, sagt Thomas Beyerle, Chefanalyst der Immobilienberatungsgesellschaft Catella Property. Erst in den vergangenen 15 Jahren sei dieser Trend mit den steigenden Kraftstoffpreisen gekippt.

Dennoch stünden die Chancen für die Scheidungspaare gut, Käufer für ihre Häuser zu finden. „Die hohen Mieten und das knappe Angebot an großen Wohnungen in den Innenstädten machen den Eigenheimerwerb im Grünen für junge Familien mit Kindern wieder attraktiv“, sagt Beyerle. Besonders gefragt seien dabei Immobilien in Orten mit S-Bahn-Anschluss.

Schwieriger ist es hingegen für getrennte Paare, eine kleinere Wohnung in diesen Orten zu finden. „In den Gemeinden in den Speckgürteln der Großstädte wurden in der Vergangenheit vor allem Drei- und Vierzimmerwohnungen für jene Familien gebaut, die ins Grüne ziehen wollten, sich ein Eigenheim jedoch nicht leisten können“, sagt Vornholz. „Deshalb gibt es dort nicht genügend kleinere Wohnungen, um die steigende Nachfrage zu decken.“

Bauträger und Wohnungsgesellschaften im Umland der Metropolen sollten deshalb bei Neubauprojekten künftig stärker auch Zwei- und Zweieinhalbzimmerwohnungen schaffen, empfiehlt IVD-Researcher Wagner. „Nicht nur in den Großstädten selbst, auch in deren Peripherie steigt der Bedarf an kleineren Wohnungen.“ Dies liege nicht allein an der wachsenden Zahl der Scheidungsfälle bei älteren Paaren. „Viele Senioren, deren Ehepartner gestorben ist, wollen zwar nicht mehr in ihrem zu großen Haus leben, aber im vertrauten Umfeld bleiben.“

Nicht nur in Deutschland, auch in anderen Ländern wächst durch die steigende Zahl der Scheidungen bei über 50-Jährigen die Nachfrage nach kleineren Wohnungen. Das zeigt eine Studie der Immobiliengesellschaft Savills zum britischen Markt. Danach ziehen auch in Großbritannien ältere Geschiedene nach dem Verkauf des Hauses größtenteils in Zweizimmerwohnungen.

„Da die Best-Ager den Großteil der Hypothek auf ihrer Immobilie bereits abgetragen haben, verfügen sie nach dem Verkauf über genügend Kapital, damit jeder eine kleinere Wohnung erwerben kann“, sagt Lucian Cook, Leiter Wohnimmobilienresearch bei Savills. Auch in Deutschland seien die meisten Expartner finanziell in der Lage, sich zwei kleinere Eigentumswohnungen zu leisten. „Ob sie das tun, hängt jedoch von mehreren Faktoren ab“, sagt Analyst Beyerle. Einige Geschiedene wollten das durch den Immobilienverkauf freigesetzte Kapital für Reisen nutzen und wohnen deshalb lieber zur Miete.

Briten gehen rationaler vor

In einem Punkt allerdings, das zeigt die Savills-Untersuchung, unterscheiden sich britische und deutsche Scheidungspaare erheblich: Die Inselbewohner gehen bei der Trennung rationaler vor. In Großbritannien verläuft die Zahl der Scheidungsfälle seit 1994 weitgehend im Einklang mit dem Auf und Ab bei der Preisentwicklung am Eigenheimmarkt. „Unzufriedene Paare warten mit der Trennung, bis sie einen möglichst hohen Preis für ihr Haus erzielen“, sagt Researcher Cook.

Das ist in Deutschland nicht der Fall. Hierzulande ist die Zahl der Scheidungen nach Daten des Statistischen Bundesamts auch während des zehnjährigen Abschwungs am Immobilienmarkt von 1996 bis 2006 kontinuierlich gestiegen. Für Beyerle deutet dies „darauf hin, dass Deutsche sich auch dann trennen, wenn ökonomisch betrachtet nicht der beste Zeitpunkt dafür ist“.