Wohnung

Buntes Leben im Altbau

Axel Venn, Professor für Farbgestaltung, hat auch Einrichtungsbücher geschrieben. In seiner Wohnung lebt er seine Ideen aus

Weiß sucht man in der Schöneberger Altbauwohnung vergeblich. Kein Wunder, der Herr des Hauses hat eine Idiosynkrasie. Das ist keine schwere Krankheit, zum Glück, sondern so eine Art Überempfindlichkeit oder schlichtweg: Abneigung. Die gibt es gegen alles Mögliche, bei Professor Axel Venn geht sie lediglich gegen Wohnen in Weiß. „Weiß ist gar keine Farbe, weiß ist hässlich, in Weiß kann man nicht leben“, poltert er los. „Das menschliche Auge kann rund neun Millionen Farbtöne unterscheiden. Wer seine Wände weiß streicht, verzichtet auf 8.999.999 hübsche Akzente.“

Widerspruch ist nicht nur zwecklos, sondern auch vermessen. Denn Axel Venn ist Farbexperte und lehrte als Professor für Farbgestaltung und Trendscouting an der Universität Hildesheim. Mittlerweile emeritiert, berät er heute als Freiberufler Unternehmen auf der ganzen Welt zum Thema Marketing und Farben: Welche bunte Zahnbürste verkauft sich gut und für mehr Geld? Wie muss ein Drogeriemarkt gestaltet sein, damit sich Kunden wohlfühlen (und dabei viel kaufen), oder welche ist die neue Trendfarbe für Autos, Töpfe oder Krankenhäuser? Nebenbei ist er Autor von vielen Büchern, die Titel wie das „Das Farbwörterbuch“ oder „Farbvergnügen: Aktuelle Wohnbeispiele“ tragen.

Seine eigene Wohnung spiegelt vieles wider, was er in wissenschaftlichen Studien empirisch herausgefunden hat. Und ist doch vor allem eine emotionale Sache: „Eine Wohnentscheidung ist nie logisch. So wie Heiraten. Das geschieht nach Bauchgefühl“, sagt Venn. Denn sein Altbau, gibt er unumwunden zu, hat nicht viel mit Vernunft zu tun: 3,40 Meter hohe Decken, Fenster, die nicht wirklich dicht sind, hohe Betriebskosten und knarzender Parkett bei jedem Schritt.

Ein Neubau wäre für seine Frau Maren und ihn dennoch nie in Frage gekommen. „So ein Gründerzeithaus hat eine besondere Wahrnehmungskulisse – nicht nur für das Auge“, sagt Venn, „auch Geräusche und sogar Gerüche sind hier anders als in einer modernen Betonhöhle.“ In der Tat: Es duftet nach Holz und Maiglöckchen. Die stehen im Wohnzimmer auf dem Tisch. Kein Zufall, sondern manipuliertes Wohlfühlen. Wie vieles in der gediegenen Altbauwohnung.

So auch die Sache mit dem Weiß. Beziehungsweise ohne Weiß, um genau zu sein. „Offwhite“, ja – alle Farben sind abgetönt, was eine angenehmere Atmosphäre als reines Weiß erzeugt. Der Salon ist grau, das Arbeitszimmer grün, das Esszimmer beige, das Damenzimmer seiner Ehefrau enthält vor allem Cremetöne. „Ich mag es etwas softer und ruhiger“, sagt Maren Venn. Schließlich muss sich der Mensch in seinem Zuhause wiederfinden. Professor Venn findet das voll und ganz gelungen: „Sehen Sie meine Kleidung an: Ich passe farblich in meine Wohnung!“, sagt er.

Die Wandfarben ordnen sich nirgends unter, auch nicht über, sie ordnen ein: die Bilder, die Bücher, die Funktionen der einzelnen Räume. Wo man arbeitet, soll es anregend, vitalisierend, inspirierend sein. Das Schlafzimmer dient der Entschleunigung und Entspannung. „Bunt hat viele Facetten“, sagt Venn. „Das muss man doch nutzen!“

Einrichten als Prozess

Maren und Axel Venn machen das schon lange. Ob im Saarland, in Belgien und Frankreich, wo sie viele Jahre mit der Familie gewohnt haben, oder seit gut fünf Jahren nun in Berlin, „seit die Sehnsucht nach der Großstadt überdeutlich wurde“. Immer schon verwendeten sie viel Zeit für die Gestaltung ihres Umfeldes. Ihre Wohnung ist voller hübscher Antiquitäten; Erb- und Sammlerstücke, die sie im Laufe der Jahre zusammengetragen haben. „Einrichten ist ein Prozess. Fertig gibt es nicht. So lange man lebt, herrscht Veränderung. Es kommt etwas weg – und meistens etwas dazu“, weiß Venn. Zum Beispiel Bücher. „Kein Mensch schmeißt die weg.“ Er jedenfalls sicher nicht. Das sieht man der Wohnung auch an.

