Penthouse

Wohnung auf einer alten Klinik

Für Margrit Simon und Michael Gnatzy hat sich in Kreuzberg ein Traum erfüllt – auf dem Dach eines ehemaligen Krankenhauses

Wenige Schritte vom Verkehrslärm der Urbanstraße entfernt öffnet sich hinter einem schmiedeeisernen Portal eine Oase der Ruhe. Zwischen sanierten gelben Klinkergebäuden liegen Wiesenflächen und Beete, Sträucher zeigen erste Frühjahrsknospen. Vogelgezwitscher mischt sich mit Kinderlachen vom hügeligen Spielplatz in der Mitte der Fläche zwischen den rechteckig angeordneten Gebäuden. Die Menschen, die hier wohnen oder arbeiten, grüßen einander. Von der Ostterrasse ihrer Dachgeschosswohnung haben der Anwalt Michael Gnatzy und die Ärztin Margrit Simon den besten Überblick über die grüne Wohnanlage „Am Urban“. „Manchmal vergesse ich fast, dass wir hier mitten in der Großstadt leben“, sagt Michael Gnatzy. „Das Leben ist beschaulich wie in einem kleinen Dorf, wo man die Nachbarn kennt.“

Von der Wohnung ganz oben können Simon und Gnatzy nicht nur den Blick über die fast dörfliche grüne Idylle schweifen lassen, sondern vor ihrer Westterrasse auf der anderen Seite fächert sich die Stadtlandschaft auf. Der Fernsehturm scheint zum Greifen nah, in der Ferne gleitet ein spielzeuggroßes Flugzeug auf die Tegeler Landebahn, und direkt hinter dem Haus schimmert der Landwehrkanal durch eine Baumreihe.

Nur der Betonkoloss des Urban-Krankenhauses hinter dem benachbarten Park wirkt auf den ersten Blick klobig. Margrit Simon und Michael Gnatzy haben den Bettenturm mittlerweile geradezu ins Herz geschlossen, wie einen vertrauten Nachbarn. „Nachts wirkt das Gebäude wie ein großes Containerschiff, die beleuchteten Fenster bieten ständig neue Lichtspiele“, schwärmt Michael Gnatzy beim Blick über die Baumwipfel.

Von einer Wohnung ganz oben hatte das Paar schon lange geträumt. „Wir haben viele Jahre unter ‚Klaviertramplern‘ gewohnt, die sich am Instrument versuchten und geräuschvoll fortbewegten“, begründet die Ärztin die Suche nach einem Domizil ganz oben. So stießen sie 2009 auf die damals bereits gegründete Baugruppe „Wohnen am Urban“, die die Altbauten des benachbarten Urban-Krankenhauses erworben hatten. Auf dem ehemaligen Verwaltungsgebäude gab es noch ein Dachgeschoss, das zwar kompliziert zu bauen war, dessen Lage aber genau den Wünschen des Paares entsprach. Ein Jahr später trat Michael Gnatzy als einer der Geschäftsführer der Urban KG aktiv in die Bauplanung des Gesamtprojekts ein.

Das ehemalige Verwaltungsgebäude mit dem Dachgeschoss der Familie Gnatzy-Simon baute der Architekt Klaus Meibohm um. Er legte besonderen Wert darauf, die alten Materialien zu verwenden und die damaligen Funktionen wieder sichtbar zu machen. So ist die Treppe mit ihrem schmiedeeisernen Geländer und den Stufen aus Lausitzer Granit original so hergestellt wie einst zwischen den Krankensälen. Im Untergeschoss ist noch die frühere Toreinfahrt für die Pferdekutschen mit den Patienten erkennbar. Heute ist sie verglast und dient einer Familie als Wohnküche.

Probleme beim Ausbau

Der ursprüngliche Granitbordstein der Zufahrtstraße ist ins Eichenparkett des Fußbodens eingebettet und ein besonderer Blickfang. Daneben galt es, die Vorgaben des Denkmalschutzes zu respektieren. Das machte insbesondere die Dachaufbauten schwierig. So durfte der obere Mauerabschluss ebenso wenig angetastet werden wie die Fenster. Das Dach wurde um mehr als einen Meter angehoben, so dass die oberen Räume auf eine Höhe bis zu 3,40 Meter aufsteigen.

