Wohnerlebnis

Schwimmen mit den Schwänen

Michéle Victor Adamski wollte schon immer auf dem Wasser wohnen. An der Havel hat die Kölnerin ihren Traum wahr gemacht

Der vergangene Sommer hielt für Michéle Victor Adamski ein ganz besonderes Erlebnis bereit: Havel-Schwäne nahmen sie in ihre Familie auf. Zwölf Wochen habe sie gebraucht, um das Vertrauen der Tiere zu gewinnen, erzählt die Mentaltrainerin, die auf einem Hausboot an der Havelchaussee in Grunewald lebt. „Sie haben von mir etwas zu schnabulieren bekommen, aber das hat nicht genügt. Sie haben mich immer wieder geprüft.“ Schließlich durfte Victor Adamski das erste Mal in ihrer Mitte schwimmen – quasi eskortiert von der Schwanen-Familie. Bis dahin hatte sie einen Riesenrespekt vor den Schwänen und ihren mächtigen Flügeln gehabt: „Doch diese Angst war auf einmal völlig verschwunden.“ Als besonders rührend empfand sie es, als die Schwäne ihr den flaumigen Nachwuchs vorführten. Und damit noch nicht genug der gefiederten Nachbarschaft: „60 bis 100 Enten, vor allem Haubentaucher, tummeln sich um das Boot“, erzählt Victor Adamski.

Seit Jahren schon hatte die gebürtige Kölnerin Lagen an Berliner Gewässern sondiert, bis sie sich für ein Hausboot entschied. Bereits als Kind habe sie Menschen bewundert, die in ihren schwimmenden Häusern auf dem Rhein lebten. „Es sollte aber kein Bungalow auf dem Wasser sein“, erklärt sie. Sondern ein tatsächlich fahrbares Boot. Sie habe nun mal eine Neigung zum Maritimen.

Durch den Kontakt zu einem holländischen Bootsbauer kam sie auf die Idee, nichts Fertiges zu übernehmen, sondern sich ihr schwimmendes Bootshaus individuell bauen zu lassen. So kam es zur Zusammenarbeit mit dem Berliner Unternehmen FHG floating house, das schwimmende Häuser und Hausboote – per Definition Sportboote mit schwacher Motorisierung – entwickelt und baut. „Man braucht Gesprächspartner mit Erfahrung, um ein Bootskonzept zu entwickeln“, sagt Victor Adamski. „Es muss viel mehr bedacht werden als bei einem Hausbau auf dem Land, und man muss genau wissen, was man will.“

Ablegen ist leicht möglich

Sie selbst wollte kein Luxuswohnen auf dem Wasser, sondern „ganz nah am Element sein“. Ihr 13-jähriger Sohn war von dieser Aussicht ebenfalls begeistert. „Er paddelt, so oft es das Wetter zulässt“, erzählt seine Mutter. Auch ihr früherer Ehemann und heutiger Freund Hans Peter Adamski, Maler und Grafiker und viele Jahre Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden, unterstützte ihren Plan.

Michéle Victor Adamskis Floating House ist autark, also unabhängig von den Systemen an Land. Es ist 14 Meter lang, sechs Meter breit, gut isoliert und bietet 40 Quadratmeter Wohnfläche. Auch das mit einer Glasfaserhaut überzogene Dach können die Bewohner nutzen. Dort erholt sich die Mutter im Liegestuhl und der Sohn springt ins Wasser, stets unter interessierter Anteilnahme des Dalmatinerrüden Malko – dessen Name übrigens von dem des Schauspielers John Malkovich abgeleitet ist, den Michéle Victor Adamski verehrt. Um mit ihrem Haus auch ablegen zu dürfen, hat Victor Adamski die Prüfung für den Bootsführerschein abgelegt.