Ein Leben ohne Bücher kann sich der Professor nicht vorstellen. Will er auch nicht. Die Bücherregale, alle doppelt geordnet, quellen über, gefüllt mit seinen eigenen Werken, Literatur, Lexika oder Bildbänden. Sie sind so ziemlich die einzigen Möbelstücke, die „oberhalb der Gürtellinie“ erlaubt sind. Unten gibt es Fischgrät-Parkett und bunte Teppiche, dann kommen die Kommoden, Tischchen, Schränke, Teewagen, Bänke, Sofas, Stühle, Nähkästchen, alle mit edlem Holzfurnier oder schönen Stoffen bespannt, nichts ohne Kleinigkeiten darauf, die ihren Charme gemeinsam versprühen dürfen. Die Venns schaffen Harmonien: Da liegt nicht ein Zigarrenkästchen, sondern zehn. Jedes ein Unikat, aber doch irgendwie alle ähnlich. Minimalismus ist nicht. „Die Masse macht es“, sagt Venn. „Ein Stück setzt erst das andere in Szene.“

Auffallend ist, dass es so gut wie keine hohen Schränke gibt. Venns Meinung: „Die stören.“ Als Stauraum gibt es Abseiten und die Küche. So bleibt der Rest von Wohnung und Wänden frei für die schönen Dinge des Lebens: Bücher, Farben, Bilder.

Die Farben inszenieren alles andere. Die typischen Altbautüren mit ihren bunten Glaselementen sind hell gestrichen, damit sie sich von den Wänden abheben. Wie die Zimmerdecken, jede einzelne mit unterschiedlichem Stuck und einem schicken Lüster. Überall hängen großformatige Bilder, der Großteil von Axel Venn selbst gemalt. „Kleine Bilder können Sie gleich sein lassen“, so der Farbexperte, „sie taugen höchstens als Erinnerungsstücke. Wenn sie in einem Raum wirken sollen, dann müssen Bilder schon riesig groß sein.“ Und natürlich Farbe beinhalten. Venns Werke tun das, sogar in ihren Titeln: „Rosas Gemeinheiten“ hängt im Esszimmer über der Bank mit dem goldgelben Stoff. Und im Wohnzimmer gibt es an einer Wand das Lieblingsbild der Ehefrau: „Sehnsucht nach Pastell“ – während gegenüber „Das Grau des Enthusiasten“ herrscht.

Gemütliche Akzente

Andere wichtige Aspekte des Einrichtens sind laut Venn Licht und Sichtachsen. So findet sich in jeder Ecke eine Stehlampe, ebenso auf dem Schreibtisch oder dem Fensterbrett. „Je nach Stimmung setze ich mich an einen Platz und betone in meiner Blickrichtung einen anderen, indem ich dort Licht anmache“, sagt der Professor. Diese Akzente machen alles erst warm und gemütlich, ebenso helfen die Flügeltüren bei der richtigen Atmosphäre. „Diese Wohnung hat 140 Quadratmeter und 18 Türen. Wenn ich alle schließe, ist das fürchterlich verschachtelt. Aber wenn ich die Türen öffne und den Blick in die anderen Zimmer freigebe und einzelne Details richtig inszeniere – dann bekommen die Räume die Kraft, dass sich Menschen niederlassen und Gespräche entstehen.“

Denn darum geht es dem Professor. In seiner Wohnung schweigt man nicht, sagt er. Sie ist eine Abendwohnung – Licht an, ein Glas Rotwein (nicht Weißwein!), Blick durch die gediegene Altbauatmosphäre schweifen lassen – und reden, reden, reden. „In ganz weißen Räumen bleiben Gespräche aseptisch, die vertragen nicht mal Witz“, sagt der Professor. Das ist sie wieder, die Idiosynkrasie. Es lebe die Farbe!