Stil

Ein Leben für die Kunst

Bei Andreas Golder ist das Wohnzimmer der Werkraum. Küche, Bad und Schlafzimmer sind schlicht, aber liebevoll gestaltet

„Optik muss sein“ – so steht es in geschwungener Graffiti-Schrift auf dem kühlen eisernen Tor in der Lehderstrasse und verstellt den Blick auf die verfallene Kondensatorenfabrik dahinter, heute Rückzugs- und Schaffensort des in Berlin lebenden international gefragten Künstlers Andreas Golder, 34.

Es sind nicht die goldenen Zeiten, sondern die unfertigen, immer in Bewegung befindlichen und sich reibenden Momente, die eine Stadt wie Berlin und ihre Menschen ausmachen. Das Unfertige ist es auch, was Andreas Golder antreibt und wieder loslassen lässt, bevor es fertig ist. „Nicht nur alle Menschen sind Künstler, auch alle Künstler sind Menschen“, zitiert er den Maler Martin Kippenberger, setzt sich die Affenatemschutzmaske auf und leitet über zu Hermann Hesses Frage: „Auch Affen?“.

Abseits der schon etablierten Berliner Künstlerkieze Kreuzberg und Mitte oder der aufkommenden Potse entwickelt sich nahe am Grenzdreieck Prenzlauer Berg/Pankow/Weißensee eine weitere Oase für kreative Geister. Ruhig, versteckt, fast schon dörflich fühlt sich der Weg entlang der alten Höfe und Fabrikhäuschen an. Nur die allseits vorhandenen bunten Sprayer-Signaturen verraten die Stadt.

Vorbei an einem Steinmetzhof, einem Bildhauer-Atelier, baufälligem Leerstand und einer Werkstatt zum Restaurieren von Oldtimern gelangt man schließlich zum Tor mit der Aussage über Optik. Dahinter ragen links und rechts zwei bleiche Türme der ehemaligen Kondensatorenfabrik empor. Der rechte soll vielleicht einmal ganz oben eine kleines Restaurant beherbergen, sagt Andreas Golder. „Cool wäre es.“

Man muss schon suchen, um die Klingel zu finden, geschweige denn den Namen zu entziffern. Hat man sie betätigt, ertönt kein Summen, keine Gegensprechanlage. Es gilt zu warten, bis die heran nahenden Schritte einen aus der Kälte erlösen und Herr Golder Eintritt ins Innere gewährt. Zunächst in den großen Innenhof, dann in das fast ebenso geräumige Atelier. „Das ist wohl das größte Wohnzimmer Berlins“, sagt er, lacht und drückt uns einen heißen Tee in die Hand.

Modernes Innenleben

Während die Außengebäude in ihrer verfallenen Optik mit den angelaufenen Fassaden, rostigen Leitertreppen und teils wegen Einbruchgefahr versperrten Kellereingänge einen den Zahn der Zeit spüren lassen, so eröffnet sich das Innenleben modern renoviert, freundlich-kühl und reduziert. Wohn-Atelier-Atmosphäre heißt für Andreas Golder so leer wie möglich, damit Raum bleibt. Unfertig eben.

Pinsel, Tuben und Farben dekorieren einer verwühlten Tischdecke gleich den in der Mitte stehenden Holztisch, davor der Malerstuhl. Es riecht nach Arbeit. Die wenigen Möbel, allesamt vom Sperrmüll gerettet, sind geweißt oder in pastellfarbenen Tönen von Hand lackiert. Entlang der nahezu sechs Meter hohen weißen Wände reihen sich ringsum großformatige Bilder. „Was tun gegen Mundgeruch, Herpes & Co“ ist der Arbeitstitel eines der Bilder aus Golders Reihe für eine neue Ausstellung. Wie er zu dem Titel kam, weiß er nicht mehr so genau. „Irgendwo gelesen. Eine Überschrift. Hat mich inspiriert.“

Die winterliche Nachmittagssonne bricht sich leicht ihren Weg durch die Industriefenster und wirft das zackenartige Schattenmuster der Blätter einer einzigen Pflanze, seiner großen Palme, auf den industriellen Lackboden. „Die verschieben wir jetzt.“ Gesagt getan.

