Architektur

Neubau für den Altbau-Fan

Fünf Zimmer auf vier Stockwerken: Das Townhouse von Andreas Leipold ist eine architektonische Meisterleistung

„Wir leben hier eng beieinander“, sagt Andreas Leipold, 50. „Aber alle sind zufrieden.“ 70 Erwachsene und über 50 Kinder, die meisten im Vorschulalter, wohnen in den Ende 2010 bezogenen Wohnungen. Sie bilden 48 Parteien, die zusammen eine Baugruppe sind. Jede Wohnung gehört einer Partei, doch der 95 Meter lange und zwölf Meter tiefe Innenhof ist Gemeinschaftseigentum. Er trennt und verbindet drei unterschiedliche Bautypen und führt sie zusammen. Und darunter liegt, praktisch und geräumig, die Tiefgarage. Dieser realisierte Entwurf wurde 2012 mit dem Berliner und dem Deutschen Architekturpreis geehrt, 2013 kam noch der Preis vom Bund deutscher Landschaftsarchitekten hinzu.

Alle Wohnungen waren schon vor Baubeginn verkauft, die Kosten wurden gestaffelt: 1600 bis 1800 Euro pro Quadratmeter in den zehn Gartenhäusern, 2400 Euro in den 23 Townhouses und 2800 Euro in 15 Penthouses.

Der Entwurf stammt vom Büro „Zanderroth“, den Architekten Sascha Zander und Christian Roth, die seit 14 Jahren im Wohnungsbau tätig sind. Das Grundstück in der Zelterstraße hatte sich das Duo, das zwölf Mitarbeiter beschäftigt, 2007 über ein Vorkaufsrecht gesichert, die Bauzeit belief sich auf zwei Jahre, die Kosten von 16 Millionen Euro wurden nur um 0,03 Prozent überschritten.

Nordlage war das Problem

Das Ensemble umfasst das Vorderhaus mit den Townhouses, jedes vier Geschosse hoch. Das Hinterhaus ist in sechs Etagen aufgeteilt, die drei unteren Etagen beherbergen die Gartenhäusern, darauf gesetzt drei Etagen mit den Penthouses. Wer aus einiger Entfernung und später noch von oben, den begrünten Dächern, darauf schaut, staunt über die logistische Leistung. Das Grundstück ist ein schlauchartiges Areal. Es ist 100 Meter lang, aber bloß 34 Meter breit. An den beiden Endseiten der Grundstücksachse befinden sich 23 Meter hohe Brandwände der bestehenden Nachbargebäude. Nach vorn liegt die Straßenfront an der Zelterstraße, die strikt nach Norden ausgerichtet ist und im Baugruppenjargon „Zelter Nordwand“ genannt wird. Die Nordlage war das große Problem: Wer will schon in Wohnraum leben, in den wenig Licht fällt.

Die Lichtfrage war die große Herausforderung für die Architekten. Die, Spezialisten für Lückenbebauung, gingen souverän damit um. Am Computer wurden tagelang sämtliche Belichtungsstudien durchgespielt. Fazit: Die Distanz zum Himmel wird einfach reduziert. Der Innenhof als Garten wurde um ein Geschoss angehoben.

Wer eines der Townhouses an der Zelterstraße betritt, begibt sich durch den ersten Raum, meist als Flur oder Arbeitszimmer genutzt, steigt eine Treppe hinauf und befindet sich dann in der Küche auf Innenhofhöhe. Der Garten ist perfekt angelegt, die Bewässerungsanlage mit kleinen Düsen fürs Rasensprengen gleicht der, die auf Fußballplätzen zum Einsatz kommt. Bäume mit lichtdurchlässigen Blättern sind exakt platziert, ebenso die Büsche, damit es keine Verschattungen gibt. „Schritt für Schritt wurden durch die Planung die natürlichen Nachteile der Lage in Vorteile verwandelt“, erklärt Andreas Leipold. Als freier Statiker war er verantwortlich für die „Tragwerksplanung“. Der in den 1980er-Jahren aus der fränkischen Rhön nach Berlin zum Studium gekommene Zuwanderer sagt: „Ich habe noch nie in einem Neubau gewohnt, fand Altbau immer schöner. Aber bei der Bauerörterung habe ich mich sofort dafür erwärmt.“ Heute lebt er mit seiner 15-jährigen Tochter und einem Terrierhund in einem der Reihenhäuser.

Es wirkt zuerst ein bisschen skurril. Leipolds Haus ist nur 3,65 Meter breit, hat aber vier Stockwerke mit fünf Zimmern, darauf ein begrüntes Dachgeschoss, und kommt auf 130 Quadratmeter Wohnfläche. „Man muss ständig Treppen steigen, daran gewöhnt man sich schnell“, sagt der Eigentümer. „Man überlegt sich, wenn man aus der Küche nach oben will, was man alles mitnehmen muss.“

Der Steinboden im Haus besteht aus geschliffenem Zement, der wie Terrazzo anmutet, das hat rauen Charme. „Einen wie mich spricht das an“, sagt der Bauingenieur. „Ich wollte kein Parkett.“ Das ganze Haus wird gewärmt von einer Fußbodenheizung auf allen vier Ebenen, das Bad ist geräumig, aber eine Nasszelle ohne Fenster. Pfiffig ist zudem eine praktische Lösung: Sämtliche Fenster sind fest eingefügt und können nicht geöffnet werden. Aber an die Glasflächen sind bewegliche Holzelemente angebracht, die entweder im oberen Teil gekippt oder ganz wie Türen geöffnet werden können, um die Räume zu lüften. „Die Holzwände haben sich energetisch bewährt“, sagt Leipold.

Oberlicht durch eine Luke

Leipold, der bei der Sanierung des Admiralspalasts an der Friedrichstraße beteiligt war, Einfamilienhäuser, Lofts und Höfe in der Uckermark statisch auf Vordermann bringt, sitzt in seiner geräimogen Wohnküche am langen Esstisch unter großen Fotos, die moderne Berliner Bauten zeigen. Die Küche ist der höchste Raum, anderthalb Stockwerke hoch. An der Treppe zu den höher gelegenen Zimmern hat er ein praktisches Regal anbringen lassen, zur Küche hin mit Tellern, Tassen und anderen Gebrauchsdingen ausgestattet, zum gegenüber liegenden Wohnzimmer hin als Bücherwand gestaltet. Das Wohnzimmer, der hellste Raum des Hauses, ist eine Mischung aus Plastikkommode der 60er-Jahre und zwei Couches, die eine mit einer knallbunten Patchworkdecke belegt.

Darüber liegen Leipolds Schlafzimmer und das Zimmer der Tochter, das Bad und ein weiteres Zimmer mit einem gemütlichem Sofa. Hier hat der Hausherr auch seine Plattensammlung deponiert. In den Flur fällt durch eine Luke Oberlicht. Und auf dem Dach kann Leipold gärtnern auf zehn Quadratmeter Rasen. Den stutzt er mit Rasenmäher das Grün und harkt – eine kleine grüne Oase im Häusermeer der Stadt. Das Dach ist der Ort, wo sich die Bewohner am meisten begegnen. Da wird gegrillt, sitzt man am Abend und trinkt etwas, empfängt Gäste in lauen Sommernächten, und demnächst will die Baugruppe auf der Dachterrasse noch eine Sauna einrichten.