Raumkonzept

Wo ein Nomade sesshaft wurde

Vor fünf Jahren erwarb Gary Lin ein Penthouse in Prenzlauer Berg. Bis dahin war sein Leben rastlos – das änderte sich dort

Gary Lin ist ein weit gereister Mann. Er lebte bereits in New York, San Francisco, Los Angeles, Sao Paolo und Hongkong. Seit fünf Jahren wohnt er nun in Berlin. „So lange lebte ich noch in keiner Stadt der Welt. Berlin ist der Ort, an dem ich noch mehr Wurzeln schlagen möchte“, sagt Lin. Der 38-jährige Gründer einer Online-Marketing-Firma mit Sitz am Hackeschen Markt in Berlin-Mitte hat im benachbarten Bezirk Prenzlauer Berg sein privates Domizil gefunden – in einem geschichtsträchtigen Teil des Stadtbezirks an der Bernauer Straße, an der vor der Wende Ost und West aufeinanderprallten. Dort steht, flankiert von zwei Altbauten, ein Neubau, wie man ihn inzwischen oft in dem Stadtteil findet: nüchtern und funktional, mit großen Fensterflächen.

Konzept der Abtrennung

Dieses zeitlose Design setzt sich auch im Innern fort. In seiner Penthouse-Wohnung im fünften Stock des Gebäudes lebt der gebürtige Amerikaner auf knapp 300 Quadratmetern Wohnfläche, inklusive riesiger Dachterrasse. Wie das Haus von außen, so wirkt auch die Wohnung sehr aufgeräumt. Nur wenige persönliche Dinge finden sich verteilt in der Wohnung. Es dominieren große Flächen, hinter geschlossenen Türen und Schränken ist der Alltag verborgen.

An den Eingang schließt sich direkt das Wohnzimmer mit einem Kamin und großer Couch an. Dann geht es ein paar Stufen hinauf zur Küche und zu weiteren Räumen, darunter drei Bäder sowie die Schlafzimmer. Eines der Badezimmer ist besonders weitläufig gestaltet – etwas, das Lin sehr wichtig ist. Das ganz Spezielle an der Wohnung aber ist, dass verschiedene Teile durch Schiebetüren voneinander abgetrennt werden können. „Ich mag es offen und weitläufig, aber auch, wenn man sich mal ins Private zurückziehen kann. Und so habe ich auch das Konzept für die Wohnung gewählt“, sagt Lin. Vom offenen Wohnzimmer zieht sich die Wohnung so immer weiter zurück, bis sie schließlich in der Privatheit des Schlafzimmers endet. Lin mag den Spagat zwischen Weitläufigkeit und Zurückgezogenheit – dass man die Wohnung mit einem Blick erfassen kann, jedoch nicht alles auf einmal sichtbar ist.

Eine derart auf das Minimalistische reduzierte Wohnungseinrichtung lässt vor allem Raum für eines: eigene Gedanken – ein Ort, an dem sich die eigene Kreativität entfalten kann. Und das ist es dann auch, was Lin nicht nur an seiner Wohnung, sondern an Berlin generell fasziniert. „Im Gegensatz zu vielen anderen Städten auf der Welt gibt es in Berlin besonders viele kreative Menschen. Stets trifft man vor allem in diesem Teil Berlins auf Menschen, die etwas Eigenes entwerfen oder entwickeln“, sagt Lin. In der deutschen Hauptstadt sei dies ausgeprägter als in anderen Städten, in denen er bisher gelebt hat.

Lin hatte die Wohnung vor fünf Jahren gekauft, als sich das Haus noch im Bau befand. Bevor Gary Lin in sein Penthouse einzog, hatte er in einem Loft in Berlin-Mitte mit hohen Decken gewohnt, und anfangs fiel es ihm auch schwer, auf eben jene hohen Decken zu verzichten. „In Berlin aber ist es sehr schwer, ein Loft zu finden, das an interessanter Stelle liegt und die Eigenschaften eines gelungenen Altbaus mitbringt“, sagt er. Nun aber fühlt er sich in seiner neuen Wohnung sehr wohl, auch mit nicht ganz so hohen Decken.

