Wohnung

Hoher Komfort auf tiefster Ebene

Wer zieht schon gern in ein Souterrain? Eine Berliner Kieferorthopädin hat es gewagt – und den Schritt durchaus nicht bereut

Sonja Vetterlein wäre wohl eher in ein Industrie-Loft oder ein Hausboot auf der Spree gezogen. Eine Wohnung im Souterrain war für sie nie vorstellbar. Man kennt das ja: schmale, erdnahe Fenster, niemals Tageslicht, und wenn man nach draußen schaut, sieht man gerade noch die Absätze vorbeieilender Passanten. Von den Hinterlassenschaften, die vorzugsweise von Vierbeinern auf Berliner Gehsteigen stammen, ganz zu schweigen. Nein, Souterrain kam für Sonja Vetterlein nicht infrage, als sie im Sommer vergangenen Jahres eine Wohnung suchte. Und jetzt öffnet die promovierte Zahnärztin die Haustür ihrer Wohnung in Friedenau, setzt sich an den Tresen der großzügigen Pantryküche und muss erst einmal lachen. Richtig geraten: Ihre neue Wohnung liegt im Souterrain.

Um das zu verstehen, ist ein kurzer Rückblick nötig. Im August vergangenen Jahres stand ein Umzug an – vom grünen, aber recht abgelegenen Zehlendorf sollte es näher ans Zentrum gehen, der zeitfressende Fahrtweg zu ihrer Gemeinschaftspraxis für Kieferorthopädie in den Neuköllner Gropiuspassagen ein Ende haben. In Friedenau hatte die gebürtige Nürnbergerin früher schon einmal gewohnt. Ihr alter Kiez sollte ihr neuer werden.

Also setzte sie bei der Wohnungssuche im Internet immer ein Häkchen beim Stichwort „Friedenau“ und ging die Angebote durch. „Wann immer es um eine Wohnung im Souterrain ging, habe ich die Annonce gleich weggeklickt, ohne noch einen weiteren Blick darauf zu verschwenden“, erzählt sie und schaut durch die großzügige Fensterfront auf die Hecke ihres kleinen Gartens mit den beiden Korbstühlen. „Bis ich Bilder dieser Wohnung fand – und dachte, dass es sich angesichts der hellen, lichtdurchfluteten Räume nur um einen Fehler in der Anzeige handeln konnte.“ Welche Kellerwohnung bietet große Fenster, Tageslicht und Garten? Ein Anruf beim Architekten Piotr Forynski, der auch der Vermieter ist, brachte Gewissheit. Alles, was in der Anzeige stand, war korrekt. Bei der Wohnungsbesichtigung verguckten sich Sonja Vetterlein und ihre Tochter in den Souterrain an der Rotdornstraße.

City-West ganz in der Nähe

Die Rotdornstraße ist ein kleines Wohnidyll. Die ruhige Wohnstraße zieht sich in einem Bogen von der Stubenrauchstraße zur Wiesbadener Straße und gehört zu den für Friedenau typischen, hufeisenförmig angelegten Jugendstilkomplexen aus der Gründerzeit. Prächtige Stuckfassaden prägen das Straßenbild, alter Baumbestand sowie gepflegte Wege und Grünflächen steigern den Wohnwert zusätzlich. Die Nahversorgungsmöglichkeiten sind hervorragend. Friedenau ist ein intakter und entsprechend stark nachgefragter Ortsteil zwischen Schöneberg und Steglitz. Die gefragte City-West ist nur wenige Kilometer entfernt. Hier eine Wohnung zu ergattern ist schwer, und trotzdem war das Souterrain alles andere als eine Notlösung. „Ich hätte mich auch so entschieden, wenn es andere Angebote gegeben hätte“, ist sich die Zahnmedizinerin sicher.

Wer die Wohnung betritt, ist erst einmal überrascht, dass die Wohnungstür ebenerdig ist. Erst im Inneren führen ein paar Treppenstufen hinab, direkt in das Wohnzimmer mit großer Pantryküche. Alles wirkt schon auf den ersten Blick sehr einladend. Weil in die Front großzügige Fenster eingezogen sind, gelangt von der Straße her viel Licht ins Innere. Je nach Jahreszeit verändern sich die Tageszeiten, an denen es in der Wohnung hell wird. Jetzt im Frühling sind die Räume bei gutem Wetter ab 16 Uhr geradezu sonnendurchflutet. Weil die gegenüberliegenden Hausfassaden hell gestrichen sind, wird das Licht aber auch dann in die Wohnung reflektiert, wenn es keine direkte Sonneneinstrahlung gibt.