Bei Margrit Simon und Michael Gnatzy öffnet sich ein lichtdurchfluteter moderner Dachaufbau über den Wipfeln der Bäume. Der Innenarchitekt Thomas Bender hat den Räumen mit Formen und Farben klare Strukturen gegeben. Weiß ist die Farbe der Wohnräume, deren Entrée die Küche darstellt. Neben einem Küchentisch mit modernen bunten Stühlen entwarf Bender einen leuchtend violetten Arbeitstisch, so dass sich zwei begeisterte Köche nicht in die Quere kommen. „Die Raumaufteilung entstand nach vielen abendlichen Essen, bei denen wir über unsere Tagesabläufe und Bedürfnisse gesprochen haben“, berichtet Michael Gnatzy.

Danach wurden die Räume, in denen sich Gäste aufhalten, an der westlichen Seite der Wohnung angeordnet. Fließend gehen Esstisch, Sitzecke und Lesezimmer mit bequemen Ledersesseln am Kamin ineinander über bis zu einem eingebauten Bücherregal, das die Längsseite der Wohnung bedeckt. Über eine Stufe ist eine Nische mit einem Lümmel-Sofa zu erreichen, der Raum mit farbenfrohen maurischen Kacheln und einem türkischen Hochzeitsteppich neben der Terrasse dient der Erholung sowie zum Träumen und kann durch eine Schiebetür als Gästezimmer abgetrennt werden.

Graue Wandelemente ziehen sich durch den kompletten Wohnraum und markieren die Rückzugsbereiche an der Ostseite. Drei raumhohe Schiebetüren bilden entweder Sichtachsen oder grenzen den Wohn- vom Schlafbereich ab. Dabei ist eine Wand nach dem Konzept von Thomas Bender nicht allein ein tragendes oder trennendes Element, sondern erfüllt stets noch eine zweite Funktion als Regal, Kammer oder Einbauschrank.

„Es gibt keine funktionslosen Wände. Das Raumkonzept begeistert mich“, sagt Margrit Simon stolz. Gleichzeitig schaffen die Schiebeelemente Flexibilität, wenn zum Beispiel Michael Gnatzy die Ruhe an seinem Schreibtisch braucht. Wenn eine Abendgesellschaft oder Übernachtungsgäste geladen sind, können nach Bedarf Räume abgetrennt werden.

Jeder Zentimeter Staufläche wird genutzt, denn immerhin sind drei Sammlungen unterzubringen. In einer Kammer vor den Arbeitszimmern haben ein Archiv und die Modellautos von Michael Gnatzy ihren Platz. Außerdem hat der Anwalt dort noch eine Modelleisenbahn-Kollektion nebst kleiner Schienen-Teststrecke versammelt. „Mein Fenster in die Vergangenheit“, gibt der Jurist zu.

Eine Klappe nach unten im Fußbodenpodest öffnet sich zudem zu einem Mini-Weinkeller. In der Küche fand die gemeinsame Keramiksammlung im offenen Regal des Arbeitstisches ihren Platz. Fließend gehen die Räumlichkeiten mit den Schreibtischen in ein Bad über, das nach Wunsch geschlossen werden kann. Von Waschbecken und Wanne hat man einen weiten Blick gen Osten auf die Klinkerbauten der Nachbarschaft und den Spielplatz mit seiner Grünanlage.

Die Nachbarn kennen sich

Dort treffen sich nicht nur Kinder, sondern auch ihre Eltern. Mit den ersten Sonnenstrahlen werden dann schon die Boccia-Kugeln ausgepackt, und die Nachbarn verabreden sich zu einem Spiel. Nach vielen gemeinsamen Sitzungen bei der Baugruppe kennt man sich – und redet in den meisten Fällen noch miteinander.

Problemlos fügen sich die Tagesklinik in einem der Gebäude und die Teilnehmer aus anderen sozialen Projekten ein. „Unser Gelände hat zwar seine historischen Mauern, ist jedoch offen. Wir kapseln uns nicht vom umliegenden Kreuzberg ab“, sagt Michael Gnatzy. „Die Bewohner sind glücklich mit ihren Wohnungen.“ Auch Michael Gnatzy und seine Frau Margrit Simon haben sich ihr Traumschloss gebaut – mit Blick über die Stadt.