Modernisierung

Ein Haus geht mit der Zeit

Erst umbauen, dann anbauen: Wie Familie Kaiser ein Gebäude aus den 1920er-Jahrenimmer wieder ihren Bedürfnissen anpasst

Fertig war das Haus eigentlich noch nie. Oder immer, ganz wie man es sehen möchte. Wie viele Umbauten das Reiheneckhaus in der Eichkamp-Siedlung in den fast 100 Jahren seines Bestehens erlebte, lässt sich nicht mehr mit Sicherheit feststellen. Nur dass es eine ganze Menge waren. Und dass die letzte Veränderung die wahrscheinlich beste Idee der Eigentümer war: Ein rund 20 Quadratmeter großer Anbau mit viel Glas bietet Familie Kaiser nun endlich den Platz, den sie sich in der Küche immer gewünscht hatte: einen Esstisch für die vier eigenen und ein paar befreundete Kinder, Eltern und Gäste.

Der schöne Blick ins Grüne ist auch noch inklusive. „Vorher stand in der Küche nur ein kleiner Tisch mit sechs Stühlen, das war zu klein für uns alle, da wir sehr oft Besuch bekommen“, sagt Tatjana Ruska-Kaiser. Spielende Kleinkinder und sperrige Hochstühle sorgten noch rundum für ewiges Gedränge in dem kleinen Raum.

Heute kann man sich das gar nicht mehr vorstellen. Der neu angebaute Essbereich machte aus der Küche ein Wohnzimmer. Nur zum Essen wäre der Wintergarten auch viel zu schade. Die Kinder spielen auf der neu gewonnen Wohnfläche, die breite Bank an dem Tisch mit der dicken Eichenholzplatte verleitet den Hausherren, einen Berliner Unternehmer, auch schon mal dazu, sich einfach hinzulegen und auszuruhen. Auf die Fensterbänke kann man sich setzen und Füße sowie Seele baumeln lassen. „In der alten Küche stand ich immer mit dem Gesicht zur Wand und dem Rücken zum Raum. Jetzt macht mir das Kochen viel mehr Spaß, weil ich das Gefühl habe, mittendrin zu sein, und ich meine Familie und den Garten immer im Blick habe“, sagt Ruska-Kaiser.

Dabei hilft nicht nur die große Kochinsel, auf der Herd, Spüle und Spülmaschine untergebracht sind, und die die Arbeitsrichtung schlicht um 180 Grad gedreht hat. Die Architektin Hannelore Kaup setzte bei dem Anbau einen architektonischen Kniff ein, der den fließenden Übergang Richtung Garten verwirklichte: Während das Erdgeschoss des Hauses mit der Küche eigentlich ein Hochparterre ist, ist der Anbau abgesenkt.

Die drei Stufen zwischen Alt- und Neubau geben die Blickrichtung in den Garten des Einfamilienhauses vor, die Raumhöhe von fast 3,60 Metern öffnet die Küche noch zusätzlich. „Früher waren da drei Fenster in der Wand, die innen und außen strikt voneinander abtrennten. Man hatte immer das Gefühl, in den Garten geht es nur ums Eck, über die Terrassentür an der Seite des Hauses“, sagt Kaup.

Die Idee kam im Urlaub

Als die Bauherren aus einem Frankreich-Urlaub die Idee mit dem Wintergarten mitbrachten, übernahm die Architektin die Planung und Ausführung. Seitdem schafft der Glas-Anbau nicht nur die richtige Sichtachse, sondern auch einen direkten Zugang in den Garten. Die Fensterflügel öffnen nach außen, schränken dadurch den Innenraum nicht ein, und ergänzen so die Verbindung von drinnen und draußen. Die Blickbeziehung zum Garten dominiert – nicht nur im Anbau, sondern nahezu im ganzen Erdgeschoss.

Wobei der Wintergarten eigentlich kein Wintergarten ist, sondern ein ganzjährig genutzter Zusatzraum. Alles entspricht modernstem Standard. Der Anbau ist thermisch entkoppelt, entspricht den Vorgaben der Energiesparverordnung 2009, hat Fußbodenheizung, Sicherheitsglas und eine integrierte Alarmanlage. Wie bei einem Loft wurden reine Stahlfenster verwendet; die Sprossen, deren Anordnung sich an die Fenster des Altbaus anlehnt, machen die Stahlkonstruktion extrem filigran.