Das Steuer für die Kapitänin befindet sich auf der rechten Seite im Wohnzimmer. Das Ablegen ist leicht, es müssen nur die Seile, mit denen das Boot steuerbord vertäut ist, gelöst werden. Verankert ist das Hausboot nicht. „Meine Philosophie ist angelehnt an die Konstruktion eines Katamarans“, sagt Victor Adamski. „Das Bootshaus liegt auf zwei Schwimmern aus dem marinetechnischen Leichtbau“, erzählt sie. „Es handelt sich um eine hochwertige Camping- und Bootsbauausrüstung, sie macht das Boot unsinkbar. Man kann die Schwimmer aus festem Blech sogar als Ablage und Vorratskammern nutzen.“ Bei stärkerem Wellenschlag sei ein leichtes Schwanken des Bootes zu spüren. Und bei Sturm? „Ich war während eines Orkans an Bord, ein großartiges Gefühl, das mitzuerleben.“

Die Kosten für die Grundversion des Floating Houses beliefen sich auf 170.000 Euro. In diesem Jahr stehen erste Sanierungsarbeiten an, auch will die Eigentümerin ihr Hausboot optimieren. So reicht zum Beispiel die Kaminheizung nicht für kalte Winter, also wird eine Fußbodenheizung eingebaut.

Das nicht landverbundene Boot hat einen Wassertank für das aus Seewasser umgewandelte Trinkwasser (bis zu 1000 Liter). Und es verfügt über einen Grauwassertank für das Brauchwasser und die Bio-Fäkalien-Anlage. „Biologisch sind wir hier auf dem modernsten Stand“, sagt die Besitzerin. Zum Energiesystem gehört die Stromzufuhr aus einem Transformator am Steg und Gas aus Flaschen zum Kochen. „Mit Strom zu heizen ist aber auf Dauer zu teuer, ich will umstellen auf eine Solaranlage und Holzpellets für den Kamin.“

Michéle Victor Adamski nutzt ihr Floating House als Zweitwohnung, später soll es einmal ihre Erstwohnung werden. Inzwischen weiß sie, was sie tun muss, um alles in Funktion zu halten. „Nach 48 Stunden muss neue Energie jeder Art her, das darf nie in Vergessenheit geraten. Am besten, man kennt sich mit jeder Schraube aus.“

Gelegentlich kommt sie mit Klienten aus ihrem Mentalstudio aufs Boot, die hier völlig entspannten, sagt Victor Adamski. Sie vermietet das Floating House auch an Bekannte, Künstler, Schauspieler oder Politiker aus dem Bundestag. „Unsere Lage an der Havelchaussee, einige hundert Meter entfernt von der Heerstraße, ist optimal. Mit dem Auto ist man in zehn Minuten in Charlottenburg, mit dem Fahrrad in einer halben Stunde.“ Die Autos auf der Stößenseebrücke sieht man, hört sie aber nicht.

Reger Verkehr im Sommer

Ohnehin herrscht auf der Terrasse und dem Dach völlige Stille, nur an heißen Sommertagen gibt es regen Schiffsverkehr auf der Havel und den angrenzenden Seen. „Nach Einbruch der Dunkelheit wird es finster, und scheint der Mond, glänzt das Wasser wie eine Ölfläche.“

Den Räumen hat die Besitzerin Namen gegeben. „Wasserfall I“ und „Wasserfall II“ sind die Bäder, „Windschläfer“ heißt das Schlafzimmer, und im „Fischrosenzimmer“, einem der Wohnräume, stehen eine Couch, ein kleiner Schreibtisch, und an den Wänden hängen maritime Bilder.

Das Wohnzimmer ist lichtdurchflutet. Am Couchbett steht eine Seemannskiste, auf der einen Seite grenzt die Küchenfront, auf der anderen ein Regal mit Büchern den Raum ab. Wie eine hübsche Puppenstube wirkt das Hausboot. Kaum zu glauben, dass man darin auch über die 400 Kilometer langen Wasserwege rund um Berlin und Potsdam schippern kann.