Prenzlauer Berg

Riesenaltbau statt New Yorker Loft

Im Winsviertel in Prenzlauer Berg lebt die vierköpfige Familie Bördner/Gaab in acht Zimmern. Alternative wäre nur der Big Apple

Als sie im Jahr 2000 hier einzogen und ihren alten Tisch in ihre neue riesige Küche stellten, fragten sie sich: „Wo ist der denn abgeblieben?“ Der Tisch habe total verloren gewirkt, sagt Christiane Bördner von ihrem Einzug in eine Altbauwohnung im Winsviertel, Prenzlauer Berg. Also wieder raus damit – und her mit etwas Größerem. „Hier muss man in anderen Dimensionen denken“, sagt Bördners Mann, Marcus Gaab.

Und das inzwischen noch einmal mehr: Denn vor knapp zwei Jahren hat das Paar, das dort mit den Kindern Aaron, 13, und Zarah, 6, lebt, die Nachbarwohnung dazugemietet und eine trennende Wand von ihrem Wohnzimmer ins ehemalige Nachbarwohnzimmer herausreißen lassen. Über 250 Quadratmeter kann die Familie seitdem verfügen: Das sind acht Räume – von denen sie für zwei noch gar keine endgültige Bestimmung gefunden hat.

Der so genannte Nordflügel gehört fast vollständig den Kindern. Nur mit Besuchern, die im Gästezimmer (der ehemaligen zweiten Küche) übernachten, müssen sie sich hin und wieder arrangieren. Aber da es sich dabei oft um die Oma handelt, macht ihnen das wenig aus.

Christiane Bördner ist Art Direktorin, Marcus Gaab Fotograf. Sie arbeiten zusammen: Bördner gestaltet Sets für Firmenkunden, die ihre Mode, Designartikel, Möbel oder Kunst in Szene gesetzt sehen wollen. Gaab fotografiert. In Eigenregie bringen sie auch Magazine heraus. Über Mode zum Beispiel und übers Reisen. „Unser Weg ist eine Mischform aus Agentur und Redaktion“, sagt Christiane Bördner.

Lebensmittelpunkt Küche

Seit 20 Jahren sind die beiden privat wie beruflich ein Team: Auf einer Erstsemesterparty an der Essener Folkwang-Universität haben sie sich kennengelernt. Dort studierten beide Kommunikationsdesign und gründeten schon während des Studiums die gemeinsame Agentur.

Heute haben sie in Kreuzberg ein 750-Quadratmeter-Studio, zu Hause im Winsviertel nicht mal mehr ein Büro. „Der Drucker war immer eingetrocknet“, sagt Marcus Gaab schmunzelnd. Ihre unzähligen Kunst- und Design-Bücher stehen im Studio in Kreuzberg. Darum sind sie gerade dabei, das heimische Arbeitszimmer, das nie wirklich eines war, abzuschaffen. Ein Raum für Sport soll es stattdessen werden.

Denn auch wenn sie einmal nicht arbeiten – „nur beim Kochen und Schlafen“ –, geschieht vieles ideell oder im Gespräch, so dass es dafür kaum Equipment braucht. „Außerdem“, sagt Christiane Bördner, „gerade für die Kinder muss irgendwann Schluss sein.“ Darum schätzt sie es auch, dass ihr Studio nicht gleich um die Ecke liegt. „So kommt man gar nicht erst auf die Idee, abends noch mal eben schnell ins Büro rüberzugehen.“

Treff- und Lebensmittelpunkt in dieser Wohnung mit Kinder- und Elternflügel ist die rund 30 Quadratmeter große Küche. Als längliches Berliner Zimmer mit nur einem Fenster in der Ecke ist sie relativ dunkel. „Wir sind aber eh fast nur abends hier...“ Die schlichte Ikea-Küchenzeile hat der Vermieter gestellt, Bördner und Gaab haben sie mit rustikalen Regalen aus silberfarben angesprühten Weinkisten aufgepeppt.