Der Industriecharakter entsteht durch den puren Einsatz aller Materialien wie Stahl, Holz oder den beschichteten Estrich und wird durch die Auswahl der Lampen und Möbel noch unterstützt. Die Ziegelwand auf der einen Seite sowie die Holzdecke sind alte Bauelemente aus Abbruchhäusern, die wiederaufgearbeitet wurden. „Das Authentische war uns dabei sehr wichtig“, sagt Tatjana Ruska-Kaiser.

Mit Baumaterialien kennt sich Familie Kaiser bestens aus. Es ist nicht das erste Objekt, bei dem kein Stein auf dem anderen bleibt. „Wir haben auch schon früher mal ein altes Bauernhaus völlig umgebaut und modernisiert. Da haben wir noch das meiste selbst gemacht“, erzählt Ruska-Kaiser. Einmal Schutt und Mörtel, immer Schutt und Mörtel. So wird schnell klar, dass die Hausherrin und ihr Ehemann nicht vom (Um-)Bauen lassen können. „Nur gut, wenn man da mit seinem Partner auf einer Wellenlinie ist“, sagt sie lachend.

Schließlich musste das Haus, das seit 1952 im Familienbesitz ist, schon mehrmals an sich ändernde Bedürfnisse angepasst werden. Zunächst gab es zwei separate Wohnungen in dem Eckreihenhaus – unten wohnte damals die Großmutter, oben wurde vermietet.

Schließlich zogen Tante und Onkel oben ein, danach lebten Tatjana Ruska-Kaiser und ihr Ehemann in der Einliegerwohnung. „Der Gedanke, das Haus, in dem ich schon als Kind immer zu Besuch war, auch wirklich zu unserem Familienhaus zu machen, kam uns erst nach und nach“, erzählt die 38-Jährige.

Die Vorteile überwogen

Denn das Haus offenbarte seinen Charme erst auf den zweiten Blick. Früher ockerfarben, dann gelbe Fassade mit braunen Fensterläden, alles war dunkel, eng und nicht wirklich schön, wie Ruska-Kaiser erzählt. Die nahe Avus machte die Lage auch nicht gerade attraktiver.

Doch mit der Zeit und der wachsenden Zahl der Kinder begannen die Vorteile zu überwiegen, da nicht nur die Infrastruktur mit Schulen und Kitas, sondern auch die gute Nachbarschaft und Familienfreundlichkeit in der Eichkamp-Siedlung einfach passte. Und erst das viele Grün mit dem alten Baumbestand.

Also wurde mal umgebaut. 2004 die erste große Modernisierung. Das Haus wurde entkernt, die beiden Etagen zusammengelegt, Grundrisse verändert, die Technik auf den neuesten Stand gebracht. 2009 folgte der Dachausbau, schließlich mussten ein paar Kinderzimmer her. Wieder acht Monate Baustelle. Dann der Frankreich-Urlaub, der die Inspiration für den Anbau brachte, der 2013 fertiggestellt wurde.

Wer glaubt, dass dazwischen Ruhe herrscht, irrt. Da werden Zimmer neu gestrichen oder eine Wand von Künstlern per Hand bemalt, Möbel in Retroläden gesucht und Räume umdekoriert. Die Kaisers lieben schöne Dinge, hübsche Antiquitäten genauso wie modernes Design. Die Mischung macht’s: So ist das Herrenzimmer original wie zu Großmutters Zeiten eingerichtet.

Ein Haus, ein Hobby. Tatjana Ruska-Kaiser hat einfach immer wieder neue Ideen, die sie dann auch gerne umsetzt. Gerade sind Farben für sie ein großes Thema. Ob einzelne Wände oder ein ganzes Zimmer – die abgesofteten Grau-, Beige- und Cremetöne im englischen Landhausstil haben es ihr angetan. Vielleicht kommt als nächstes die Außenfassade dran, schicke Farbe, edler Glattputz. Außerdem stehen bereits Pläne im Raum, demnächst die Kinderzimmer umzubauen, zu tauschen, was auch immer. Fertig? Von wegen. Ein Haus, das auf die hundert zugeht, muss schließlich mit der Zeit gehen.