Räume für Firmenkunden

Vor allem seine Kreativität hat sich denn auch in seiner Wohnung manifestiert. „Ich habe damals immer wieder Grundrissänderungen vorgenommen und mich selbst in die Gestaltung der Wohnung eingebracht“, sagt er. Seine Wohnung ist für ihn auch ein Ausdruck seiner selbst. Jahrelang lebte er schließlich immer nur ein paar Jahre in einer Stadt, bevor er wieder umzog. So wirkt auch diese Wohnung, als könnte er jederzeit wieder seine Zelte ab- und erneut in die weite Welt aufbrechen.

Das ist ein Gedanke, der sich auch in weiteren Räumen fortsetzt, die Lin dazu nutzt, Firmenkunden aus aller Welt privat und doch mitten im Leben in der Innenstadt unterzubringen. „Nomads-Apt.“ hat er die Räume getauft, die auf das ungebundene Leben Lins hinweisen, auch wenn er nun in Berlin heimisch werden möchte. Auch diese Räumlichkeiten sind sehr nüchtern eingerichtet. Ein großes Zimmer ist durch ein paar Stufen vom Rest abgesetzt. Und auch hier ist vieles hinter Klapptüren und in Schränken versteckt, sodass die Zimmer funktional und durchdesignt wirken. Gleichzeitig stehen als wiederkehrendes Element überall alte Koffer – eine Anspielung auf Lins bislang rastloses Leben. In den Räumen finden sich darüber hinaus viele Vintage-Elemente, also Dinge aus vergangenen Zeiten, die der Wohnung einen lebendigen Charakter verleihen sollen.

Mehr noch: Verschiedene Gegenstände aus unterschiedlichen Richtungen versammeln sich in den einzelnen Zimmern. So wurde für Regale zum Beispiel Holz aus den österreichischen Alpen verwendet, in einer Ecke steht ein alter Filmscheinwerfer aus den 50er-Jahren, die Vorhänge bestehen aus französischem Leinen, und ein großer Ledersessel lädt zum Entspannen ein. Mit diesen alten Gegenständen möchte Lin den Räumen einen ungewöhnlichen Charakter verleihen. Gleichzeitig finden sich sportliche Geräte in allen Zimmern, wie beispielsweise ein Sandsack, der im Wohnzimmer von der Decke baumelt. Passend dazu liegen neben dem Sofa Boxhandschuhe, im Badezimmer steht eine alte Bank aus einer Sportler-Umkleidekabine, und darunter liegt ein alter Medizinball. Eingerichtet wurden alle Räume von den beiden Berliner Designern Annabell Kutucu und Michael Schickinger. „Freunde und Geschäftspartner in einem Hotel unterzubringen, war mir zu unpersönlich. Hier sollen sie Geborgenheit finden“, sagt Lin.

Eine Hommage an Berlin

Vor allem schwarze, braune und weiße Farben dominieren die Wohnräume, dazwischen finden sich immer wieder einmal rote Farbtupfer. Ungewöhnlich ist vor allem auch die Decke. Sie ist ganz in Schwarz gehalten und bedeckt mit Zitaten aus dem Lied „Heroes“ von David Bowie, einem Lied, das der Musiker geschrieben hat, als er noch selbst in Berlin lebte. Auf diese Weise finden sich immer wieder Reminiszenzen an die Hauptstadt, ohne plump zu wirken. Lin: „Die Wohnung soll insgesamt eine Hommage an Berlin sein.“ Dafür sorgt zum Beispiel auch eine riesige, im Schlafzimmer aufgemalte Berlin-Karte.

Nur einen Wermutstropfen gibt es dann eben doch, nämlich den, dass Lin neben seiner Arbeit als Inhaber einer Online-Marketing-Firma nicht genug Zeit hat, den vielen Platz ausgiebig zu nutzen. Sein Anspruch für das „Nomads-Apt.“ aber ist eindeutig: „Ich will mit meiner Wohnung zeigen, wie schön es in Berlin ist.“ Es scheint, als bliebe der Amerikaner noch eine ganze Weile in der Stadt.