Stadtentwicklung

„Die Finanzkrise hält die Gentrifizierung auf“

Helga Jonuschat lobt das „Gesetz über das Verbot der Zweckentfremdung von Wohnraum“ als Vorstoß

Mit Helga Jonuschat, die über soziale Netzwerke in Nachbarschaften promovierte und beim Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel arbeitet, sprach Autorin Andrea Pawlik über das Winsviertel.

Berliner Morgenpost:

Frau Jonuschat, wodurch entsteht eigentlich ein bestimmtes Flair in einem Viertel?

Helga Jonuschat:

Ein Flair hat viel mit der Gemeinschaft vor Ort zu tun. Ein soziales Netz kann sich in jedem Stadtteil entwickeln, wobei oft für engere Kontakte gilt: Gleich und Gleich gesellt sich gern. Wenn sich Familien mit Kindern in einem Stadtteil niederlassen, baut sich auch die entsprechende Infrastruktur auf, die wieder andere Familien anzieht, und alle sind in der gleichen Lebensphase. Dann kommt es auch auf die Wohndauer an: Wenn dort alle schon seit zehn Jahren leben, entwickelt sich ein engeres soziales Netzwerk. Wenn man wegen vieler Ferienwohnungen und Hotels eine hohe Fluktuation an Menschen hat, wie zum Beispiel rund um den Gendarmenmarkt, dann kann sich auch kein sozialer Zusammenhalt vor Ort bilden. Da würde man dem Nachbarn nicht seinen Schlüssel geben.

Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang das Winsviertel?

Die Struktur im Winsviertel ist ganz gut gewachsen. Dort sind relativ früh Leute hingezogen, die auch jetzt noch dort sind und alte, günstige Mietverträge haben. Es gibt noch Eckkneipen und den kleinen Handwerksbetrieb. Im Winsviertel wurde die alteingesessene Bevölkerung nicht komplett weggentrifiziert.

Auf Dauer gerettet?

Wahrscheinlich nicht. Was wir gerade an der Torstraße in Mitte erleben, zehn Minuten Fußweg vom Winsviertel entfernt, wird wahrscheinlich irgendwann auch dort passieren. Dafür sind diese Stadtteile zu zentral. In Friedrichshain sieht das eventuell anders aus, weil es für Investoren nicht so attraktiv liegt.

Was passiert denn in den zentralen Kiezen?

Beispielsweise hat ein Vermieter an der Torstraße begonnen, nicht mehr dauerhaft zu vermieten. Dort stehen Wohnungen leer, die möblierte Apartments für Businessleute werden sollen. Damit lässt sich natürlich viel mehr Geld machen als mit normaler Vermietung. Aber für ein Viertel und sein soziales Netzwerk ist das der Tod. So etwas ist in Mitte weiter verbreitet als im Winsviertel, weil es sich um eine andere Eigentümerstruktur handelt. Im Winsviertel haben sich schon recht früh einige Baugruppen angesiedelt, und es gibt viele „Altmieter“. Das sind Leute, die im Viertel bleiben und sich kümmern. In Mitte ist dagegen zu viel von Fondsgesellschaften und Investoren aufgekauft worden. Wenn jemand von außen kommt und keine Ahnung von den Strukturen hat und auch kein Interesse, sich daran zu beteiligen, dann ist ein soziales Netzwerk ganz schnell zerschlagen.

Wird das so weitergehen?

Hoffentlich nicht mehr so schnell. Die Finanzkrise hält die Gentrifizierung ein bisschen auf. Und wer weiß, vielleicht findet immerhin noch ein Umdenken statt. Dass das Berliner Abgeordnetenhaus endlich das „Gesetz über das Verbot der Zweckentfremdung von Wohnraum“ beschlossen hat und damit die Umwandlung von Miet- in Ferienwohnungen untersagt, ist schon mal ein sehr guter Vorstoß.