Durch die Küche geht es in das großzügige blau geflieste Badezimmer. Der industrielle Charakter lebt hier weiter, auch das Unfertige. Die Bastjalousien sollten vor Monaten schon aufgehängt werden. Erneut trifft unbehandeltes Holz in Form eines großen schönen Spiegels auf kühl glatte Haptik und Optik. Schnell noch wischen, damit wir Fotos machen können, die Palme positionieren.

Irgendwie ist es genau das, was berührt. Sowohl beim Anblick der Bilder und Plastiken von Andreas Golder als auch in seiner erschaffenen Lebensumgebung: Das Einzelne erscheint zunächst etwas verloren, aus seiner Umgebung genommen, mal kühl oder bizarr, aber in seiner losen Gesamtheit vermittelt es ein Ganzes, in der punktuell Sanftheit und Lebendigkeit steckt.

Ausstellung in Kopenhagen

Seit 1997 lebt Andreas Golder in Berlin. Jahre zuvor waren seine Eltern mit ihm aus Ekaterinburg, gelegen im Uralgebirge inmitten von Russland, übergesiedelt. Die Liebe zu einem Mädchen hat ihn dann schließlich nach Berlin geholt. Liebe vergeht, Golder bleibt. Abitur hat er nicht, und mehrfach hat ihn die Universität der Künste (UdK) Berlin wegen „mangelnden Talentes“ abgelehnt, obwohl seine Ausstellungen schon damals ausverkauft waren. Irgendwann klappte es dann doch. „Ich glaubte es erst selbst nicht, aber ich habe dort wirklich etwas gelernt.“

Der Markt holte den jungen Künstler aber schon bald wieder ab. Erste Museums- und Ausstellungsanfragen zum Beispiel aus dem Arken Museum in Kopenhagen sollten inszeniert werden. Kunst ist viel Arbeit, und es galt schließlich, eine Entscheidung zwischen Studium und Ausstellungen zu treffen. Heute vertritt ihn die Galerie Urs Meile in Luzern und Peking sowie Michael Fuchs in Berlin.

Zurück in der Küche, gelangt man von dort über die weiße Leitertreppe auf das Hochbett. Teppich, Matratzenbett, Leselampe und ein eigens entworfener Kommodenschrank, die Türverkleidung aus Leinwand, fertig. Stammt der Teppich im Schlafzimmer aus Russland? „Nein, das ist ein nagelneuer Fake aus Schweden. In Russland mussten wir wirklich alles zurück lassen, von dort gibt es nur mich im Atelier.“

Die Teekanne ist leer. Wir machen uns auf die Suche nach Teebeuteln, finden dabei eine schöne alte Dose und Gläser und dekorieren die Küche um. Es gefällt.

„Einen Apfel?“ „Ja, gerne.“ „Gäste Willkommen“ – steht auf einem der Küchenstühle. Und so fühlt es sich auch an. „Die Küchenablagen habe ich auch selber geschliffen“, sagt Golder. „Sieht wirklich jetzt besser aus mit der Dose und den Gläsern da oben. Ich glaube, ich lasse das so.“

Küchen sind immer ein besonderer Ort. Welche Party oder welchen Gast man auch besucht, alles endet in der Küche.

Während wir den Apfel essen, genieße ich die warme, helle, teils pink-poppige Raum- und Lichtstimmung, verursacht von der Farbwelt eines weiteren Golder-Bildes über der Küchenzeile sowie dem gegenüberliegenden realen Stillleben aus pink-schwarzen Drehstühlen, Rosen und Tisch.

Andreas Golder hat seinen Wirkungsort bewusst ausgewählt. „Das Atelier in Weißensee ist ein idealer Ort zum Arbeiten. Da kommt niemand so schnell vorbei, und Kneipen, in die man gehen würde, gibt es auch nicht. Also Ruhe und Konzentration.“