Bahnhofsgebäude

Zum Zug gekommen

Alte Bahnhofsgebäude sind beliebt. Die neuen Eigentümer erleben häufig ein Abenteuer

– Müllablagerungen. Feuchtigkeits- und Vandalismusschäden. Mauerwerksrisse. Stark sanierungsbedürftiger Zustand. Man muss wohl etwas von Häusern verstehen, damit einen solch eine Beschreibung des Grauens in einem Exposé nicht sofort völlig verschreckt. Man muss sein wie Jens Schaarschmidt. Der 45-Jährige ist Immobilienentwickler, lebt in dem kleinen Ort Biederitz östlich von Magdeburg und hat Anfang April mal eben den dortigen Bahnhof ersteigert.

Während der Goldenen Hochzeit seiner Eltern stahl sich Schaarschmidt kurz aus dem Ballsaal davon, wählte sich telefonisch in die Versteigerung des Berliner Auktionshauses Karhausen ein – und bekam für 18.500 Euro plus Nebenkosten den Zuschlag. Für Schaarschmidt erfüllte sich ein Traum: „Ich kannte diesen Bahnhof schon als Kind, als er noch als solcher genutzt wurde. Danach dem langsamen Verfall zusehen zu müssen, hat mir in der Seele wehgetan.“ Nun kann der Immobilienexperte damit anfangen, die Liste abzuarbeiten, die das Stück wieder auf Vordermann bringen soll. Und die ist lang.

Schaarschmidts Bahnhof ist einer von insgesamt 15, die zuletzt bei Karhausen unter den Hammer kamen. Alle 15 fanden ihren Käufer, nur eines der Objekte ging zum Mindestgebot weg, bezahlt wurde bis zum Vierfachen des Auktionslimits. „Bahnhöfe als Kaufobjekte sind sehr gefragt“, sagt Auktionsleiter Matthias Knake. Private Interessenten kämen, wie im Fall Biederitz, häufig aus der Region und betrachteten den Erwerb von Bahnhöfen oft als Kapitalanlage – gerade wenn sich darin vermietete Wohnungen befänden.

Neun Objekte unter dem Hammer

„Auch bei Künstlern oder Handwerkern sind die Gebäude sehr gefragt“, sagt Knake. Und Interessenten müssen gar nicht so lange warten, bis sich ihnen wieder die Chance bietet, einen ausgemusterten Bahnhof zu ersteigern: Auf der Sommerauktion am 20. und 21. Juni bringt Karhausen im BESL-Meistersaal am Potsdamer Platz wieder neun Empfangsgebäude und weitere Bahn-Liegenschaften unter den Hammer.

Das Auktionshaus profitiert dabei vom strukturellen Wandel des Eisenbahnwesens. Als mit der Bahnreform vor 25 Jahren die Deutsche Bahn zukunftsfähig gemacht werden sollte, kam beim „Unternehmen Zukunft“ alles auf den Prüfstand. Mit Blick auf die Bahnhöfe waren das etwa Fahrkartenausgabe, Gepäckaufgabe oder Expressgutabfertigung: Alles wurde automatisiert oder ganz abgeschafft. Die Stationen, im Bahnsprech „Empfangsgebäude“, wurden vielerorts schlicht nicht mehr gebraucht. Oft weit mehr als 100 Jahre alt, nicht ausreichend instandgehalten, marode und verwahrlost, hingen sie der Bahn wie ein Klotz am Bein.

In mehreren Paketverkäufen trennte sich das frühere Staatsunternehmen von vielen seiner Empfangsgebäude, rund 1300 hält es heute noch selbst. Eines der Pakete mit insgesamt knapp 1000 Objekten landete bei der Main Asset AG mit Sitz in Frankfurt. Die wiederum arbeitet bei der Vermarktung der Immobilien eng mit dem Berliner Auktionshaus Karhausen zusammen.

Für Ernst Egelkraut ist die Beschäftigung mit einem Empfangsgebäude aus dem Portfolio der Main Asset zu einer Art Lebensinhalt geworden. Der 81-Jährige gehört zu einer Fördergruppe aus Oberkotzau in Oberfranken, die sich der Wiederherstellung des Bahnhofsgebäudes verschrieben hat. An dem Gebäude hängen Egelkrauts Kindheitserinnerungen, so nahm er mit blutendem Herzen den fortschreitenden Verfall der Station zur Kenntnis. Als er eines Tages sah, dass das Vordach des Gebäudes eingestürzt war, erkundigte er sich nach dem Preis. 55.000 Euro, hieß es bei Main Asset. Die Ernüchterung war groß. Doch kurz darauf kam das Gebäude beim Auktionshaus Karhausen unter den Hammer. „Und da kamen wir für 8000 Euro zum Zuge“, sagt Egelkraut.

Rund 30 Gleichgesinnte zählen zum Förderkreis, und sie haben große Pläne: Eine Wohnung soll in den Bahnhof integriert werden, weitere Erträge soll die Radfahrerherberge mit zwölf Betten generieren – der Bahnhof, an dem noch Züge halten, liegt direkt am 427 Kilometer langen Saale-Radwanderweg.

Hehre Pläne für ein rund 150 Jahre altes Gebäude, an dem sich ein veritabler Sanierungsstau gebildet hat. Zwar ist das Dach neu eingedeckt worden, der Dachstuhl laut Egelkraut intakt, dennoch sind viele der alten Bahnhöfe unter Wirtschaftlichkeitsgesichtspunkten auch geschenkt noch zu teuer. Umso wichtiger wird es dann, sich zum Spezialisten für Fördermöglichkeiten zu entwickeln. „Wir haben vom Land Bayern 27.000 Euro für den Denkmalschutz bekommen“, sagt Egelkraut. Weitere Verhandlungen laufen. Wer sich indes von der Eisenbahnromantik einlullen lässt und ohne Prüfung einen Bahnhof kauft, kann böse Überraschungen erleben. So wie Lenard Steur. Der 29-jährige Berliner war auch auf einer Karhausen-Auktion vor Ort. Bei seinem Favoriten, dem Bahnhof Tangermünde in Sachsen-Anhalt, trieb ein Bietergefecht den Preis in Höhen, die für ihn nicht infrage kamen. Kurzerhand schwenkte er auf den Bahnhof Arendsee in der Altmark um, von dem er nicht mal wusste, wo genau der lag – und bekam für 14.000 Euro den Zuschlag. „Klar denkt man: Für den Preis kannst du nichts falsch machen“, sagt Steur. Doch weit gefehlt. Als er die Station in Augenschein nahm, musste er sich eingestehen: Das Objekt war eine Kostenfalle. Es hatte Fenster, die seit Jahren offen standen, eine baufällige Fassade und sanierungsbedürftige Innenräume.

Viel Eigenarbeit kann anfallen

Doch Steur ließ sich nicht entmutigen. Wann immer er Zeit hatte, fuhr er die 200 Kilometer von Berlin nach Arendsee, koordinierte die Renovierungsarbeiten und packte selbst mit an. „Die Wohnungen im ersten und zweiten Obergeschoss mit je rund 80 Quadratmeter Wohnfläche sind fertig renoviert und vermietet“, sagt Steur.

„Wohnen im Bahnhof ist noch etwas Besonderes.“ Jetzt entstehen noch zwei kleinere Wohnungen im Erdgeschoss. Und auch wenn er am Ende deutlich mehr in das Objekt stecken musste als erwartet: Sein Fazit fällt positiv aus. „Das Geld ist gut angelegt, ich würde es wieder machen“, sagt Steur.