Inneneinrichtung

Alte Tradition, neue Dekore

Der Orientteppich wird mit neuem Design modernisiert

Der Verband der Deutschen Möbelindustrie spricht bei Wohntrends für das Jahr 2014 von der „neuen Gemütlichkeit“. Was die Hersteller an Möbeln und Wohnaccessoires anbieten, soll besonders warm und wohnlich sein. Das kann man auch bei Bodenbelägen beobachten: Der handgeknüpfte Teppich erlebt eine Renaissance. Zu sehen war das im Januar auf der Teppichmesse Domotex in Hannover.

Teppiche kleiden im modernen Ambiente allerdings nicht mehr als Auslegeware den Boden komplett ein. Als Einzelstücke platziert setzen sie partiell Ausrufezeichen. „In durchgestylten Wohnungen mit hochglanzpolierten Betonböden fühlt sich niemand wohl“, sagt Teppichproduzent Jan Kath. „Teppiche sind ein organisches i-Tüpfelchen, Wohlfühlinseln, die im coolen Interieur heilsam wirken.“

Fertigung in Handarbeit

Zeitgenössische Teppiche sind Vorzeigeobjekte und stehen wie einst der Perser für starke Werteverbundenheit. So werden die Bodentextilien von Jan Kath in Nepal, Thailand, Indien oder Marokko in Handarbeit gefertigt. Bei der Produktion verwenden die Knüpfer hochwertige Materialien wie tibetanische Wolle, chinesische Seide oder Garn aus Brennnesselfasern.

An Produkten mit einer hohen Dichte an Knoten und einer großen Farbvielfalt arbeiten mehrere Knüpfer gemeinsam oft drei bis vier Monate lang. Ihre uralte Handwerkstechnik möchte die Unesco sogar zum Weltkulturerbe erklären. Mit so einem Bodenbelag holt man sich nicht nur mehr Gemütlichkeit in die Wohnung, sondern auch das Produkt einer alten Kunst. „Handgeknüpfte Teppiche stehen für Tradition, Werte, Lebensgefühl“, sagt Hossein Rezvani, Produzent und Gestalter aus Hamburg.

Jüngere Gestalter und Produzenten wie Jan Kath oder Hossein Rezvani setzen aber nicht nur auf das Alte. Bei der Gestaltung bewegen sie sich in der Gegenwart: Rezvani nimmt Motive des klassischen Orientteppichs und verfremdet sie am Computer. Zurück bleiben nur noch Spuren der traditionellen Motivwelten. Es entstehen abstrakte Muster, die Ost und West auf neuartige Weise verbinden.

Seit einigen Saisons haben viele Händler Bodenbeläge im Vintage-Look mit abgewetzten Mustern im Programm. Um sich von dieser Modewelle und von billigen Kopien abzusetzen, suchen die Designer nun verstärkt nach neuen Motiven. Arman J. Vartian aus Wien lässt seine Teppich-Kollektion von bildenden Künstlern gestalten. „Die zeitgenössische Architektur arbeitet mit viel Glas, da hat man kaum Fläche, um Kunst aufzuhängen“, sagt Vartian. „Mit dem Teppich lege ich die Kunst auf den Boden.“

Auch Jan Kath zeigte auf der Domotex außergewöhnliche Motive. Die Reihe „Heiter bis wolkig“ ist inspiriert von der Landschaftsmalerei des Barocks. Bei der Kollektion „From Russia with love“ setzt Kath florale Muster aus der russischen Folklore ein. Der holländische Designer Bertjan Pot sucht bei seinen „Triangles“-Teppichen für Golran ebenfalls nach einem anderen Umgang mit der Tradition. „Ich wollte nicht mit den romantischen Motivwelten aus dem Orient arbeiten“, sagt der Absolvent der Designakademie in Eindhoven. Pots Teppich besteht aus Dreiecken in unterschiedlichen Farben und Materialien. Die Serie erinnert an die Geschichten aus „Tausendundeiner Nacht“, ebenso an die Motivwelt der Op-Art der 70er-Jahre oder die Muster des Designers Verner Panton.

Neue Wege geht auch das Unternehmen Reuber-Henning. Bei der Serie „Stripes“ arbeiten die Berliner mit Streifenmustern, die am Computer erstellt werden. Es entstehen nie da gewesene Farbkombinationen, bei denen das menschliche Empfinden für Harmonien komplett ausgeschaltet ist. Die Produktreihe „Lost in Translation“ ist in blassen Farben gehalten und bedient sich floraler, verwischter Motive. Diese Art der Gestaltung wirkt sehr zeitgenössisch, ohne auf Spuren der Tradition zu verzichten.