Hausbau

Eiskalt weitergebaut

Eigenheimbau im Winter ist möglich, aber nur schwer berechenbar. Bauherren müssen abwägen, ob sich das Risiko lohnt

– Das Grundstück ist ein Traum: Südwest-Hanglage im Umland von Koblenz, mit idyllischen Weinbergen um die Ecke. Der Bauträger ist gefunden, das Darlehen genehmigt. Eigentlich kann das Abenteuer Hausbau beginnen. Wäre da nicht die kalte Jahreszeit. „Ursprünglich wollten wir schon vor zwei Monaten anfangen. Dann ließ aber das Bankdarlehen auf sich warten“, schreibt der Bauherr beim Online-Portal Hausbau-Forum.de. „Jetzt stehen wir vor der Frage, ob wir tatsächlich noch mit dem Bau beginnen oder bis zum Frühjahr warten sollen.“

Noch bis vor wenigen Jahren wäre die Entscheidung eindeutig ausgefallen. „Früher wurde im Winter überhaupt nicht gebaut“, sagt Rüdiger Mattis, Vizepräsident des Verbands Privater Bauherren (VPB). Bis zum Winter muss der Rohbau stehen, dann überwintern und austrocknen. Und im Frühjahr geht es mit dem Innenausbau weiter. So lautete das eherne Gesetz beim Eigenheimbau. „Bis 1886 war das Bauen im Winter zum Beispiel in Leipzig sogar baupolizeilich verboten“, sagt Mattis. „Heute ist das unvorstellbar: Bauunternehmer wollen das ganze Jahr arbeiten, Schlüsselfertiganbieter müssen Zeitpläne erfüllen, und Bauherren dringen auf schnellen Einzug, egal wie das Wetter ist.“

So wird mittlerweile auch schon mal zwei Wochen vor Weihnachten noch eine Baugrube ausgehoben und Beton gegossen. Denn technisch ist das Bauen im Winter unter bestimmten Voraussetzungen durchaus vorstellbar – die moderne Baustoffchemie macht es möglich. Dabei müssen jedoch der Bauherr und die von ihm beauftragten Firmen gut aufpassen. Schäden an der Bausubstanz sind sonst programmiert – und dann kann es richtig teuer werden.

„Auch wenn sich Technik und Baustoffe in den vergangenen Jahren weiterentwickelt haben, ist das Bauen im Winter keine einfache Aufgabe“, sagt Josef Reis, öffentlich bestellter Sachverständiger für Mauerwerk, Beton- und Stahlbetonbau, der für die Gesellschaft für Technische Überwachung (GTÜ) tätig ist. Bei Temperaturen über fünf Grad seien auf Winterbaustellen nur wenige Vorkehrungen notwendig. Sinken die Temperaturen jedoch unter diese Grenze, müssten Bauherr und ausführende Firmen achtsam sein. Der Grund, so der Bausachverständige: „Die Materialeigenschaften der Produkte können sich verändern.“ Eine Winterbaustelle bleibt daher auch heutzutage mit hohen logistischen und finanziellen Anforderungen verknüpft: Je nach Witterung und Baufortschritt müssen provisorische Überdachungen her, Bauöffnungen verschlossen und der Rohbau beheizt werden.

Schon das Betonieren der Bodenplatte wird bei winterlichen Temperaturen zur Herausforderung. „Der Ort, an dem der Beton eingebracht wird, muss frost-, eis- und schneefrei sein“, sagt Reis. Bei der Betonherstellung sollten Mischgut und Zugabewasser erwärmt werden, zur Sicherheit sollte Frostschutzmittel zugegeben werden. Manchmal sei auch der Ersatz von Normalzement durch einen – natürlich teureren – schnell abbindenden Zement notwendig, sagt Reis. „Auch die Erhöhung des Zementanteils schützt in gewissem Rahmen vor Frost.“ Holz- oder Stahlschalungen sowie der Baustahl gehören angewärmt. Und die betonierten Flächen müssen anschließend mit Folien oder Platten abgedeckt werden, um sie gegen Schnee, Frost und Zugluft zu schützen und so spätere Schäden zu vermeiden. Die Schalungen sollten dabei umso länger an Ort und Stelle bleiben, je kälter es ist – bis zu sechs Wochen, lautet der Experten-Ratschlag.

Auch Maurerarbeiten sind bei frostigen Temperaturen eine sensible Angelegenheit: Frostschutzmittel dürfen nicht verwendet werden, die Steine müssen komplett frostfrei sein. Mörtel beziehungsweise Kleber sollten möglichst eine Temperatur von zehn Grad haben, frische Mauern müssen abgedeckt und so vor Frost geschützt werden.

„Alle Mauerwerkskronen müssen sorgfältig mit Folie abgeklebt werden“, sagt VPB-Berater Mattis. „Sonst dringt bei Tauwetter Wasser in die Steine ein, und sie platzen bei erneutem Frost.“ Auf gefrorenem Mauerwerk darf auf keinen Fall weitergemauert werden. Und was der Frost beschädigt hat, muss abgetragen werden. „Um einen späteren Abriss zu vermeiden, sollte nur in geschützten, absolut frostfreien Umgebungen gemauert werden“, rät GTÜ-Experte Reis. Im Zweifelsfall sollte man bei Frost lieber ganz auf Maurerarbeiten verzichten.

Hauptproblem ist die Feuchtigkeit

Putzarbeiten im Außen- wie Innenbereich sind bei Minusgraden gänzlich tabu – die dünnen Mörtellagen vertragen keinen Frost. „Malerarbeiten dürfen bei Frost oder Frostgefahr nur in beheizten Räumen ausgeführt werden“, sagt Reis. „Zimmerer- und Holzbauarbeiten sind auch bei Frost auf schnee- und eisfreiem Untergrund, aber nur mit trockenem, ungefrorenem Holz möglich.“

Das Hauptproblem auf Winterbaustellen ist aber die Feuchtigkeit. „Wenn Estrich aufgebracht oder Innenwände verputzt werden, entsteht im Haus viel Feuchtigkeit“, sagt VPB-Experte Mattis. „Die muss raus.“ Und das geht nur durch konsequentes Heizen und Lüften. Weil aber die meisten Häuser in dieser Phase noch keine funktionierende Heizung haben, wird elektrisch geheizt. „Und weil das relativ teuer ist, wird oft darauf verzichtet“, beobachtet der Bausachverständige. Das spätere Ergebnis dieser Sparmaßnahme ist Schimmelbefall, der dann umso teurer saniert werden muss.

Schimmel kann häufig auch dann entstehen, wenn im Erdgeschoss und im ersten Stock verputzt und geheizt wird, während die Luke zum unausgebauten und ungedämmten Dachgeschoss sperrangelweit offen steht. „Dann zieht die Feuchtigkeit aus den unteren Bereichen wie in einem Kamin nach oben und schlägt sich an den kühlen Dachsparren nieder“, sagt Bauexperte Mattis. Im schlimmsten Fall verschimmeln die Dachbalken dadurch so stark, dass sie später ausgetauscht werden müssen. Deshalb sollte die Dachbodenluke im Winter immer gut verschlossen werden.

Klar ist: Bauen im Winter ist teurer als im Sommer, schon wegen der Heizkosten. Außerdem gehen Bauherren aufgrund des Frosts zusätzliche finanzielle Risiken ein. Deshalb sollten sie sich gut überlegen, ob sich ein paar Wochen Winterpause nicht doch verkraften lassen. Unter bauphysikalischen Aspekten wäre das am sinnvollsten.