Das Problem des verlorenen Tischs wurde übrigens mithilfe einer Sonderanfertigung gelöst: „Wir haben einen Tischler gefunden, der Möbel aus alten Dielen macht“, sagt Christiane Bördner. Die Sitzgelegenheiten drum herum sind Fundstücke vom Flohmarkt: alte Schul- und Bürostühle, teils noch aus VEB-Produktion.

Durch die Küche geht es in ein Ankleidezimmer – das vor der Wohnungsverdopplung Kinderzimmer war. Dahinter folgt das Schlafzimmer. Dort sorgen die weiße Einrichtung sowie gebleichte und lasierte Bodendielen für Helligkeit.

Nach vorn heraus, ebenfalls von der Küche aus zu erreichen, liegen drei durch Flügeltüren verbundene Zimmer nebeneinander – sehr licht durch die großen Fenster und Balkontüren. Hier sind einige großformatige Arbeiten von Marcus Gaab die Hingucker. Zurzeit lehnen sie noch an der Wand. „Das gefällt uns nicht mehr“, sagt Christiane Bördner. „Die müssen wir aufgehängen.“ Warum sie keine Eigentums- statt der Mietwohnung besitzen? „Das ist das Schicksal der Selbstständigen“, sagt die Art-Direktorin. „Man weiß nie, was morgen kommt.“ Andererseits würde sie ohnehin am liebsten alles mieten. „Besitz ist Ballast“, sagt Bördner.

Der Traum bleiben die USA

Dementsprechend gehört Einkaufen nicht zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. „Shoppen haben wir nicht kultiviert“, sagt sie. „Es sammelt sich einfach vieles – und so wächst die Einrichtung.“ Bördner integriert ins Mobiliar auch Spezialanfertigungen, die bei ihren Fotosessions übrig bleiben. „Kunden nehmen nur kleine Gegenstände vom Set mit, alles andere wird weggeworfen.“ Das verschachtelte Holzregal, das im Wohnzimmer steht, ist das neueste dieser Überbleibsel. Die Lampe mit den großen Glasscheiben hat das Paar in Paris gefunden.

Fast könnte man vermuten, dass Bördner und Gaab sich vor allem für Secondhand-Interieur begeistern. Aber das verneinen die beiden. Es hänge immer von der Umgebung ab, sagen sie. In Köln zum Beispiel, wo sie vor Berlin in einem Loft gewohnt haben, waren ihre Zimmer modern eingerichtet. Und so sei es im Grunde mit jedem Stück ein bisschen wie mit dem mitgebrachten Küchentisch gewesen – zum Altbau mit ihren Holzdielen habe der moderne Stil einfach nicht mehr gepasst. „Wären wir damals in einen Neubau gezogen, würde unsere Einrichtung sicher anders aussehen“, sind sie überzeugt.

Und in New York City wäre vermutlich noch einmal alles anders. Die Stadt am Hudson ist so etwas wie ein Dauertraum von Marcus Gaab und Christiane Bördner. Schon vor 13 Jahren, als sie nach Berlin kamen, sollte es eigentlich nach New York gehen. Doch in letzter Minute machten sie einen Rückzieher: Der Auftrag, der ihren Start in den USA markieren sollte, erschien ihnen plötzlich unseriös. „Aber da wir gerade im Aufbruch waren, dachten wir: Gehen wir nach Berlin“, sagt Bördner. Die Wohnung im Winsviertel haben sie damals günstig bekommen. Da war die Ecke noch nicht so angesagt.

Mit ihrer Miete hat die Familie nach wie vor Glück – obwohl sich das Quartier inzwischen herausgemacht hat. „Das Winsviertel hat sich verändert“, sagt Gaab. „Zum Guten.“ Heute gibt es dort viele Restaurants. Nebenan werkele noch ein Korbflechter, sagt der Fotograf. „Eine lustige Mischung, die viel Lebensqualität bietet.“ Auch haben die engagierten Jogger mit dem Volkspark Friedrichshain in fünf Minuten Entfernung eine gute Laufstrecke zur Verfügung. Wer will da schon nach New York? Gaab und Bördner immer noch ein bisschen.