Interview

„Architektur darf sich nicht wichtig machen“

Viele Menschen wünschen sich einen Anbau, um dann in einem alten Haus mehr Platz zu haben

Über die Anschaffung, Nutzung und Gestaltung von modernen Anbauten an alten Häusern sprach Katrin von Raggamby mit der Architektin Hannelore Kaup.

Berliner Morgenpost:

Mehr Platz – das ist einer der häufigsten Wohnwünsche der Deutschen. Ist ein Anbau die Erfüllung dieses Traums?

Hannelore Kaup:

Ein Anbau kann mehr als nur Fläche bringen. Natürlich wird seine Größe zunächst in Quadratmetern definiert, aber wichtiger als die reine Wohnraumerweiterung eines Einfamilienhauses ist die Funktion, die der Umbau mit sich bringt. Ein guter Anbau wird nicht einfach drangestellt, er macht etwas aus und mit dem Bestand.

Zum Beispiel?

Ein Anbau gibt dem Haus einen Twist, den es vorher nicht hatte. Funktionen werden verändert, Sichtachsen und Richtungswege umgelegt. So kann eine Küche, die vorher wie in einer Sackgasse lag, zum Dreh- und Angelpunkt eines Hauses werden. Wo man bislang nur hineinging, um etwas zu holen oder wegzuräumen, kommt man danach ständig vorbei, man hält sich dort auch gern auf, weil der Platz zu einem neuen Zentrum wurde.

Dann bringt ein Anbau immer auch einen größeren Umbau mit sich?

Ja, meistens bewirkt ein Anbau einen massiven Eingriff in den Altbestand. Das Haus wird in gewisser Weise umorganisiert. Nicht nur die Möbel und Zimmer werden neu arrangiert, manchmal ist auch die Technik grundlegend davon betroffen.

Ist denn so ein moderner Glasanbau überhaupt gut zu nutzen – oder ist es da doch im Winter zu kalt und im Sommer zu heiß?

Technisch ist heute durch die Vielfalt der Glasqualitäten alles gut machbar. Auch wenn natürlich jeder seine eigenen Vorlieben und Vorstellungen hat, empfehle ich meinen Bauherren für konstant genutzte Aufenthaltsräume statt einer Überkopfverglasung ein richtiges Dach über dem Kopf.

Kein freier Blick in den Himmel?

Den sieht man auch gut durch die Fensterfronten an den Seiten. Ein Glasdach ist nicht praktisch: Es verschmutzt, es ist laut, wenn der Regen draufprasselt, und ein festes Dach vermittelt einfach ein angenehmes Wohlgefühl.

Apropos Glas. Bei dem Wort Anbau denken die meisten an sehr moderne Entwürfe mit viel Glas und in kräftigen Farben. Ist viel Kontrast gut?

Kontrast verbindet. Aber Geschmäcker und Altbauten sind verschieden, der Bauherr entscheidet, wie er wohnen möchte. Mir ist Ehrlichkeit beim Bauen wichtig – man darf ruhig erkennen, was neu ist und was schon da war. Gerade von außen bevorzuge ich eine gestalterische Trennung zwischen Neubau und Altbestand. Aber das Moderne muss das Alte immer mit Respekt behandeln. Nur viel Kontrast bringt gar nichts.

Und innen?

Im Innenraum sind die Grenzen viel fließender. Ein Anbau ist ein fester Bestandteil der Wohnfläche, da muss man nicht sofort erkennen, wo genau umgebaut wurde. Die räumlichen Gründe müssen einfach im Vordergrund stehen – Architektur darf sich da nicht so wichtig nehmen.

Sollte man immer die maximale Größe ausschöpfen?

Es kommt immer auf den Bestand an. Die Größenverhältnisse müssen respektiert werden, sonst geht die Ausgewogenheit verloren – Maßstäbe wirken sich auf das Wohlfühlen aus. Das Machbare ist nicht immer das Beste.