Mittelpunkt Küchentresen

Das Wohnzimmer wird optisch dominiert durch den großen, aus Stahl geschlosserten Tresen der Pantry. Die Spezialanfertigung gibt dem größten Raum der insgesamt 90 Quadratmeter großen Wohnung Struktur und Mittelpunkt – das ist auch wörtlich zu nehmen, denn für Sonja Vetterlein ist der Tresen tatsächlich eine Art Lebensmittelpunkt. „Hier bereite ich das Abendessen vor, während meine Tochter es sich auf dem Sofa bequem macht und mit mir über den Tag quatscht, und ich habe genau im Blick, wann unsere Katze heimkommt.“ Lachend deutet sie auf die kleine Katzenklappe, die in die Haustür eingelassen ist. Momentan ist von Taylor allerdings weit und breit nichts zu sehen. Das Wetter ist einfach zu gut, um in der Stube zu hocken.

Vom Wohnzimmer, dem zentralen Bereich der Wohnung, gehen alle anderen Zimmer ab. Grundrisse moderner Immobilien sind in der Regel frei von Dielen und Fluren, die im Prinzip funktionslos sind und wertvollen Wohnraum wegnehmen. Wohnräume gehen immer häufiger ineinander über. Effiziente Raumausnutzung nennt man das – wer die Wohnung betritt, ist gleich mitten im Geschehen. Das erinnert im positiven Sinne an die Sets amerikanischer Sitcoms wie „King of Queens“, „Friends“ oder „Eine schrecklich nette Familie“, deren Hauptschauplatz immer das Wohnzimmer bildet. Doch während die Möblierung in den Serien stets nach Schema F funktioniert, ist diese Wohnung sehr individuell eingerichtet.

Das Schlafzimmer könnte aus einem Astrid-Lindgren-Buch stammen, im Wohnzimmer fällt der puristische Kamin aus Glas und Stahl auf, der im Winter für eine behagliche Atmosphäre sorgt. Den Tresen säumen Barhocker, ein heller Divan mit kuscheliger Decke dient als Heimkino-Sitzplatz. Von hier aus lassen sich Blockbuster auf dem großen, an der gegenüberliegenden Wand angebrachten Flachbildfernseher genießen. Ein großer Lehnstuhl im mehrfarbigen Bauhausstil setzt einen Kontrastpunkt zu den weißen Möbeln. Sonja Vetterlein hat ihn vor mehr als 20 Jahren auf einem Flohmarkt in Ungarn gekauft, wo sie damals Medizin studierte. Ein zweiter steht bei ihr im Keller. „Wer ihn haben möchte, soll sich gern mit einem Angebot bei mir melden“, sagt sie augenzwinkernd und öffnet die Badezimmertür an der Rückseite der Küchenzeile. Mit einem Mal ist man in einer völlig anderen Welt. Dunkle Granitplatten, in der Mitte eine frei stehende Badewanne, die zur großen Glastür ausgerichtet ist, durch die man auf den Hof gelangt. Durch eine Milchglasscheibe scheint auch vom Innenhof genügend Tageslicht in das Bad. Nach einem anstrengenden Tag in der Praxis ist das der Entspannungs- und Wohlfühlort für Sonja Vetterlein. Neben der Wanne ist direkt in den Raum noch eine Dusche installiert. In den eingelassenen Regalen stapeln sich Handtücher, auf Brettern stehen Parfümflakons.

Täglich grüßt der Tierarzt

Bei dieser Wohnqualität muss die Frage nach dem Haar in der Suppe gestattet sein. Gibt es etwas, das ihr in ihrem Friedenauer Souterrain mal auf die Nerven geht? Hat sich irgendeiner der Vorbehalte, die sie gegenüber Souterrains hegte, vielleicht doch bestätigt? Sie überlegt kurz und sagt dann knapp: „Der abendliche Kampf um einen Parkplatz nervt etwas, aber das hat ja nichts mit der Wohnung zu tun.“

In diesem Moment klingelt es. Ein junges Mädchen mit einem Pappkarton in den Händen bittet um Einlass. Ihr Hamster sei krank, erzählt sie und guckt dabei traurig. Noch bevor man sich weiter wundert, klärt Sonja Vetterlein das Mädchen lächelnd auf. Sie habe den Eingang verwechselt mit der Tierarztpraxis in der benachbarten Souterrain-Wohnung. „Es passiert nicht oft, aber tatsächlich haben schon besorgte Tierbesitzer bei uns geklingelt, vielleicht könnte man das als einen Nachteil der Wohnung bezeichnen“, sagt sie und macht eine kleine Kunstpause „Andererseits: Wenn es unserer Katze schlecht geht, kann ich sie gleich eine Tür weiter schicken, das ist ja auch wieder praktisch.“