Architektur

Der Himmel über Friedrichshain

Constanze Larcher und Gregory Zirngibl haben in ihrem Loft die ideale Bühne für Kunst und erlesenes Mobiliar geschaffen

In der ruhigen Seitenstraße der Frankfurter Allee in Friedrichshain scheint sich auf den ersten Blick seit Wendezeiten nicht viel getan zu haben. Obwohl in den vergangenen Jahren schon Altbauten saniert wurden, sehnen sich viele der um 1900 erbauten Mehrfamilienhäuser nach umfassender, stilgerechten Sanierung und einem neuen Anstrich.

Das gilt von außen betrachtet auch für das fünfstöckige Gebäude, in dem die Innenarchitektin Constanze Larcher, 45, und ihr Mann, der Verleger und Galerist Gregory Zirngibl, 50, vor vier Jahren ihren Traum von einem Leben über den Dächern von Berlin verwirklicht haben. Doch wer durch das bislang unsanierte Treppenhaus vorbei an jeweils vier rot gestrichenen Wohnungstüren auf jedem Stockwerk zum Dachgeschoss in der fünften Etage zum 300 Quadratmeter großen Loft des kreativen Paares vordringt, wähnt sich in einer anderen Welt. Schon von der Haustür aus gleitet der Blick über ein weites, scheinbar nicht enden wollendes Loft im Industrial Chic. So sieht Understatement aus.

Ein Raum mit Inseln

Constanze Larcher begrüßt ihre Gäste mit ungekünstelter Herzlichkeit: „Mein Mann ist noch mit unserem Hund unterwegs“. Ein erster Rundgang offenbart den Grundriss: Zwischen dem Zimmer von Sohn Philippe, 10, und dem elterlichen Schlafzimmer an jeden Enden des Lofts sowie einem Badezimmer im Eingangsbereich erstreckt sich der offene Raum mit unterschiedlichen Wohninseln: Dazu zählen die Art-Deco-Bar im Eingangsbereich, die Profiküche mit Gastro-Mobiliar, der großzügige Essbereich hinter dem ehemaligen Schornsteinzug, wo sich Familie und Freunde zum geselligen Miteinander versammeln, sowie mehrere Sitzecken für unterschiedliche Gelegenheiten. Das Chesterfield-Sofa dient dem gemütlichen Rückzug mit der Sonntagszeitung, die Fernseh-Ecke befindet sich in einem ruhigen Winkel hinter der Küche, und die Corbusier-Sitzecke eignet sich vor allem für angeregte Diskussionen mit mehreren Besuchern.

Der Fußboden aus hellgrauem, unpolierten Beton zieht sich konsequent durch alle Räume, wie ein erster Rundgang offenbart. Hohe Fenster mit Aluminirahmen und das unverputzte Mauerwerk an vielen Stellen des Raumes bilden den ebenso puristischen wie stilvollen Rahmen für die Inszenierung zahlreicher Kunstwerke und Objekte.

Bis zur Ankunft ihres Mannes – „er kann die Kunstwerke besser erklären als ich“ – bittet die Hausherrin an den schweren Esstisch von Colombo mit Eisengestell und einer eingelassenen Keramikplatte. Sie sei Anhängerin des Feng Shui, bekennt Constanze Larcher, während sie den Kaffee serviert. Der chinesischen Energielehre zufolge, so die Architektin, soll ein Familientisch stabil und unverrückbar sein. „Nur so vermittelt er den Menschen ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit und bewahrt die Gemeinschaft vor dem Auseinanderbrechen.“

Das abstrakte Gemälde über dem Tisch an der Wand des verputzten Kaminschachts stammt von der jungen Künstlerin Undine Bandelin aus Halle. Es zeigt ein zerfetztes Insekt. Zu dem Werk hätten sie und ihr Mann eine fast spirituelle Beziehung. Es hing lange nur ein paar Straßen vom jetzigen Wohnort entfernt in der ersten Berliner Wohnung des Paares, in der es nach dem Umzug aus der Schweiz mehrere Jahre lang lebte. Eines Tages hatten sie die Idee, die Künstlerin zu sich einzuladen, damit sie ihr Werk in seiner neuen Umgebung bewundern könne. „Es stellte sich dabei heraus, dass die Malerin vor uns in diesem Haus gelebt hatte. Da fällt es schwer, nicht an Schicksal zu glauben“, sagt Constanze Larcher.

Die Tür springt auf, herein stürmen Mann und Hund: Gregory Zirngibl hat mit dem familiären Neuzugang Anton, einem Boxerwelpen, die morgendliche Gassirunde hinter sich gebracht. Wie immer hat der Hausherr dank jahrelangen und täglichen Trainings die vielen Treppen ohne Anstrengung genommen. „Als wir uns entschieden hatten, den Dachrohling zu erwerben, war der Lift natürlich eine Option“, sagt Gregory Zirngibl, „doch wir sahen davon ab, da wir nicht nur die meisten Baukosten, sondern auch die Mehrheit der laufenden Kosten hätten übernehmen müssen.“ Vom Bauamt her ist der Bau eines Liftes möglich, auch wenn der noch vorhandene Milieuschutz die Umlegung der Kosten auf die Mieter erschwert. „So machen wir aus der Not eine Tugend und sparen die Kosten für das Fitnessstudio“, sagt Gregory Zirngibl lachend.

Thema Gentrifizierung

Das Paar sieht sich im Spannungsfeld der Gentrifizierung, es bekommt den Kampf des Milieus, deren Bewohner keine Mieterhöhungen zur Finanzierung längst überfälliger Sanierungen akzeptieren wollen, hautnah mit. Gregory Zirngibl treibt das Thema um, es regt ihn auf. Er macht keinen Hehl daraus, dass er das „berechtigte Interesse“ der Investoren auf einen „Return on Investment“ vorbehaltlos teilt. „Es ist doch ein Irrsinn zu glauben, dass ein privater Investor in ein Gebäude investiert, wenn er die Miete zur Refinanzierung der Sanierungskosten nicht erhöhen darf. Es kann nicht sein, dass wertvolle Bausubstanz und historische Gebäude auf diese Weise langsam verrotten, da kein privates Interesse besteht, die Häuser zu sanieren und der öffentlichen Hand das Geld dafür fehlt.“

Mit dem Neuaufbau des Dachgeschosses hat das Paar die Interessen beider Seiten bedient: Zum einen haben Larcher und Zirngibl ihren lang gehegten Wohntraum verwirklicht, zum anderen profitieren die anderen Mieter – dank perfekter Isolation – von mehr Wohnkomfort und niedrigeren Heizkosten. „Das Dach war an vielen Stellen undicht, eine Renovierung machte keinen Sinn, es kam daher nur ein kompletter Neuaufbau in Frage“, sagt Gregory Zirngibl.

Dann bittet er zum Rundgang durch die Galerie erlesener Möbel und Kunstwerke. Jedes Stück verrät: Constanze Larcher und Gregory Zirngibl sind radikale Puristen, Ästheten und Liebhaber des Authentischen. Alle Möbel sind ausnahmslos Originale, so auch am Esstisch die orangefarbenen Armlehnstühle „Casalino“ aus den späten 60er Jahren des deutschen Designers Alexander Begge. Wegen ihrer organischen Form und der konsequenten Verarbeitung von durchgefärbtem Kunststoff zählen sie zu den großen Klassikern der Moderne. „Nachbauten haben niemals die gleiche Ausstrahlung wie Originale, denn ihnen fehlt die Aura der Entwicklung “, sagt Gregory Zirngibl.

Erinnerung an die Schweiz

Ein Unikat ist die Memphis-Lampe von Ettore Sottsass in Form eines Wolkenkratzers, bei der „Pilzlampe“ im Schlafzimmer handelt es sich sogar um den Prototypen der Serie. Die gusseiserne Industrielampe in Form eines umgedrehten Kanus über dem Tisch hing einst in einem volkseigenen Betrieb in Magdeburg, die antike Kuchenvitrine ist ein Andenken an die alte Heimat Schweiz. Dort hatten Constanze Larcher und Gregory Zirngibl ein altes Gasthaus bewohnt und nebenher betrieben. „In der Vitrine hatten wir sonntags den hausgemachten Kuchen ausgestellt, und sie erinnert uns heute täglich an eine sehr schöne Zeit in unserem Leben“, sagt Constanze Larcher.

Bodenständig, funktional und von industriellem Charme ist die Gastro-Küche aus verschiedenen Edelstahl-Elementen und farblich perfekt darauf abgestimmten Haushaltsgeräten. Hier steht vor allem der Hausherr am Herd. „Kochen ist ein Teil meines Lebens“, sagt Gregory Zirngibl.

Besonders wortreich und leidenschaftlich erklärt der Galerist seine umfangreiche Kollektion zeitgenössischer Kunst. Sie reicht von Werken des Malers K.R.H. Sonderborg über Richard Stipl, Herbert Mondry und Julian Opie bis zu einigen Chinesen, die Zirngibl während seiner Zeit in Hongkong kennengelernt hatte. Mit jedem Kunstwerk verbindet der Sammler eine persönliche Geschichte, überhaupt hat Kunst für das Paar eine lebenswichtige Funktion: „Wir brauchen die tägliche Auseinandersetzung damit wie die Luft zum Atmen.“

Trotz der weiten und hohen Räume ist es so warm, dass der Gastgeber ein kurzämliges T-Shirt trägt. Das angenehme Raumklima, so Zirngibl, sei Resultat der guten Isolation von allen Seiten. Zu Beginn ihrer dreimonatigen Bauphase hätten sie den Dachboden neu aufgebaut. In die Zwischenräume kam hochwertiges Isolationsmaterial, der Holzboden wurde mit tausenden Schrauben versehen, die sich mit der ersten dünnen Betonschicht verbanden. Darüber kam eine Fußbodenheizung mit drei Heizkreisen.

Dank der darüber liegenden zweiten, nur wenige Zentimeter dicken Betonschicht gelangt die Wärme ohne großen Widerstand an die Oberfläche. „Wir können jeden Bereich von der Küche und Essecke über Wohn- und Schlafzimmer individuell und ohne großen Energieverlust beheizen“, sagt Gregory Zirngibl. Die Wände der neuen Außenmauern bestehen aus einem 30 Zentimeter dicken Doppelschalenmauerwerk. Dank derart perfekter Isolierung sowie zweifach verglaster Qualitätsfenster seien die Heizkosten auf diese Weise mit rund 70 Euro pro Monat „sensationell niedrig“.

Zum Schluss geht es auf die Dachterrasse. Der Blick ist grandios. Bald schon dürfen sich andere Bewohner über dieses Privileg freuen: Um mehr Platz für seine Kunstsammlung zu schaffen, plant das Paar noch in diesem Frühjahr einen Umzug in eine alte Fabrik am Spreeufer. Das Loft wollen sie verkaufen oder vermieten.